Actions

Work Header

Kinder der See

Chapter 2: 1 Gemini

Summary:

Dieses Kapitel wurde mit KI überprüft und verbessert

Chapter Text

Breit grinsend stand er am Steuerrad. Seine Haare, von unzähligen Dreadlocks wild verfilzt und von Salz verkrustet, wehten im Wind. Den alten Dreispitz trug er schon lange nicht mehr – das treue Stück war nach all den Jahren schlicht auseinandergefallen. Ein neuer würde im nächsten Hafen auf ihn warten. Sein Bandana, das man beim besten Willen nicht mehr als rot bezeichnen konnte und das mehr Löcher und Flicken aufwies als heilen Stoff, hielt ihm die Haare aus dem Gesicht. Wenn er lachte, blitzten seine Goldzähne hell im Sonnenlicht auf. Sein Gehrock flatterte im Fahrtwind und bauschte sich hinter ihm auf wie ein stolzes Segel. Nie hätte er gedacht, dass er einmal wunschlos glücklich sein würde.

Wenn er daran zurückdachte, wie er das erste Mal in Port Royal gelandet war – mit einem so lecken Kahn, dass er exakt in dem Moment bis zur Mastspitze sank, als er den Steg betrat –, hätte er niemals geglaubt, dort der Liebe seines Lebens zu begegnen. Eigentlich hatte er nur ein Schiff kapern, eine Mannschaft anheuern und seine Black Pearl zurückerobern wollen. Doch das Schicksal hatte andere Pläne mit ihm gehabt. Im Nachhinein betrachtet: verdammt gute Pläne. Auch wenn der Weg bis hierher steinig gewesen war. Doch daran wollte er jetzt nicht denken. Dieser Weg war gepflastert gewesen mit zu viel Schmerz und Angst.

Ein kurzer Schauer überlief ihn. Er konnte den abgrundtiefen Hass auf diesen Mann noch immer spüren, auch wenn der Kerl nun schon seit fast zwei Jahren bei den Fischen lag.

„Worüber denkst du nach?“ Starke Arme schlangen sich von hinten um seine Taille und ein warmer, kräftiger Körper schmiegte sich an seinen Rücken.

„Darüber, wie wir uns kennengelernt haben, Liebling.“ Jack drehte den Kopf und blickte in ein vertrautes Gesicht mit schokoladenbraunen Augen. Wills schulterlanges Haar war mit einem schmalen Bandana zurückgebunden.

Der junge Schmied lächelte sanft und drückte einen leisen Kuss auf Jacks Lippen. „Auch wenn unser Kennenlernen holprig war und unter keinem guten Stern stand, Jack... ich bin froh, dass wir alles überstanden haben.“

„Ja“, erwiderte Jack und sah ihn mit einer seltenen, ehrlichen Zärtlichkeit an. „Das Schicksal war uns hold. Mögen alle Götter über uns wachen.“

Will lächelte matt. „Eine Göttin ist zumindest auf unserer Seite.“ Er blickte hinaus aufs offene Meer und grinste breit.

„Das stimmt wohl. Irgendwann musst du mir mal verraten, wie du zu Calypsos Liebling wurdest“, lachte Jack, ehe er Will erneut küsste. Schließlich löste sich der Schmied aus der Umarmung und trat neben ihn an die Reling. Die pralle Sonne schien auf sein Gesicht und hob die gezackte, tiefe Narbe hervor, die sich von seinem rechten Auge bis zum Kinn zog. Ein grausames Souvenir. Jack spürte, wie sich ihm das Herz zusammenzog, und das Holz des Steuerrads knarrte unter seinem plötzlich festen Griff. Er machte sich immer noch Vorwürfe.

Will bemerkte es, legte eine Hand auf Jacks Arm und sagte leise: „Liebster, es ist vorbei. Er ist tot.“

Jack schüttelte den Kopf, der Blick starr auf die Wellen gerichtet. „Nein. Ich hätte dich eher retten müssen. Wenn ich nur...“

Will stellte sich direkt vor Jack und sah ihn mit unendlicher Liebe an. „Du hast mich gerettet, Jack. Alles ist gut.“

Jack ließ das Steuerrad los und nahm Wills Gesicht vorsichtig in seine rauen Hände. „Wenn ich schneller gewesen wäre, hättest du diese Narben nicht. Und Cutler Beckett hätte nicht...“

Der Schmied legte seine Hände über die von Jack und küsste sanft seine Handinnenfläche. „Du hast mich gerettet, bevor er mir mehr als nur diese Narbe verpassen konnte. Ohne mein Auge könnte ich nicht mehr schmieden – und nicht mehr mit dir segeln. Und jetzt reden wir nicht mehr über ihn. Klar soweit?“

„Hey, das ist mein Spruch!“, beschwerte sich Jack, doch ein amüsiertes Funkeln trat in seine Augen. Er beugte sich vor und küsste ihn innig. „Ich liebe dich, William Turner. Von ganzem Herzen.“

„Ich liebe dich auch, Jack Sparrow. Von ganzem Herzen. Und genau deshalb... wollte ich dich etwas fragen. Eigentlich beschäftigt mich das schon länger.“

Jack sah ihn gespannt an.

„Du hast mir doch mal von der Piratenehe erzählt“, fuhr Will fort, und seine Stimme wurde etwas leiser. „Wo die Männer sich statt Ringen gegenseitig ein Tattoo stechen.“

Jacks Mund wurde schlagartig trocken. Er ahnte, worauf das hinauslief, und sein Herz klopfte wie wild gegen seine Rippen.

„Willst du die Piratenehe mit mir eingehen, William Turner? Mit allen Rechten und Pflichten?“

Wills Augen strahlten auf und er nickte begeistert. „Ja. Das will ich.“

Jack stieß einen lauten Jubelruf aus. „Master Gibbs!“, brüllte er über das Deck, um seinen ersten Maat herbeizurufen.

„Captain? Was kann ich für Euch tun?“

„Master Gibbs, Will und ich werden die Piratenehe eingehen! Wir ändern den Kurs – auf direktem Weg zur Schiffswrackinsel!“

Gibbs, der sich insgeheim schon auf die Tavernen der nächsten regulären Insel gefreut hatte, starrte den Captain einen Moment lang fassungslos an. Doch als die Worte einsickerten, hellte sich sein Gesicht auf. „Eine Piratenhochzeit? Oh, beim Klabautermann, da wird sich die Mannschaft freuen!“ Singend und gut gelaunt drehte er sich um, trieb die Männer mit lauter Stimme zur Arbeit an und verkündete den Kurswechsel samt Grund. Auf dem Deck gab es kein Halten mehr; die Crew brach in lautstarken Jubel aus.

„Wie genau läuft so eine Piratenhochzeit eigentlich ab?“, fragte Will, dem die Sache nun doch ein wenig nervöses Kribbeln im Bauch bescherte.

Jack lachte leise. „Jetzt fragst du erst? Im Grunde ist es ganz einfach: Unter Piraten schert sich niemand darum, wen das Herz begehrt. Ob Männlein oder Weiblein, ob eine Ehe nach den Regeln der 'zivilisierten' Welt oder unter Gleichgesinnten – auf See zählt das nicht. Wenn zwei aus der Crew heiraten, traut sie normalerweise der Captain. In unserem Fall muss es allerdings jemand Höherrangiges der Piratenbruderschaft sein. Und die sitzen alle auf der Schiffbruchinsel. Dort werden auch alle Ehen im Buch verzeichnet.“

„Es gibt also doch eine Art Regierung unter den Piraten?“

„Nun, keine Regierung im eigentlichen Sinne. Es sind die Wächter des Piratenkodex. Sie haben das letzte Wort und genießen das höchste Ansehen.“

„Und diese Wächter sollen uns trauen?“

„Genau die, Kumpel. Und danach wird gefeiert, bis das Fass trocken ist.“

„Und die Zeremonie selbst?“

Jack verzog leicht das Gesicht. „Nun, das ist der schmerzhafte Teil. Ich werde dich in meinen Armen halten, während derjenige, der uns traut, dir mein Siegel und meine Flagge in den Nacken tätowiert. Je länger du durchhältst, ohne aufzuschreien, desto höher ist dein Ansehen danach.“

Will nickte langsam, während er die Worte verdrahtete. „Und je länger ich durchhalte, desto höher ist auch dein Ansehen, richtig?“

Jack bestätigte es mit einem stolzen Nicken. Dann zog er Will fest an sich und vergrub das Gesicht in der Halsbeuge seines Liebsten.

„Auf der einen Seite macht mir das Angst“, gestand Will leise, „aber auf der anderen Seite bin ich unglaublich aufgeregt. Klingt verrückt, oder?“

Jack schüttelte den Kopf. „Nein, ganz und gar nicht. Ich habe schon viele Hochzeiten erlebt, Will. Große, starke Kerle, die vorher getönt haben, was für harte Hunde sie seien – und bei der Zeremonie haben sie geheult wie die Schlosshunde oder sind ohnmächtig geworden. In dem Fall wird die Trauung abgebrochen und du bist der Gespött der Sieben Meere. Aber ich weiß, aus welchem Holz du geschnitzt bist, William. Ich vertraue dir.“

Will lächelte und erwiderte die Umarmung. Er schwor sich, Jack auf keinen Fall zu enttäuschen.

Es dauerte fast zwei Wochen, bis die Black Pearl die Schiffbruchinsel erreichte. Der Name war wahrlich Programm: Die gesamte Insel bestand aus Hunderten von alten Schiffswracks, die scheinbar wahllos in- und übereinandergestapelt und mit Tauen und Holzstegen verbunden waren. Will klappte staunend der Mund auf. „Wow“, war das Einzige, was er herausbrachte.

„Schön, nicht wahr? Hier bin ich aufgewachsen“, erzählte Jack mit einem nostalgischen Unterton in der Stimme. Er ließ das Schiff anlegen und gab der Crew Befehl, alles für den Landgang vorzubereiten.

Kaum war die Laufplanke auf den Pier hinuntergelassen worden, traten zwei grimmig dreinschauende Wachen vor. „Euer Begehr?“, fragte einer mit rauer Stimme.

„Ich bin Captain Jack Sparrow“, verkündete Jack mit seiner unnachahmlichen, theatralischen Gestik. „Und ich würde mich überaus freuen, meine Piratenhochzeit in diesen ehrwürdigen Hallen zelebrieren zu dürfen.“

Die Wache musterte ihn misstrauisch. „Und wer ist der Glückliche?“

„Ich selbst natürlich!“, erwiderte Jack mit einem charmanten Grinsen.

Die Wachen wechselten einen kurzen Blick, dann verschwand einer von ihnen im staubigen Labyrinth des Ortes Schiffbruch. Wenige Minuten später kehrte er zurück und nickte seinem Gefährten zu.

„Willkommen auf der Schiffbruchinsel, Captain Sparrow“, sagte die Wache und trat beiseite.