Work Text:
Es ist ein Dienstag wie jeder andere. Hörnchen, Kaffee, Besprechung, Papierkram, Kaffee, Kantine.
Und dann liegt sie plötzlich da.
Mitten in ihrem Büro, auf halber Strecke zwischen Leos und Esthers Schreibtisch, und ziemlich unübersehbar tot.
Zum einen, weil sie sich nicht rührt. Zum anderen, weil sie aus weit aufgerissenen, leeren Augen an die Decke starrt. Vor allem aber, weil sie in einer Lache aus ihrem eigenen Blut liegt, das aus mehreren Wunden an ihrem Körper tropft. Kurzum, sie ist so tot, wie man nur tot sein kann.
Ihnen ist allen klar, dass das nur einer gewesen sein kann, noch bevor Esther es ausspricht.
„Rainer.”
Einen Moment stehen sie einfach nur da und starren auf das Massaker auf ihrem Teppichboden, sehen zu, wie das Blut in die blauen Fasern sickert.
„Scheiße”, sagt Pia dann.
„Fuck”, sagt Adam.
„Merde”, sagt Esther.
„Nicht schon wieder”, sagt Leo.
Drei Augenpaare starren ihn entsetzt an.
„Was soll das heißen, nicht schon wieder?”, zischt Esther. „Verdammt, Leo, hat der das schon mal gemacht?”
„Äh – naja, also… –” Leo weicht Esthers Blick aus, kratzt sich ertappt im Nacken. „Ich mein, vielleicht hab ich letzte Woche gesehen, wie er… aber halt hinterm Präsidium, nicht… – mann, wir wissen doch gar nicht sicher, ob er das hier war!”
„Wer zur Hölle soll das sonst gewesen sein?! Einer von uns vielleicht?”
„Na, nett, Baumann, dass du mir diesen Mord zur Abwechslung mal nicht zutraust”, schnaubt Adam von der Seite.
Esther funkelt ihn an. „Trägst du mir das echt immer noch nach? Ernsthaft, was glaubst du denn, wie das damals von außen für jede Person mit auch nur einem Funken Objektivität – ”
„Ich sag ja nur, du hättest wenigstens mal in Betracht ziehen können, dass –”
„Dass was? Dass dein Vater dich mit einem mysteriösen Frosch –”
„Leute”, murmelt Pia dazwischen und presst eine Hand auf den Mund. „Ich glaub mir wird schlecht.”
Augenblicklich hält Esther inne. Pias Blick ist noch immer starr gen Fußboden gerichtet und ihre Gesichtsfarbe erinnert verdächtig an den fahlen Ton ihres neuen Recycling-Druckerpapiers. Und ein wenig wackelig auf den Beinen sieht sie plötzlich auch aus.
„Ach komm, Heinrich, du bist doch sonst auch nicht so zimperlich, wenn du ne Leiche –”
„Klappe, Schürk”, faucht Esther und eilt an Pias Seite. „Setz dich mal hin, Spätzchen.”
Sie wirft Leo einen bösen Blick zu, während sie Pia behutsam auf ihren Bürostuhl manövriert. „Ich hab gleich gesagt, dass das ‘ne Scheißidee ist, als Rainer hier aufgetaucht ist!”
„Mann, das kann doch mal passieren –”
Esther lacht auf, schüttelt fassungslos den Kopf. „Das kann doch mal passieren?! Leo, ich versteh ja, dass ihr Buddys seid oder so, und deine Loyalität ist wirklich herzzerreißend, aber putain, sieh dir das doch an!” Sie deutet auf die Blutlache zu ihren Füßen.
„Der meint das doch überhaupt nicht so –”
„Das ist mir scheißegal, wie er das meint, Leo!”
Viel fehlt nicht, bis Esther kleine Dampfwolken aus den Ohren zu steigen beginnen. Sie nimmt einen tiefen Atemzug. „Ich glaub du verstehst den Ernst der Lage nicht. Das geht so nicht. Erst hängt der ständig bei uns im Büro rum, und jetzt… das hier. Wir müssen das melden. Sofort.”
„Gar nichts meldest du hier”, zischt Adam und wirft ihr einen drohenden Blick zu.
„Was schlägst du denn bitte stattdessen vor? Tatortreiniger spielen, heimlich alle Spuren wegschrubben und das hier einfach so vertuschen?”
Adam zuckt mit den Schultern. „Find ich jetzt am naheliegendsten?”
Esther starrt ihn entgeistert an.
„Ich… kenn da wen”, fügt Leo zögerlich hinzu. „Also, bei der Tatortreinigung. Schotty kriegt echt jeden Fleck weg, wenn ich den mal ganz diskret nach ein paar Tipps frage–”
Esther starrt noch entgeisterter.
Blinzelt, einmal, zweimal.
Dann stößt sie ein verzweifeltes Lachen aus, fährt sich durch die Haare. “Das könnt ihr nicht ernst meinen. Das könnt ihr doch alles nicht ernst meinen.“ Sie wirft Pia einen hilfesuchenden Blick zu.
Die sitzt noch immer auf ihrem Bürostuhl, das Gesicht inzwischen zumindest wieder um ein paar Nuancen lebendiger, und schaut zögerlich zurück. „Was wird denn sonst aus Rainer?”, fragt sie leise.
„Pia. Rainer dürfte nicht mal hier sein. Wenn die in der Chefetage das mitkriegen –”
„Werden sie aber nicht”, zischt Adam. „Es sei denn, eine von uns schafft es mal wieder nicht dichtzuhalten.”
„Ich hab von Anfang an gesagt, wir können den nicht einfach –”
„Klappe, Baumann. Wir stecken da jetzt alle zusammen drin.”
„Esther”, murmelt Pia. „Adam hat Recht.” Sie robbt auf ihrem Bürostuhl ein Stückchen zu Esther rüber, legt ihr sanft eine Hand auf den Unterarm. „Wir sind ein Team. Und Rainer gehört da jetzt halt irgendwie mit zu. Wir können den jetzt nicht einfach so im Stich lassen.”
Esther sieht Pia an. Sieht Leo und Adam an. Sieht zurück zu Pia. Vergräbt das Gesicht in ihren Händen und sieht kurz aus, als würde sie alle Lebensentscheidungen in Frage stellen, die sie an diesen Punkt geführt haben.
Dann stößt sie ein langes, resigniertes Seufzen aus, und ihre Schultern senken sich, als würde ihr gerade das letzte bisschen Widerstandskraft entweichen. „Gut. Gut, okay, von mir aus.”
Ein erleichtertes Aufatmen geht durch den Raum, Leo wirft Pia einen dankbaren Blick zu. Für einen Moment scheint die allgemeine Katastrophenstimmung fast wie auf Pause gedrückt – läge da nicht immer noch ein wesentliches und ziemlich blutiges Problem mitten auf ihrem Teppichboden.
„Und was machen wir jetzt mit der hier?”, fragt Esther also.
Adam zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung. Irgendwie in den Müll draußen und hoffen, dass das keiner sieht.”
„In den Müll?” Pias Augen weiten sich. „Das geht doch nicht, Adam. Wie fändst du das, wenn wir dich einfach in den Müll werfen würden?”
„Hast du ne bessere Idee?”
„Keine Ahnung… irgend’nen würdigeren Ort finden zum Vergraben?”
„Von mir aus.”
„Okay. Und wer von uns…?”
Mit einer Lichtgeschwindigkeit, die Adam sonst nur an den Tag legt, wenn es darum geht, das letzte Gummitierchen in der Tüte zu ergattern, tippt er sich mit dem Zeigefinger an die Nasenspitze. „Ich nicht!”
„Ich auch nicht!”, rufen Pia und Leo aus einem Mund und tun es ihm gleich.
Drei Augenpaare richten auf Esther.
Die kann schon wieder nur starren, und die Fragen, die ihr durch den Kopf schießen, stehen ihr unmissverständlich auf die Stirn geschrieben. Warum sie ihren Job noch nicht längst hingeschmissen hat. Wo in ihrer beruflichen Laufbahn sie falsch abgebogen ist. Wieso sie nicht gleich Erzieherin geworden ist, wenn ihr Arbeitsplatz sich ohnehin kaum von einem verdammten Kindergarten unterscheidet. Oder von einem Zirkus.
„Nee”, sagt sie dann und schüttelt den Kopf. „Nee, ganz sicher nicht. Ich fass die nicht an. Du bist doch so dicke mit Rainer, Leo, warum kannst du das nicht –”
„Shhh!”, unterbricht Pia sie plötzlich. Sie schiebt ihren Zeigefinger hektisch von der Nasenspitze runter zu ihren Lippen. „Habt ihr das gehört?”
„Wovon redest –”
„Klappe, Schürk, sei doch einmal kurz –”
Ein Klopfen. Schon wieder. An ihrer Bürotür, deutlich energischer diesmal.
Sofort ist die Katastrophenstimmung zurück.
„Fuck”, murmelt Leo. „Fuckfuckfuckfuckfuck.”
„Mach auf!”, flüstert Pia ihm panisch zu.
„Bist du bescheuert?”, zischt Adam. „Wer auch immer da draußen steht, sieht doch direkt –”
Da hat Leo auch schon einen Satz zur Tür gemacht und sie einen winzigen spaltbreit aufgezogen. „Äh –‘tschuldigung, ist gerade wirklich schlecht”, murmelt er durch den Spalt.
“Mrrrrrrr!”, kommt es seltsam langgezogen und kläglich von der anderen Seite zurück.
Ehe er so richtig darüber nachdenken kann, zieht Leo die Tür ein Stück weiter auf. Eine kleine Frau mit wachen Augen, wirren braunen Locken und leicht knittriger Uniform blinzelt ihm entgegen – Sybille vom Empfang.
Sybille, und etwa fünf Kilo struppiges, schwarz-braunes Fell, das sie in ihren Armen trägt.
„Rainer!”, seufzt Leo erleichtert und lässt die Tür ganz auffallen.
Sybille mustert ihn. „Tach. Das ist dann wohl tatsächlich Ihrer?”
„Äh –”, macht Leo unbeholfen.
Sofort schiebt Esther sich an seine Seite, setzt ihre beherrscht-souveränste Pokerstimme auf. „Wie… kommen Sie darauf?“
Einen Moment runzelt Sybille die Stirn. Dann huscht ein Ausdruck des Verstehens über ihr Gesicht und ihre Züge glätten sich. Sie lacht, zwinkert den beiden zu. „Ach, na, machen Sie sich da mal keine Sorgen. Das Team vor Ihnen hatte auch mal ‘ne Bürokatze. Da hat niemand was gegen, solange Sie sich ‘ne formale Genehmigung einholen.” Ihr Blick fällt in den Raum hinter Leo und Esther. „Oh je. Ich sag dem Reinigungsdienst Bescheid.”
Damit setzt sie den struppigen Fellball auf ihrem Arm auf dem Boden ab und verschwindet mit eiligen Schritten den Flur hinunter.
Rainer tapst sofort zielstrebig auf Esther zu und beginnt, ihr maunzend um die Beine zu streichen. Die steht etwas unbeholfen an der Türschwelle und lässt die pelzige Attacke irgendwie über sich ergehen.
„Damit hätten wir das Motiv auch geklärt. Ich glaub, das Geschenk war für dich, Esther”, grinst Adam.
„Das nächste mal tut's statt ner verdammten Maus auch ein Spa-Gutschein”, grummelt sie. Mit einem leichten Augenrollen lässt sie sich dann aber doch in die Hocke nieder und streicht zögerlich über Rainers Fell, der sofort begeistert zu schnurren beginnt.
„Wenn der bei uns bleiben will, dann muss er aber auch mit ermitteln”, fügt sie trocken hinzu. “Kann ja nicht sein, dass ich hier für noch eine Person mehr mitschufte.”
Pia grinst. „Deal. Wir setzen ihn auch erstmal nur auf Fälle in seinem eigenen Mileu an.”
„Seinem eigenen Milieu?”, fragt Adam.
„Na, andere Streuner.”
„Streunerfahndung, sozusagen?”
Leo nickt begeistert, ein breites, erleichtertes Strahlen zieht sich über sein Gesicht.
„Willkommen im Team, Rainer von der Streunerfahndung.”
