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Fandom:
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Character:
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Language:
Deutsch
Series:
Part 9 of Schlaf gut, Tiger
Stats:
Published:
2025-12-28
Words:
4,246
Chapters:
1/1
Kudos:
10
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1
Hits:
186

Das Herz des Tigers

Summary:

Leo hatte gerade das Schlimmste machen müssen, was er je getan hatte. Schlimmer, als den Vater seines besten Freundes mit einem Spaten ins Koma zu befördern. Er hatte besagten besten Freund… er hatte Adam verhaftet.

 

HdS im Tigerverse

Work Text:

Leo leckte sich über die spröden Lippen und schmeckte Metall. Blut. Er wusste nicht, ob sie aufgerissen waren, weil er die letzten Tage das Trinken vernachlässigt hatte und sie daher trocken waren, oder ob er unbewusst so lange darauf herumgebissen hatte, bis eine kleine Wunde entstanden war. Doch das war derzeit sein geringstes Problem, daher konnte er seinen Gedanken nicht länger als nur wenige Sekunden auf dem Blutgeschmack in seinem Mund fokussieren.

Das größere Problem war hinter ihm. Das Knirschen der Einsatzstiefel der Kollegen auf dem Waldweg. Adam zwischen ihnen.

Er hatte gerade das Schlimmste machen müssen, was er je getan hatte. Schlimmer, als den Vater seines besten Freundes mit einem Spaten ins Koma zu befördern. Er hatte besagten besten Freund… er hatte Adam verhaftet. Ihm Handschellen angelegt, trotz Adams verzweifeltem Blick. Hatte ihn den Kollegen vom SEK überstellt. Hatte sich abgewandt, ihm den Rücken zugewandt, weil er es einfach nicht ertragen konnte. Er konnte nicht dabei zusehen, wie Adam abgeführt wurde.

Denn er wusste nicht, was er tun würde, wenn er zusehen müsste. Er wusste nicht, was er tun würde, sollte Adam sich zu ihm umdrehen, ihn flehend ansehen. Er wusste, dass die Kollegen bewaffnet waren, bis unter die Zähne. Sollte er eingreifen, würden sie nicht zögern, zumindest ihre Taser gegen ihn einzusetzen, falls Worte und körperliche Abwehr nicht halfen.

Natürlich tat er nichts von all dem, auch wenn seine Gedanken rasten. Auch wenn seine Hände zu Fäusten geballt waren und bebten. Auch wenn seine Fingernägel rote Halbmonde in seine Handflächen gruben.
Er schloss erleichtert die Augen, als quietschende Reifen und sich entfernende Motoren endlich signalisieren, dass sie weg waren. Sie hatten zwar Adam mitgenommen, aber so musste er sich wenigstens nicht mehr selbst im Zaum halten. Sich selbst davon abhalten, etwas Unüberlegtes, Dummes zu tun.

Leo wischte sich fahrig über das Gesicht. Erst dann drehte er sich um und blickte den Weg hinauf, den Weg, den Adam hochgeführt worden war, als würde er zum Schafott geleitet. Sein Blick war in die Ferne gerichtet, nicht auf die grünen Blätter oder den strahlenden Sonnenschein, der den Boden zum leuchten brachte.

Seine Gedanken schossen ihm durch den Kopf wie die Kugeln in einem Flipperautomaten und sobald sie gegen seinen Schädel prallten, gab es einen lauten Knall, verbunden mit Schmerz.
Als er am Vortag die Leiche des alten Schürks gesehen hatte, hatte er für einen aberwitzigen Moment gedacht, dass das all seine Probleme lösen würde. Niemand mehr da, der Zeuge seiner Tat vor mehr als fünfzehn Jahren war. Niemand da, dem er deshalb nicht in die Augen sehen konnte, weil dort noch immer Schuld war, Schuld, die auch nach siebzehn Jahren noch immer nicht verschwunden war. Die ihn noch immer in seinen Alpträumen begleitete.

Gestern hatte er sich für eine Sekunde frei gefühlt. Bis ihm der Gedanke gekommen war, dass er sich niemals über den Tod eines Menschen freuen sollte, da das einfach nicht seine Art war. Auch wenn das Opfer Roland Schürk hieß. Auch wenn das Opfer seinen Freund damals jahrelang gequält hatte. Durfte man sich über so einen Tod freuen? Sein Verstand sagte nein, denn jedes Leben war es wert, geschützt zu werden, daher hatte er diesen Beruf ergriffen. Auch, um Opfern von Gewalttaten beizustehen. Und mit einer Schusswunde im Bauch war Schürk eindeutig ein Opfer. Nur – ein Opfer von wem? Doch es hatte keine Einbruchspuren gegeben. Heide als Täterin? Konnte er sich nur schwer vorstellen, wenn auch sie genauso unter ihrem Mann gelitten hatte, wie Adam. Also Selbstmord?

An Adam als Täter hatte er keine Sekunde gedacht.

Dann kam Hennys Bericht darüber, dass die Schussdistanz unmöglich für einen Selbstmord in Frage kam. Dass das Erbrochene, das neben dem Sessel gefunden worden war, von einem nahen Verwandten stammen musste. Dass der alte Schürk keinen Bruder hatte, wusste Leo. Also blieb nur noch Adam, von dem sie wegen dem Video wussten, dass er am Tatort war. Von dem sie wussten, dass er von ihrer Feier mit seiner Dienstwaffe weggegangen war. Dass Adam direkt zu seinem Vater gefahren war, hatte ihnen die Uhrzeit des Videos gezeigt.

Trotzdem ergab das in seinen Augen keinen Sinn. Adam würde nie jemanden töten, selbst seinen Vater nicht, auch wenn er wahrlich allen Grund dazu hätte.
Aber ergab Adams Erzählung gerade eben mehr Sinn? Er hatte Adams Verzweiflung klar erkannt. Seine Zweifel daran, ob er, Leo, ihm glauben würde.
Es hörte sich haarsträubend an, geradezu hanebüchen. Es hörte sich unglaublich an, wie reine Fantasie. Es war eine Ausrede, die er niemandem geglaubt hätte, hätte er ihm diese Geschichte erzählt. Aber das war Adam. Würde der ihn tatsächlich anlügen?

Leo strich sich mit der Hand über den Nacken. Sah in die Richtung, in die er Adam hatte weggehen sehen, als würde dieser dort noch stehen und könnte ihm seine drängenden Fragen beantworten. Er schloss die Augen und massierte sich die Schläfen, denn der Kopfschmerz wollte nicht aufhören. Doch er musste sich konzentrieren können, wenn er die Ereignisse verstehen wollte.

Er begann, hin und her zu laufen wie ein Tiger in seinem Käfig, nur dass seine Beine gerade weich waren, wie Pudding und er nicht das Gefühl hatte, dass sie ihn ausreichend tragen würden. Doch er zwang sich selbst dazu, einen Fuß vor den anderen zu setzen, Schritt für Schritt, auch wenn hier am Angelplatz nur ein paar Meter waren, die er wirklich so nutzen konnte.

Also.
Die Fakten.

Roland Schürk war tot. (Endlich.) Eine Schusswunde im Bauch, an der er vier bis sechs Stunden verblutet war. Es war ein langer und elendiger Tod gewesen. (Absolut verdient.) Die Wunde war ihm aus einer Distanz beigebracht worden, die einen Selbstmord ausschloss. Adam war direkt nachdem er von ihrer Feier aufgebrochen war, zu seinem Elternhaus gefahren und hatte einen Wutausbruch vor der Tür, der von seinem Vater aufgezeichnet und als Beweis oder Indiz geplant worden war. Das Erbrochene neben dem Sessel gegenüber der Leiche war von einem nahen Verwandten; der einzige, der infrage kam, war Adam. Heide, die von Schürk in ein Hotel geschickt worden war, die aber ausgesagte hatte, dass ihr Mann wollte, dass sie ihr Handy da ließ.

Dann Adams Geschichte. Der Frosch. Das Gift. Der Stich.

Man hatte keine Nadel am Tatort gefunden, weder mit noch ohne Gift. Und wie sollte Adams Vater sich auf diese Distanz selbst erschossen haben? Adam hatte seine Waffe dabeigehabt, diese hätte er also verwenden können. Aber die Distanz? Wie sollte er das gemacht haben?

Er wollte Adam glauben, wirklich, aber ihm fehlten noch zu viele Informationen. Und die würde er nicht erhalten, wenn er weiter hier wie ein geprügelter Hund hin und her lief. Er musste handeln, ermitteln und das war etwas, das er gut konnte, das traute er sich zu. Aber wo anfangen?

Er sah sich um und blickte auf das, was das SEK hier gelassen hatte. Adam hatten sie mitgenommen, seine Waffe auch, schließlich war diese möglicherweise die Mordwaffe. Wenn es war, wie Adam sagte und sein Vater ihm seinen Selbstmord als Mord in die Schuhe schieben wollte, dann war es mit Sicherheit die Mordwaffe. Und weil es Adams Waffe war, waren natürlich auch nur seine Fingerabdrücke darauf vorzufinden. Aber das ließ sich leicht erklären, dazu brauchte man nur Handschuhe.

Zurückgelassen hatten sie alles, was Adam dem Safe entnommen hatte, denn dafür waren sie nicht zuständig und vertrauten wohl darauf, dass er das den Kollegen von LKA 3 übergab. Aber denen traute er nicht. Adam war dort eindeutiger Täter, kein Opfer.
Er hatte so viele Hoffnungen in den Safe gesetzt, vor allem, weil es ihn so an ihren Fall erinnert hatte. Überfall, Safe geöffnet, das Opfer zufällig, da sie die Täter überrascht hatten. Zu dem Zeitpunkt hatte er noch an einen Raub geglaubt. Doch Adam hatte den Safe selbst geöffnet, also keine anderen Personen, die involviert waren. Wenn Adam selbst diese Sachen entnommen hatte, konnte Leo sie auch nicht als Beweise verwenden, immerhin war Adam tatverdächtig, könnte alles manipuliert haben. Er sah die Rechnung von dem Frosch und das Bild. Die Rechnung würde LKA 3 nicht brauchen, die hatten schließlich den Frosch. Aber er konnte herausfinden, warum Adam das Foto oder die Personen darauf für wichtig hielt.

Dafür musste er ins Präsidium, dort hatte er mehr Möglichkeiten. Oder noch besser: Frau Schürk konnte ihm vielleicht helfen, vielleicht kannte sie die zweite abgebildete Person.

 

**

 

Die nächsten Stunden waren für Leo unwirklich. Es war, als würde er neben seinem Körper stehen und alles wie in einem schlechten Film mitansehen.

Frau Schürk konnte ihm tatsächlich sagen, wer die zweite Person auf dem Foto war. Boris Barnes, der Onkel von Adam, wenn auch nicht blutsverwandt. Warum Adam diesen für wichtig hielt klärte das nicht, aber es war ein Anfang.
In dem Sessel im Wohnzimmer zu sitzen, dem Sessel gegenüber, in dem die Leiche gefunden worden war, war beklemmend. Kurz sah er vor seinem inneren Auge das Szenario, das sich alle andern vorstellten: Adam, der in einem Anfall von Wut seine Waffe zog und seinen Vater damit erschoss. Doch das Bild passte für ihn nicht. Adam würde nicht seine Waffe ziehen, auch nicht, wenn sein Vater ihn provozierte. Adams Geschichte klang unglaubwürdig, aber sie klang für ihn stimmiger, als die Variante, in der Adam schoss. Nein, das konnte er einfach nicht glauben, darin wurde er sich immer sicherer.

Doch es fehlten die Beweise.

Eine Idee kam ihm erst, als er den Rauchmelder direkt über dem Tisch sah. Denn ganz am Rande seiner Gedanken war auch immer noch ihr Fall. Oder vielleicht war es auch einfach nur die eigene Verzweiflung, die ihm diesen Einfall brachte. Doch dann stellte sich heraus, dass ihm sein Instinkt recht gab. Dort, versteckt in dem Rauchmelder, befand sich tatsächlich auch eine Kamera, ausgerichtet auf den Safe. Und wenig später fand er auch den dazugehörigen Router. Natürlich durfte niemand wissen, dass er beides gefunden hatte, denn das wären private Ermittlungen, die er nicht anstellen durfte und die daher nicht gerichtsfest wären. Also überredete er Adams Mutter dazu, anzugeben, sie selbst hätte den Router beim Putzen gefunden.

Das Gespräch mit Pia war auch nicht besser verlaufen. Anfangs hatte sie ihm noch zugehört, doch als er zugab, dass Adam ihm das Foto gegeben hatte und damit auch, dass er sich heimlich mit diesem getroffen hatte, war sie alles andere als begeistert gewesen, auch wenn sie ihm keinerlei Vorwürfe gemacht hatte. Sie wussten beide, dass dieses heimliche Ermitteln auch nach hinten losgehen konnte. Pia mochte Adam wahrscheinlich mittlerweile, zumindest war das Leos Eindruck, aber in ihren Augen hatte sich Leo da möglicherweise in etwas verrannt. Jedoch kannte keiner Adam so gut wie Leo.

Vor allem aber kannte Leo Adams Vater und diesem würde er nach all den Erlebnissen alles zutrauen. Er hatte Adam ja auch noch jetzt, da dieser erwachsen war, weiter drangsaliert und das mit sadistischer Freude, wie Leo fand.

Das Unwirklichste jedoch war sein Geständnis vor Pia und Esther.

Er hatte siebzehn Jahre nicht darüber gesprochen. Nie. Mit niemandem. Nicht mit seinen Eltern, nicht mit Freunden – außer Adam hatte er früher nie jemanden gehabt, seine neuen Freunde wollte er nicht damit belasten – oder mit Partnerschaften. Manche hatten gefragt, warum er nachts ständig aufwachte. Warum er so manche Probleme hatte, nach der Garage, nach Adams Verschwinden. Das war immer für Leo der Zeitpunkt gewesen, Schluss zu machen, niemanden an sich heranzulassen. Erst, als Adam zurückgekehrt war, hatte er wenigstens mit Caro ein wenig darüber reden können, zumindest über Adam, nicht aber über sich selbst.

Leo wusste noch nicht einmal genau, warum er es jetzt erzählte. Ausgerechnet seinen Kolleginnen, die ihm nicht so nahe standen, wie Familie, Freunde, Partner, auch wenn sich ihr Verhältnis seit er Teamleiter geworden war, eigentlich, seit Adam da war, deutlich gebessert hatte. Eigentlich war es gefährlich, dieses Geständnis ausgerechnet vor Polizistinnen abzulegen.
Vielleicht lag es einfach daran, dass Esther Adam etwas anlastete, das dieser nicht getan hatte. Dass sie Adam die Schuld an etwas gab, das er selbst, Leo, getan hatte. Außerdem sollte sie Adam nicht für einen Mörder halten und wenn sie ihn besser kennen würde, würde sie das auch nicht von ihm denken.

Er war also verpflichtet, das klarzustellen.

Also redete er. Erzählte von ihrer Freundschaft schon in Jugendtagen. Von dem Baumhaus, von dem auch niemand wusste. Von dem Tag, an dem der alte Schürk sie gefunden hatte. Von seinem Eindruck, dass dieser schon wütend war, bevor er sie angetroffen hatte. Dass er wusste, dass er seine ganze Wut an Adam auslassen würde. Davon, dass Adam das auch wusste, dass er trotzdem mitgegangen war, dass Leo ihn abhalten wollte, dass er dachte, Adam nie wieder lebendig zu sehen. Dass Adam das gleiche dachte, aber genauso glaubte, keine Wahl zu haben. Von seinem Entschluss, Adam und seinem Vater zu folgen, weil er es nicht alleine in dem Baumhaus ausgehalten hätte, mit dem Gedanken, dass der Schürk heute seinen Sohn umbringen würde. Er wollte etwas tun, auch wenn er Schürk nur von Adam ablenkte, so lange, bis er nicht mehr ganz so wütend war. Davon, wie Adam zusammengekauert in der Ecke saß, die Arme schützend über seinem Kopf erhoben, das Gefühl, das ihn bei diesem Anblick überkommen hatte, genauso wie das Wissen, dass der Schürk sich nicht von seiner Mission, von Adam würde ablenken lassen. Dass er selbst ja eigentlich viel zu schwach war, um es mit einem Erwachsenen aufzunehmen, gerade wenn dieser sich benahm wie ein Berserker. Von dem Spaten, der in der Ecke stand, der plötzlich in seiner Hand war, ohne, dass er das bewusst entschieden hatte, weil der einzige Gedanke, der in seinem Kopf vorgeherrscht hatte, derjenige war, dass er das beenden musste und zwar bevor es zu spät war. Er endete damit, dass sie alles vertuscht hatten.

Es tat unglaublich gut, das alles endlich jemandem zu erzählen, denn auch seit Adam zurück war, hatten sie nur selten darüber gesprochen. Es erleichterte ihn ungemein, erst Recht als Pia die Nothilfe erwähnte. Er wusste, dass es sie gab, aber das erleichterte nichts. Nicht sein Schuldgefühl, nicht die Alpträume, die er viel zu oft hatte, von dem knirschenden Geräusch von dem Schädel des alten Schürk. Er war auch froh darüber, dass sie das alles nicht wieder erwähnen wollten.

Allerdings hatte das Esther nicht davon überzeugt, dass Adam auch dieses Mal unschuldig war. Die Tatwaffe war nunmal eindeutig und auch Adams Anwesenheit war bewiesen. Als er ihr von Adams Geschichte erzählte, winkte sie nur müde ab und erinnerte ihn noch einmal daran, dass sie eine saubere Beweiskette brauchten. Sollten sie die Filmaufnahmen aus der Kamera aus dem Rauchmelder finden, war das sicherlich kein Problem.

 

**

 

An diesem Abend konnte Leo nicht einschlafen, da ihm zu viele Dinge durch den Kopf gingen. Er dachte immer wieder über das Gespräch mit Adam am See nach, Esthers Anschuldigungen und sein Geständnis, ging diese Gespräche Wort für Wort in seinem Kopf durch und versuchte nicht daran zu denken, wie es Adam wohl bei seiner ersten Nacht im Knast ging. Was natürlich absolut gar nicht funktionierte. Er dachte ständig an Adam und das Gefängnis. Wie seine Mitinsassen darauf reagierten, wenn plötzlich ein Polizist zusammen mit ihnen eingesperrt war.

Wie Adam sich jetzt fühlte, eingesperrt zu sein.

Adam hatte ihm erst vor kurzem davon erzählt, dass sein Vater ihn oft nachts in seinen Kleiderschrank eingesperrt hatte und alleine der Gedanke machte Leo zu schaffen. Eine Zelle war zwar nicht ganz so klein, wie ein Schrank, aber es war trotzdem eng, kalt und dunkel. Und man war eingesperrt. Leo wollte sich gar nicht ausmalen, wie Adam sich in diesem Moment fühlte.

„Scheiße,“ fluchte Leo schließlich und setzte sich auf. Das ganze Umherwälzen brachte doch eh nichts. Er lag jetzt schon seit Stunden im Bett, warm, weich und gemütlich. Während er nicht glaubte, dass die Betten im Knast allzu hart waren, gemütlich waren sie sicherlich ebenfalls nicht.
Er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und überlegte, was er tun sollte. Am liebsten würde er wieder ins Präsidium fahren und weiterarbeiten, aber er hatte einfach das Gefühl, dass er sich bewegen musste und im Präsidium würde er auch nur herumsitzen, weil er nicht weiterkam, weil andere, die ihm zuarbeiten sollten, schliefen. Was ihr gutes Recht war; nur, weil er nicht schlafen konnte, mussten nicht auch alle anderen wach bleiben.

Er schwang die Beine über die Bettkante, um aufzustehen. Dabei war er echt müde, richtig erschöpft. Aber er hatte auch nicht den Eindruck, heute noch irgendwann einzuschlafen. Vielleicht sollte er sich noch ein wenig verausgaben, vielleicht würde das helfen. Also griff er nach seinen Joggingkleidern, um sich umzuziehen.

Er entschied sich für eine seiner Lieblingsstrecken durch den Stadtwald.

Entgegen seiner Hoffnung machte auch eine Joggingrunde seinen Kopf nicht frei. Normalerweise klappte das ganz gut, die Konzentration auf seine Schritte, seinen Herzschlag, den Weg, die frische Luft, die Waldgeräusche – all das lenkte ihn meistens genug ab, selbst wenn sie gerade einen schwierigen Fall am Laufen hatten. Aber sie hatten nun mal noch nie einen Fall gehabt, in den einer von ihnen verwickelt gewesen war, schon gar nicht als Verdächtiger. Es gab noch so viele offene Fragen, die geklärt werden mussten, doch die für Leo wichtigste Frage würden vermutlich auch die Ermittlungen nicht lösen können: wie ging es Adam jetzt?

Am Morgen hatte man ihm die Verzweiflung angesehen. Und die Angst. Angst, vielleicht fünfzehn Jahre unschuldig im Knast zu versauern, aber vermutlich auch Angst, so meinte er zumindest, dass Leo ihm nicht glauben könnte. Dass niemand für ihn hier draußen für ihn kämpfen würde. Leo wusste selbst, dass er bei ihrem Gespräch unsicher gewesen war, möglicherweise hatte man ihm das angesehen. Dafür machte er sich jetzt auch Vorwürfe. Er kannte Adam doch, er wusste, dass er nicht dazu fähig war, jemanden zu töten, auch nicht seinen Arschloch-Vater. Und er kannte den alten Schürk, zumindest ein wenig, zumindest gut genug, ihm genau das zuzutrauen, was er getan hatte. Leo war mittlerweile davon überzeugt, dass Adam die Wahrheit sagte. Es hatte auch gar nicht so lange gedauert, um das zu realisieren, eigentlich hatte er nur Adams Gesichtsausdruck bei seiner Verhaftung gebraucht, um ihn restlos zu überzeugen. Diese Angst, dass ihm niemand glauben würde, war fast greifbar gewesen. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte Leo nichts mehr für ihn tun können, außer ihm die Handschellen anzulegen, damit es nicht jemand anderes tun musste, das war er Adam schuldig gewesen. Aber er war sich nicht mehr so sicher, ob das das Richtige gewesen war. Was, wenn Adam ihm das übelnahm? Wenn er in Zukunft immer daran denken musste, wenn er Leo ansah? Das menschliche Hirn machte solche Verknüpfungen. Würde es ihr Verhältnis negativ belasten?

Er blieb stehen und wischte sich übers Gesicht. Solche Gedanken halfen ihm bei seinem Einschlafproblem auch nicht, zumal sie ihm nicht zustanden, denn Adam hatte diese Situation doch viel schlimmer getroffen. Er sollte einfach alles daransetzen, dass Adam da rauskam und dann nie wieder in eine solche Situation kam.
Trotzdem hatte er das Gefühl, rennen zu müssen. Vielleicht auch ein wenig vor der Situation davon zu laufen, was erst einmal durch die Umstände nicht möglich war.

Aber als Mensch kam er nicht so schnell voran, wie er gerne würde. Es war spät und dunkel und er war bisher keiner Menschenseele begegnet und er rechnete auch nicht damit, dass hier noch irgendwo Menschen im Wald herumliefen außer ihm und nicht viele sahen es vermutlich als Einschlafhilfe, noch einmal laufen zu gehen. Und wenn, würden sie sicherlich nicht den Wald wählen, da dieser gerade im Dunkeln einen schlechten Ruf hatte. Leo hingegen war es nicht wichtig, wo er joggen ging. Dank seiner zweiten Natur konnte er sich gut selbst verteidigen. Eigentlich war er nicht so unvorsichtig, aber er war mittlerweile verzweifelt, nicht nur, was seine Schlafsituation betraf, sondern die Situation im allgemeinen.

Leo verwandelte sich in seine Tigerform und rannte los.

Er rannte und rannte.

Irgendwann fand er sich im Deutschmühlental wieder. Er verwandelte sich zurück, um dort die große Straße als Mensch zu überqueren, was auch gut so war, denn dort fuhr tatsächlich ein einsames Auto. Der Fahrer hätte sicherlich den Schreck seines Lebens gekriegt, wenn er einen großen Tiger mitten in Saarbrücken die Straße hätte überqueren sehen. Sobald Leo den Deutsch-Französischen-Garten jedoch betreten hatte, verwandelte er sich zurück. Er lief um den Weiher, immer weiter, immer weiter, durch den Rosengarten, am anderen Ende des DFGs wieder hinaus und dann war er da.

Dort, wo er eigentlich gar nicht hingewollt hatte. Dort, wo er eh nichts ausrichten konnte.

Die Lerchesflur, besser bekannt als JVA Saarbrücken.

Er wusste nicht, warum er hier war. Aber direkt gegenüber gab es an einem Parkplatz ein paar Bäume, zwischen denen er sich verstecken konnte. Dort legte er sich hin und ließ dann seine Katzenaugen über die kleinen Fenster schweifen, als könnten die ihm sagen, hinter welchem sich Adam befand.

Plötzlich war ihm, als würde er tatsächlich spüren, wo Adam sich befand. Dabei wusste er noch nicht einmal, in welchem Gebäudeteil sich die Untersuchungshaft befand. Aber er heftete seinen Blick auf genau dieses Fenster und plötzlich wusste er nicht nur, wo Adam war, sondern es war ihm, als könnte er diesen auch spüren.

Er wurde unruhig, denn ihm begann zu dämmern, was hier passierte. Aber nein, das konnte nicht sein. Nicht jetzt, nicht überhaupt, und doch nicht Adam. Oder? Er versuchte, es von sich wegzuschieben. Adam, sein Gefährte? Das durfte doch nicht sein, das durfte er Adam nicht antun.

Er hatte sich immer gefragt, wie es wäre, wenn er zum ersten Mal eine Gefährtenbindung wahrnehmen sollte. Wer diese Person sein würde, die er zu seinem Gefährten auswählen würde. Er hatte mit allem gerechnet und war da auch ganz offen, egal, ob Frau oder eben Mann. Er mochte schließlich beide Geschlechter. Aber Adam? Damit hatte er nun gar nicht gerechnet, denn Adam war doch nur sein bester Freund. Oder? Scheinbar war da seinerseits mehr, als er bisher gedacht hatte, ein Mehr, das bisher nur seine Tigerseite registriert hatte.

Er schob diese Verbindung weit von sich weg, denn noch war sie nur vage, nur schwach. Vielleicht konnte er es so noch aufhalten; aufhalten, dass es enger wurde. Er sollte sich zurückziehen und Adam in Ruhe lassen. Ruhe war das, was er am meisten brauchte, dort eingesperrt, seiner Freiheit beraubt. Das würde Adam besser hinkriegen, wenn Leo sich ihm nicht auch noch auf diese Weise, egal ob romantisch oder gar sexuell, aufdrängen würde. Adam hatte schon genug Probleme, auch ohne das alles und er selbst ja eigentlich auch. Er sollte gehen und zusehen, dass er Adam da irgendwie rausholte. Und diese Erkenntnis, die er hier erlangt hatte, verarbeiten. Aber er musste Prioritäten setzen, erst Adam aus dem Knast holen, dann über seine eigenen Gefühle für Adam nachdenken.

Genau so würde er das machen.

Bis er die Angst spürte, die nicht seine eigene war.

Leo war gerade aufgestanden und hatte sich umgedreht, um zu gehen, daher traf es ihn vollkommen unvorbereitet. Die Angst, die regelrechte Panik. Obwohl die Verbindung zwischen ihnen noch so schwach war und Leo sich bemühte, Adams Präsenz von sich zu schieben, wusste er sofort, worum es ging.

Der Schrank. Die Dunkelheit. Die Enge. Das Eingesperrt sein.
Die Zelle. Die Nacht. Der wenige Platz. Das Sich-Nicht-Bewegen-Können, wie man es wollte.
Die Vorstellung, das noch fünfzehn Jahre ertragen zu müssen, Nacht für Nacht, Tag für Tag.
Die Verzweiflung, die Panik, der Drang zu Schreien.

Und dann der Schmerz.

Leo schloss gequält die Augen. Er wusste nicht, woher der Schmerz kam, es konnte genauso gut eine blutig gebissene Lippe wie sonst etwas selbstverletzendes sein, wie an den Haaren ziehen oder den Kopf gegen die Wand schlagen. Da ihre Verbindung noch so schwach war, konnte er nicht einschätzen, wie groß der Schmerz wirklich war, aber dass es ihn gab, war schon schlimm genug.

So viel also zur Ruhe, die Leo gerade eben noch heraufbeschworen hatte, allen Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz heraufbeschworen hatte. Er hatte gewusst, dass Adam der Knast zusetzen würde, er hatte nur nicht geahnt, wie sehr. Und er stand hier und musste alles miterleben und konnte nichts tun.

Konnte er nicht?

Er konnte versuchen, etwas Ruhe in sich selbst zu finden und diese Adam schicken. Das würde zwar ihr Band verstärken, aber er konnte ja schlecht hier sitzen und nichts tun. Er hatte das früher öfter bei Caro gemacht, es hatte immer gut geklappt, er wusste also, wie das funktionierte. Außerdem war er sich sicher, dass das Adam helfen würde, auch wenn dieser nicht wusste, dass der Trost von außen kam, von Leo.

Er war nur eben selbst aufgewühlt, nachdem er Adams Gefühle registriert hatte umso mehr, daher musste er jetzt erstmal seine eigene Mitte finden. Zwischen Adams Panik und seinen eigenen neu entdeckten Gefühle für diesen. Doch vielleicht konnte er auch genau diese Gefühle jetzt nutzen. Es war nicht gerade einfach, aber er musste alles beiseiteschieben, das ihm im Weg dabei stand. Hier ging es nicht um ihn, sondern einzig darum, Adam zu helfen.

Er sammelte alles an innerer Ruhe, was er finden konnte und schob es dann zu Adam hinüber. Dabei stellte er sich vor, er würde seinen besten Freund in eine feste Umarmung ziehen. Fast sofort war eine Veränderung spürbar, denn die Panik ebbte ab, was Leo erleichtert aufatmen ließ. Wenigstens das konnte er für Adam tun. Und wenn er für den Rest der Nacht hier sitzen musste oder die nächsten fünfzehn Jahre jede Nacht, dann würde er das tun. Das Wichtigste war für ihn, dass es Adam jetzt besser ging; er musste ja gar nicht wissen, dass Leo daran beteiligt war.

Dennoch würde er alles daransetzen, Adam da rauszuholen, denn erst dann würde es ihm wirklich gut gehen. Und erst dann würde er entscheiden, wie er mit seinen eigenen Gefühlen gegenüber Adam umgehen sollte.

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