Work Text:
Verräter, liebend
Februar 1985
Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er sich abwandte und ging. Vielleicht hätte er ihr länger nachsehen, vielleicht hätte er noch irgendwie einen allerletzten Blick auf sie werfen können. Er ließ es. Ging gemessenen Schrittes zum Ausgang. Nicht zu schnell. Nicht auffallen. Wie lange würde es dauern, bis das Flugzeug endlich in der Luft war? Vermutlich zu lange, als dass er es noch würde sehen können. Er musste zurück. Nicht auffallen. Nicht, bis sie außer Landes, bis sie in Sicherheit wäre.
Er stieg in die S-Bahn, die ihn zum Hauptbahnhof bringen würde. Diesmal, weil er dort ohnehin umsteigen musste, nicht wie vorhin, als er versucht hatte, in dem Gewimmel potentielle Verfolger abzuschütteln. Es musste wohl geklappt haben, denn immerhin hatten sie es zum Flughafen und zum Flieger geschafft, ohne dass seine Kollegen aufgetaucht wären und sie verhaftet hätten. Immerhin das.
Er starrte aus dem Zugfenster in die Dunkelheit. Konnte kaum etwas erkennen außer beleuchteten Fenstern in der Ferne. Sah ohnehin nur Ramonas Gesicht vor sich. Ihr Schrecken, als er ihr sagte, dass er Polizist, Verdeckter Ermittler, Verräter war, nur dazu da, um sie alle ans Messer zu liefern. Dass er ein Feind war. Ihr Verstehen, als er ihr die Tasche, die er für sie gepackt hatte, in die Hand drückte, zusammen mit dem Flugticket, das er ihr gekauft hatte. „Versuch, nach Südamerika zu kommen“, hatte er ihr gesagt, „erstmal in die Türkei, dann weiter. Ich hab dir alles aufgeschrieben.“
Als sie ihn fragte, ob er mit ihr käme, behauptete er, er würde nachkommen. Bald. Wenn es sicher wäre. Keine Zeit für Fragen, für Erklärungen, für Zögern, für irgendwas. Er gab ihr alles mit, was er hatte. Alles Geld, alle Sicherheit, alle Hoffnung. Manches war wichtiger als die Pflicht. Liebe zum Beispiel.
„Ich liebe dich.“ Das Letzte, was sie zu ihm gesagt hatte.
„Viel Glück.“ Seine letzten Worte an sie.
Er ahnte, dass er diesen Moment nie vergessen würde.
*
Es war spät, als er nach Hause kam. Wie erwartet saß Felix noch in der Küche, gab vor, für die Klausuren nächste Woche zu lernen, auch wenn sie beide genau wussten, dass sie keine Prüfung an der Uni mehr ablegen würden. Schon morgen früh würde das alles hier vielleicht vorbei sein, vergangen wie die Geschichte Mitteleuropas, mit deren Studium Walter die letzten vier Semester verbracht hatte. Morgen früh, wenn ihre Kollegen vermutlich das ganze „linke Terror-Pack“, wie Krafft die WG und ihre Kreise so gerne nannte, hochnahmen und man ihnen allen – außer Felix – und vielleicht auch außer ihm – den Prozess machen würde wegen staatsfeindlicher Umtriebe und Anschlagsfantasien und keine Ahnung was noch allem. Morgen früh, wenn sein Leben als vorgeblicher linker Student womöglich beendet wurde.
Morgen früh, wenn Ramona hoffentlich schon auf halbem Weg nach Südamerika und außer Reichweite der deutschen Justiz war.
Walter hob grüßend eine Hand, als Becky und Andreas, die am Fenster saßen und anscheinend mal wieder über Meinhofs »Stadtguerilla und Klassenkampf« diskutierten, hochblickten und ihm zunickten, vollauf in ihr Gespräch vertieft.
Felix las mit gerunzelter Stirn erst die Seite fertig, ehe er aufsah. „Du kommst spät“, sagte er, „schönen Abend gehabt?“
Walter zuckte mit den Schultern, ließ sich von dem freundlichen Tonfall nicht täuschen. Felix war ein harter Hund, wenn es um Politisches ging. Voll auf Kraffts Linie. Kalt wie eine Hundeschnauze. Manchmal wunderte Walter sich, dass sein Kollege ihn noch nicht gemeldet hatte als potentiellen Staatsfeind, so kompromisslos und umfassend, wie er seine gesammelten Informationen an ihre Vorgesetzten weiterleitete. Aber das wäre vielleicht sogar für Felix etwas zu viel des Guten gewesen … hoffentlich.
Abrupt klappte Felix das Buch zu, das er neben seinen Notizen liegen hatte. Eins von seinen Geschichtsbüchern, nicht dieser abgedrehte Philosophie-Scheiß von Muthesius. „Ich brauch noch Zigaretten“, verkündete er, „kommst du mit?“
Die Frage hätte harmlos sein können und einen Moment lang spielte Walter mit dem Gedanken, es drauf ankommen zu lassen und einfach „ach, nee, ich glaub, ich geh schlafen“ zu antworten – wogegen Felix schlecht etwas sagen konnte, wenn er bei den anderen keine Aufmerksamkeit erregen wollte. Aber vielleicht hatte er ihm ja was wirklich Wichtiges mitzuteilen in Bezug auf das baldige Ende ihrer Mission, irgendwelche einsatztaktischen Informationen, damit nichts schiefging (nichts, außer dass Ramona dann hoffentlich nicht in U-Haft, sondern am anderen Ende der Welt war) … und Walter fragte sich, was mit seinem Kollegen eigentlich nicht stimmte, dass Zigarettenholen bei ihm nie einfach Zigarettenholen sein konnte.
„Klar“, sagte er, auch wenn ihm nicht wirklich danach war, sich jetzt noch Felix’ Fragen und Kommentare anhören zu müssen. Gut, ihm war ehrlich gesagt nie danach, sich die Gedanken vom echten Felix anzuhören (warum nur musste Felix ihm in seiner Tarnidentität wesentlich sympathischer sein als der echte Mensch?). Aber gerade jetzt. Jetzt wollte er sich eigentlich nur verkriechen und sich betrinken, was er ja gerade heute nicht durfte, und daran denken, wie Ramona „Ich liebe dich“ zu ihm gesagt hatte. Ein allerletztes Mal. Und er wollte die Augen schließen und an diesen letzten Blick denken, den er auf sie geworfen hatte, und sich fühlen wie Rick, der Ilsa in ein Flugzeug setzte, damit sie … damit … Ach, Scheiße auch. Er ging Felix hinterher, der sich gerade seine Jacke überwarf.
Vielleicht würde die Kälte draußen ihm ganz guttun, ihn auf andere Gedanken bringen oder ihn wenigstens so durchfrieren, dass er nachher schlafen konnte, ohne noch lange wachzuliegen und an ein Flugzeug in der Dunkelheit zu denken …
*
Die eisige Kälte draußen erinnerte ihn nur daran, wie unglaublich kalt und leer sich die Welt ohne Ramona anfühlte, dabei war sie gerade mal quälende zwei Stunden weg. Die Hände in den Jackentaschen vergraben, stapfte er neben Felix her, dachte daran, wie er vor paar Tagen noch mit Ramona Arm in Arm hier entlanggeschlendert war. Er fragte sich, ob er sie je wiedersehen würde … oder ob dieser letzte gemeinsame Moment am Flughafen auch der letzte Moment ihrer Beziehung war.
Anders, als Walter erwartet hatte, sagte Felix nichts auf dem Weg außer einem knappen „Wegen der Razzia weißt du Bescheid?“
„Mhm.“ Gerade daran wollte er momentan nicht denken. Auf einmal fragte er sich, was er getan hätte, wenn er eben nicht Bescheid gewusst hätte, wenn er wirklich nur ein einfacher Student gewesen wäre, der sich linken Gedanken und einer linken Aktivistin hingab. Vermutlich hätte er versucht, für die Prüfungen zu lernen, sich von seiner Angebeteten bereitwillig ablenken lassen und morgen früh … morgen früh würde er vermutlich von einer Spezialeinheit festgenommen werden, ohne Hoffnung darauf, als Verdeckter Ermittler gleich wieder freigelassen zu werden. Und ohne eine Chance, Ramona davor bewahren zu können, als „Terrorsympathisantin“ vorverurteilt und verurteilt zu werden, obwohl sie nichts Schlimmeres gemacht hatte, als Plakate zu malen und ein Ende von Krieg und Hunger auf der Welt zu fordern.
So gesehen war es wohl besser für Ramona, dass er Bescheid wusste.
Und was besser für Ramona war, war auch besser für ihn.
Sie erreichten den Kiosk, in dem Felix für gewöhnlich seine Kippen kaufte. In letzter Zeit rauchte er mehr als früher; vielleicht ging dieses Doppelleben ihm ja auch an die Substanz. Vielleicht war es auch für seinen Kollegen nicht so einfach, wie er immer tat, mit dem Umschalten zwischen ihrem echten Selbst und ihren Rollen, mit den falschen Freundschaften und gespielten Beziehungen, mit dieser kranken Scheiße, die er da mit diesem Philosophie-Prof am Laufen hatte … und es war ein scheiß Gefühl, sich daran zu erinnern, dass seine Beziehung mit Ramona genauso angefangen hatte, dass er sie am Anfang auch nur hatte benutzen wollen, um Kontakte zu knüpfen …
„Du hast meine Frage vorhin nicht beantwortet“, sagte Felix plötzlich, klopfte mit der Oberseite der neugekauften Zigarettenpackung auf eine Mauer, riss hastig die Folie ab. Unter den linken Arm geklemmt hielt er eine Tageszeitung. „Schönen Abend gehabt?“
Wen willst du hier eigentlich verarschen?, fragte Walter sich. Laut behauptete er nur: „Ja, ging, wieso?“
„Ich dachte nur. Hast du ihn mit Ramona verbracht?“
Scheiße, tat das weh, ihren Namen ausgerechnet aus Murots Mund zu hören. „Stell dir vor, das machen Leute, die zusammen sind. Was fragst du?“
Murot zündete sich eine Kippe an, schien es gar nicht erwarten zu können – seine letzte Zigarette musste wohl wirklich schon mindestens drei Stunden her sein. „Und wenn ich jetzt bei Ramonas WG vorbeikommen würde, würde ich sie dann zuhause antreffen?“, fragte er weiter, schlug langsamen Schrittes den Rückweg ein.
Unweigerlich spürte Walter, wie sich sein Puls beschleunigte. „Ich denke schon“, log er, „wo sollte sie sonst sein?“
Murot zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, vielleicht … in einem Flieger nach keine Ahnung wo?“
Scheiße, das Arschloch weiß Bescheid. Oder blufft der nur? „Sie hat mir gar nicht erzählt, dass sie verreisen will.“
Das Ende von Murots Zigarette glühte hell in der Dunkelheit auf. „Lass die Scheiße, Walter“, entgegnete er im angestrengten Flüsterton, offenbar kochte er innerlich vor Wut. „Verarschen kann ich mich selber. Du hast also nicht die Arbeit von zwei Jahren zunichtegemacht, indem du den ganzen Plan an sie verraten hast?“
„Nein.“ Was immerhin die Wahrheit war. Er hatte ihr nicht den ganzen Plan verraten. Nur so viel, wie sie wissen musste, um ihm zu glauben und das Land zu verlassen.
Abrupt blieb Murot stehen, packte Walter am Arm und hielt ihn fest. Musterte ihn im Licht der Straßenlaterne. „Ich glaube dir nicht“, sagte er leise und irgendetwas in seinem Gesicht veränderte sich, obwohl Walter nicht hätte sagen können, was es war. War es Enttäuschung? Abscheu? Zorn? Wenigstens kein Triumph, zumindest da war er sich relativ sicher. Kopfschüttelnd ließ Murot ihn los, wandte sich von ihm ab. „Ich fass es nicht. Du hast es wirklich getan. Für eine beliebige –“
„Hey!“ Ohne dass es Walter bewusst gewesen wäre, hatte er sich Murots Jackenkragen gegriffen. „Pass auf, was du sagst“, warnte er ihn. „Sie ist keine beliebige – was auch immer du sagen wolltest.“
Kühl erwiderte Murot seinen Blick, machte sich betont langsam von ihm los, zog an seiner Zigarette. „Hier“, sagte er dann, hob die Zeitung hoch, die er gerade hatte fallen lassen. Er faltete sie so auf, dass die Schlagzeile und der Leitartikel über das jüngste RAF-Attentat zu lesen waren. „Mit solchen Leuten machst du dich gemein. Mit Leuten, die unschuldige Menschen zuhause überfallen und ihnen in den Hinterkopf schießen. Ist es wirklich das, was du willst?“
„Ramona hat niemandem was getan!“, entgegnete Walter hitzig.
„Aber sie heißt solche Taten gut, das ist genauso schlimm.“
„Sie befürwortet keine Gewalt, sie ist einfach nur nicht einverstanden damit, wie es in der Welt zugeht!“
„Ja. Das behaupten die hier auch.“ Murot deutete auf die abgedruckten Fahndungsplakate, die Andreas schon in der WG-Küche aufgehängt hatte – und zwar nicht, um sich die Gesichter der Gesuchten möglichst gut einzuprägen, um sie im Fall der Fälle wiederzuerkennen.
„Ich meine, dass du unseren Auftrag aus den Augen verloren hast, weil sie dich um den Finger gewickelt hat, ist eine Sache, aber dass du dich wirklich auf die Seite von Terroristen stellst … ich versteh’s nicht. Ich verstehe nicht, wie du so etwas tun kannst.“ Er hielt die Zigarette zwischen seinen Lippen, als er die Zeitung wieder zusammenfaltete und sich unter den Arm klemmte.
Eine andere Kälte als die Eisigkeit des Februarabends ergriff Walter. „Wenn ich dich nicht in der Hand hätte, würdest du mich bei Krafft melden, oder?“
Murot antwortete nicht. Was eigentlich schon Antwort genug war. Stattdessen zog er nur an seiner Zigarette, ging langsam weiter.
„Du bist so ein beschissener Heuchler, weißt du das?“, entfuhr es Walter, als er begriff, was sein Kollege ihm damit zu verstehen gab. Er beeilte sich, mit ihm Schritt zu halten. „Mir Vorwürfe wegen Ramona machen, aber sich selber von einem schmierigen Prof vögeln lassen“, zischte er ihm zu, wusste, dass er damit zu weit ging, aber im Moment war ihm das egal.
Murot bedachte ihn mit einem langen Blick. „Ich habe ermittelt. Was man von dir nicht gerade sagen kann.“
Walter konnte nicht anders, als in fassungsloses Gelächter auszubrechen. „Klar doch! Jetzt tu doch nicht so, als wüsste ich nicht, was zwischen euch beiden läuft.“
„Na, wenn du es weißt, dann verpfeif mich doch bei Krafft.“ Das Ende seiner Kippe glühte hell auf.
Im Nachhinein beglückwünschte Walter sich zu der Geistesgegenwart, nicht ‚ja, vielleicht mach ich’s!‘ erwidert zu haben. „Warum bist du so ein Arschloch, Murot?“, fragte er stattdessen. „Kannst du dir gar nicht vorstellen, jemanden mehr als dich und deine Karriere zu lieben?“
Murot schwieg, blickte nachdenklich vor sich hin.
Gott, echt jetzt? Mann, ist das erbärmlich. Verächtlich schnaubte er.
„Doch“, sagte Murot plötzlich, „doch, kann ich mir vorstellen.“ Er drückte seinen Zigarettenstummel an einer Hausmauer aus, drehte sich dann um. Holte tief Luft. „Dich zum Beispiel. Den Mann vom Kiosk“, fuhr er schnell fort, noch ehe Walter auf den ersten Teil seiner Antwort reagieren konnte. „Die Leute, die hier wohnen.“ Er deutete auf den Wohnblock hinter sich, den er gerade noch als Aschenbecher verwendet hatte. „Die Frau in der Mensa. Die Mutter mit dem Kleinkind, die mich heute Morgen nach dem Weg zur S-Bahn gefragt hat. All diese Menschen, die einfach nur friedlich vor sich hin leben wollen, ohne Angst haben zu müssen, dass sie der RAF irgendwie in die Quere kommen oder dass die Kollegen sie aus Versehen erschießen, weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort sind. All diese Menschen liebe ich mehr als mich und meine Karriere, denn sonst hätte ich das hier nicht durchgehalten.“
Gedankenverloren schüttelte Murot die nächste Zigarette aus der Packung, drehte sie zwischen den Fingern. „Du liebst sie wirklich, oder?“, fragte er dann.
Walter nickte. Es tat weh, an sie zu denken.
„Und du hast sie gehen lassen.“
„Ja“, gab er zu. Schon egal, was daraus entstand.
„Und du bist sicher, dass sie nicht noch die anderen warnt?“, wollte Murot nun wissen.
„Ja“, antwortete Walter mit mehr Nachdruck.
Felix seufzte, nickte langsam. Bot Walter die Zigarettenschachtel an. „Willst du eine?“
Walter zögerte. Was soll’s. Er zog sich eine Kippe heraus, ließ sich von Felix Feuer geben. Bald ist das alles eh vorbei.
*
Es ging so schnell, dass er nicht einmal hätte sagen können, was eigentlich passiert war. In einem Moment war er noch mitten in der Razzia, in seiner Rolle, ein Teil der Gruppe, wurde von den Kollegen gegen die Wand gestoßen und auf Waffen durchsucht und im nächsten Moment … sah er im allgemeinen Chaos, wie Andreas auf einmal eine Pistole in der Hand hatte und auf Felix zielte, den er wohl wie auch immer als Verräter identifiziert hatte.
Er dachte gar nicht in dem Moment. Handelte nur. Tat, was ihm richtig erschien. Manches war wichtiger als persönliche Befindlichkeiten. Die Pflicht zum Beispiel.
Als ihn die Kugel wie einen Feigling in den Rücken traf, war sein letzter Gedanke: Ist auch gut.
