Chapter Text
Hörbar sog Boerne die warme Abendluft ein und schloss die Augen. Wie ruhig es war. Keine Termine, kein Telefongebimmel, nur Vogelgezwitscher und das leise Gespräch des Nachbartisches.
Genüsslich streckte er Füße und Arme kurz von sich und seufzte. Der Professor konnte spüren, wie sein Körper entspannte und eine angenehme Müdigkeit einsetzte. Der hatte er in der letzten Zeit viel zu selten nachgeben können.
„Na, ich hätte gedacht, dass diese lustigen Kennenlernspiele auf Fortbildungsveranstaltungen Sie eher nerven würden, Professor.“
Thiel stand vor ihm und sah belustigt auf ihn herab.
„Ich glaube momentan würde mich sogar eine Feier bei meiner Schwester entspannen.“
Die Bemerkung hatte den Hauptkommissar amüsieren wollen, aber wie so oft in letzter Zeit setzte der andere ein eher nachdenkliches Gesicht auf, als er sich in den Rattansessel neben Boerne setzte.
„Es ist vorbei. Boerne. Sie müssen sich keine Sorgen mehr um mich machen.“
Der Angesprochene setzte sich auf und betrachtete sein Gegenüber eingehend. Thiel wirkte mindestens ebenso abgeschlagen wie er. Das war in Anbetracht dessen, was sie in den letzten vier Wochen erlebt hatte, auch kein Wunder.
Fabian Schuster, in der digitalen Welt bekannt unter FbX_23, das war der Name des Mannes, der ganz Münster in Atem gehalten hatte.
Schuster war seit Jahren eine Art Auftragsmörder in Diensten der Unterwelt gewesen. Ein Phantom, das sich von Clangrößen und Provinzverbrechern gleichermaßen hatte beauftragen lassen, um unliebsame Gesetzeshüter aus dem Weg zu schaffen. Erst war das noch ziemlich leise vonstatten gegangen, aber vor zwei bis drei Monaten waren die Ermittler in Köln auf ein Muster gestoßen.
Danach hatte es nicht mehr lange gedauert, bis sich Mordkommissionen im gesamten Bundesgebiet mit der Sache beschäftigt hatten. BKA und Konsorten natürlich inklusive.
Für Boerne hatte das wie eine Räuberpistole geklungen. Die Morde waren in Großstädten passiert, es hatte keine direkten Berührungspunkte mit ihm bekannten Personen gegeben und überhaupt – ein Killer im Auftrag von Kriminellen. Es hatte ein wenig zu sehr nach Professor Moriarty auf Abwegen im deutschen Beamtensystem geklungen.
Das überhebliche Lächeln war Boerne indes aus dem Gesicht gefallen, als das BKA ihr Team mit einem Video aus den dunklen Ecken des Internets konfrontiert hatte. Der nur wenige Minuten umfassende Film hatte Kriminalhauptkommissar Frank Thiel gezeigt. Thiel beim Verlassen seiner Wohnung, radelnd auf dem Weg zur Arbeit, mit seinen Kollegen im Biergarten.
Das allein hätte das Münsteraner Team vielleicht weniger vom Hocker gehauen. Schließlich waren diese Aufnahmen nicht sonderlich schwer anzufertigen gewesen. Jeder Passant hätte sie machen können. Unheimlich, zugegeben, aber sie waren von der Klatschpresse halt auch schon Einiges gewöhnt gewesen. Zumindest hatten sie das bis dahin gedacht.
Doch dann waren da eben auch sehr private Szenen zu sehen gewesen. Thiel schlafend in seinem Bett, Thiel allein in den Fluren des Polizeipräsidiums, Thiels Vater rauchend in seiner Gartenhütte.
Hatten die Bilder seines schutzlos schlafenden Nachbarn den Professor mit kalter Angst erfüllt, so war es für Thiel das Bild seines ahnungslosen Vaters gewesen.
Bei anderen Opfern war FbX_23 identisch vorgegangen. Der Auftragsannahme war offenbar immer eine Vorstellung des zukünftigen Zielobjekts per Video im Darknet gefolgt. Die anonyme Fangemeinde hatte gegeifert. Die blutrünstigen Kommentare unter dem Upload hatten Boerne den Magen umgedreht.
FbX_23 inszenierte ein Vorgehen als Live-Performance. Wie diese unsäglichen Reality-Shows im Fernsehen. Ein Kandidat wurde auserwählt, ins Ungewisse geschmissen, vielleicht auch noch mit kalkulierten Unverschämtheiten konfrontiert und dann jubelt die Menge über den bewusst herbeigeführten Absturz eines Menschen. Bloß ging es hier nicht nur um den sozialen Mord – hier ging es um Leben oder Tod.
In atemberaubender Geschwindigkeit hatte sich ihre Welt nach Ansicht dieses Videos verändert und auch die Art und Weise wie sie selbst die Welt betrachteten.
Nicht nur aufgrund seiner Mobbingerfahrungen war Boerne ein durchaus mißtrauischer Mensch. Er vertraute nur ausgewählten Personen, wobei seine Stellung es mit den Jahren für ihn einfacher gemacht hatte, mit Fremden zu interagieren. Die akademischen Titel hatten ihm zumindest Respekt verschafft und Erwachsene neigten auch weniger dazu, missliebige Konkurrenten mit dem Kopf voran in die Toilette zu stecken.
Doch die Situation um Thiel hatte die Wachsamkeit des Professors naturgemäß ins Unermessliche gesteigert. Hinter jedem Strauch, bei jedem Brötchenkauf hatte er Gefahr für seinen Freund gewittert, es hatte ihn buchstäblich in den Wahnsinn getrieben – und das hatte wiederum Thiel in den Wahnsinn getrieben.
„Ich weiß. Es ist nur…ich werde wohl einfach noch ein paar Tage brauchen.“
„Sie sind doch sonst immer der Anpassungsfähigere von uns.“ Dass die Bemerkung eher gutmütiger Art war, offenbarte Thiels schiefes Grinsen.
Wie sehr Boerne doch dieses halbe Lächeln vermisst hatte. Thiel hatte es einst selbst so genannt.
Früher hätte der Professor gesagt, dass sein Kollege vor allem eher der pragmatische Typ war. Ein oft oberflächlicher und leicht proletenhafter Griesgram. Nach all den Jahren und vielen gemeinsam überstandenen Gefahren wusste Boerne es besser. Der Mann vor ihm hatte Tiefe.
Thiel mochte nicht hochgebildet sein, doch er war auch kein ausgemachter Dummkopf. Im Gegenteil, wenn es darauf ankam, war er flink im Kopf und erstaunlicherweise auch auf den Beinen. Doch das traf nicht nur in beruflichen Kontexten zu, der andere hatte ebenso komplexe Gefühle. Die versteckte er allerdings äußerst sorgsam hinter eben jener vorgeschobenen Grummelei.
Boerne schreckte aus seinen Gedanken, als die Herren vom Nebentisch aufstanden.
„Gibt gleich Essen“, merkte Thiel an.
„Mhm.
„Wir sollten auch mal. Hinterher gibt es wieder keine Pommes.“
„Könnten wir…noch kurz bleiben?“
„Sie und kurz.“
„Ich…Thiel, ich bin froh, dass wir das hier noch gemeinsam machen, bevor Sie in Urlaub sind.“
So richtig hatte der andere allerdings auch keine Wahl gehabt. Sei beide waren bereits lange vor der Sache mit FbX_23 für einen Gastvortrag auf dieser Veranstaltung gebucht gewesen.
Aber Boerne fand es dennoch schön. Vor allem, da er den Hauptkommissar die letzten drei Wochen nicht zu Gesicht bekommen hatte. Die Klemm hatte ihn und seinen Vater aufgrund der immer ernster werdenden Gefahrenlage an einen Schutzort bringen lassen. Die Entscheidung war richtig gewesen, doch sie hatte die anderen hilflos zurückgelassen.
Bis..ja, bis Schuster gefasst worden war. Großer Zugriff, erst vor wenigen Tagen. Gefolgt von Pressekonferenzen des BKA mit allem, was Rang und Namen hatte. Doch Boerne war nicht mitgefahren, er hatte zu Hause auf seinen Nachbarn gewartet. Erst als er die vertrauten Schritte und das obligatorische Schlüsselgeklimper im Hausflur gehört hatte, war er befreit zu Bett gegangen.
Ob Sie darüber geredet hatten? Nein. An diesem Abend war nur wichtig gewesen, dass Thiel wieder in Sicherheit gewesen war. Und sonst? Na ja, eigentlich sprachen sie ja nie über die Zwischentöne.
„Mja. Hier Können Sie wieder schön den Oberlehrer raushängen lassen.“
Bitte?!
„Ich finde es schlimm, dass Sie annehmen, dass es mir darum geht. Aber ich habe mir nicht nur Sorgen gemacht, ich habe Sie auch vermisst.“
Und ich werde Sie noch mehr vermissen, wenn Sie nun wieder für weiter drei Wochen verschwinden.
In der nachfolgenden Stille bedachte der Ältere ihn mit einem undefinierbaren Blick. Vielleicht hatte er nun doch ein wenig zu viel preisgegeben. Die letzten Wochen hatten auch ihn entnervt.
„Sie haben mich vermisst.“
„Natürlich.“ Er schaltete beinahe automatisch auf Angriff. „Haben Sie mich etwa nicht vermisst?“
„Ach, Boerne.“
Warm legte sich Thiels Hand auf die seine. Boerne zuckte zusammen. Das war ungewohnt, aber nicht unbedingt im negativen Sinn. Bevor er jedoch reagieren konnte, war der Hauptkommissar schon aufgestanden und hatte sich in Richtung des Tagungshotels begeben.
Was zum…?
„Thiel?“
„Hm?“
Doch der Professor wusste plötzlich nicht weiter. Er hätte fragen können, was Thiel ihm eigentlich gerade hatte mitteilen wollen. Wie es ihm ergangen war, dort an diesem geheimen Ort. Ob er sich nun sicher fühlte. Wie sehr er sich wünschte, dass Thiel sich im Urlaub würde erholen können - aber nichts davon kam über seine Lippen. Über so etwas sprachen sie doch nicht.
„Boerne, ist der Chip in ihrem Kopf abgestürzt?“
„Ich bin kein Computer.“
„Das kann man ja manchmal nicht so genau sagen.“
Das tat unerwartet weh. „Das nehmen Sie auf der Stelle zurück. Ich offenbare Ihnen meine Gefühle und Sie trampeln wieder einmal darauf rum. Ich hätte es wissen müssen.“
Der Professor wäre beinahe in den kleineren Mann gelaufen, als der urplötzlich anhielt.
„Sie wollen wissen, ob ich Sie vermisst habe, ja?“
„Das war meine Frage.“
„Warum?“
„Wie warum?“
„Warum wollen Sie das wissen?“
„Na ja, weil…“
„Ja...?“
Beschämt blickte Boerne zu Boden. Er konnte jetzt einen dummen Witz machen und es dabei bewenden lassen. Oft genug hatte er genau das getan. Aber dann…
„Weil ich nicht weiß, ob ich Ihnen wichtig bin.“ Nur ein Flüstern, so viel leiser als sein ängstlicher Herzschlag.
Er guckte nicht hin. Guckte nicht in Thiels Gesicht, aus Angst vor dem, was er dort sehen könnte.
„Ich geh‘ mal essen.“
Fassungslos schaute Boerne auf, doch da war Thiel schon weg. Die Tür zum Foyer fiel mit einem leisen Klicken ins Schloss.
