Work Text:
Kalli blinzelte in die Sonne. Wenn man die Kopfwunde, den Trubel am Haus und sowieso alles andere aus den letzten Tagen ignorierte, war es ja eigentlich ganz schön heute.
Die Sanis waren - zum großen Unmut seiner Chefs - noch mit Frau Berger beschäftigt, aber Kalli war das ganz recht. Er hatte noch keine Lust auf die Fragen und das Pieksen und Beäugen. Lieber erstmal durchatmen. Er saß im offenen Kofferraum von Herrn Leitmayrs, Franz’ Wagen und wischte sich mit ein paar Wipes, die die beiden für ihn organisiert hatten, das Blut vom Gesicht.
“Ham- habt ihr vielleicht mein Handy mitgebracht?”
Bedauernd schüttelte Franz den Kopf. “Du, sorry, Kalli, das war völlig ramponiert. Da braucht’s mindestens einen neuen Screen.”
“Oder lieber gleich ein ganz neues.”
“Ach, shit,” murmelte er. Die Scheiben des Wagens boten auch nicht gerade einen guten Spiegel. Er legte den Kopf schief, bis der Umriss von Ivo ihm ein bisschen Sonnenschutz gewährte und deutete auf seine Schläfe. “Ist’s denn schlimm?”
Wie geübt lehnten sich beide synchron zu ihm runter und starrten ihm auf die Wunde, machten ein paar übertriebene Schnaufgeräusche, die Kalli an seinen Großvater erinnerten. So, wie sie ihn zappeln ließen, wusste er schon, dass die Antwort ‘Nein’ war, also ließ er sie mal kasperln.
“Also ein paar Nähte würd ich schon empfehlen, sonst gibt’s ein Narberl.”
“Andererseits,” warf Ivo ein, “so eine Narbe gibt Charakter.”
Kalli verzog das Gesicht, ließ es dann aber lieber bleiben, als es an seiner Wunde zupfte. “Ich glaub ich probiers lieber mit dem Nähen.”
Ivo hob beschwichtigend die Hände. Er wurde vom Klingeln seines Handys unterbrochen und ging ein paar Schritte, um den Anruf außer Hörweite anzunehmen.
Kalli betrachtete derweil den Franz. Jetzt wo er wusste, dass sein Gesicht so weit in Ordnung war, gab es noch einen zweiten Grund, aus dem er sein Handy gern hier gehabt hätte - um eine der wenigen anderen Nummern, die er auswendig kannte, anzurufen. Aber das würde seinen Chef sicher noch mehr erheitern und Kalli wusste nicht ganz, ob er ihm die Genugtuung geben wollte.
Auf dem Kiesel wanderte Ivo ein paar knirschende Schritte hin und her und Kalli konnte einen Gesprächsfetzen aufschnappen: “Der Kalli ist wohlauf, mach dir keine Sorgen.”
Misstrauisch verengte er die Augen. Mit wem telefonierte der da eigentlich? Ritschy? Es klang nicht so wirklich danach, aber-
“Mit ihm reden? Klar, Kenny, wenn du magst. Hier, schau, ich mach euch das Video an.”
Kallis Augen weiteten sich. “Herr Ba- äh, Ivo, du, Sie, du kannst doch-”
"Na, das üben wir aber nochmal,” gluckste Franz und schaute seelenruhig zu, wie sein Partner samt laufendem Videoanruf auf sie zukam.
Panisch schaute Kalli zu ihm hoch. “Wie schau ich aus?” Flüsterte er.
“Wie neu,” winkte Franz ab, nahm ihm dann aber schnell eins der Tücher aus der Hand, um ihm noch kurz im Gesicht rumzuwischen. Dann drückte Ivo ihm auch schon das Handy mit einem besorgt dreinblickenden Kenny in die Hand.
Er ließ den kleinen Redeschwall über sich ergehen. Auf seinem Channel war Kenny mittlerweile richtig gut darin, auch im Eifer des Gefechts - also, Sports - langsam und gleichmäßig zu reden, das wusste Kalli allein von der Editierhilfe. Aber wenn man ihn überraschte, konnte er doch wieder richtig loslegen. Kalli fand das ziemlich süß.
Über den Bildschirmrand blickte er Franz und Ivo an, bis die beiden kapitulierten und sich in Richtung Haus bewegten, um ihm ein bisschen Privatsphäre zu gewähren.
Seufzend wandte er sich seinem Freund zu. “Kenny- Kenny. Mir geht’s gut. Wirklich.”
-
Ein langes Gähnen beförderte Kalli endgültig aus dem nebligen Halbschlaf. Er versuchte es im Kissen zu ersticken, und bereute die Entscheidung sofort, als sein halbes Gesicht anfing, schmerzend zu pochen.
Missmutig drehte er sich stattdessen auf den Rücken und betrachtete die leere Betthälfte neben ihm im Halbdunkel des Zimmers. Draußen waren bereits die ersten Sonnenstrahlen zu erkennen, also war Kenny sicher schon joggen.
Nur vage erinnerte er sich an die Nacht, was er wohl den leichten Schmerzmitteln aus der Notaufnahme zu verdanken hatte. Halbe Fetzen von wirren Träumen schwirrten ihm durch den Kopf. Zwischendurch war er kurz hochgeschreckt, glaubte er zumindest, aber dann wurde ein warmer Arm um ihn gelegt, ein paar Worte an die Schläfe gemurmelt, die nicht kaputt war, und er war wieder eingeschlafen.
Schritte im Flur. Kalli runzelte die Stirn.
“Ich dacht, du wärst joggen,” sagte er, als Kenny vorsichtig die Tür aufstieß und mit einer Tasse Tee ins Schlafzimmer trat.
“Heut doch nicht,” erwiderte sein Freund nur kopfschüttelnd. Er stellte den Tee auf dem Nachttisch ab und öffnete die Gardinen, um Licht hereinzulassen. Als er sich wieder umdrehte und Kalli ansah, zog er scharf die Luft ein.
“Echt? So schlimm?”
Kenny wippte den Kopf hin und her. “Also, besser ist es nicht geworden.”
Kalli machte ein leidiges Geräusch und zog sich die Decke über den Kopf. Lukas Wagner hatte es zwar nicht geschafft, ihm die Nase zu brechen, hatte aber dennoch sein Bestes gegeben. Kalli hatte daraufhin den halben Abend mit Kühlpacks auf dem Gesicht im Wohnzimmer gelegen, aber scheinbar hatte es nicht so viel gebracht, wie er gehofft hatte.
“Scheiß auf Innendienst, so geh ich nicht raus.”
“Ach, nein, nein-” Kenny kletterte neben ihn und zog die Decke wieder runter. “Du siehst doch total… tapfer aus.”
Unter Kalli bebte die Matratze mit seinem eigenen Lachen. “Danke, sehr überzeugend.”
Kenny grinste zurück und beugte sich in einer lockeren Liegestütze runter, um Kalli einen schnellen Kuss auf den Mund zu drücken. Angeber.
“Ich hab Arnica da, wenn du willst?”
Natürlich hatte er das. Als ein Mensch, der den Sport gleich zu mehreren Berufen gemacht hatte, besaß Kenny keinen Erste-Hilfe-Kasten, oder, wie Kalli, eine alte Dose mit ein paar abgelaufenen Medikamenten, sondern eine komplette Schublade im Bad. Und ein Regal in der Küche mit Proteinkrams. Und ein Eisfach voller gefriergetrockneter Früchte. Und, und, und.
Kalli würde sich ja drüber lustig machen, aber blöderweise brachte das Zeug auch noch alles wirklich was.
Er stimmte zu und Kenny verschwand wieder nach draußen, um die Tube zu suchen. Schnell setzte Kalli sich auf und bediente sich an dem vergessenen Tee. Brachte ja niemandem was, wenn der jetzt kalt würde, während er hier verarztet wurde.
“Das hab ich genau gesehen.”
Kalli schluckte den Tee runter und lächelte ihn unschuldig an. “Was denn?”
Kopfschüttelnd eroberte Kenny seinen Tee zurück und nahm einen Schluck. Er wedelte eine Hand in Kallis Richtung und Kalli verstand, breitete die Beine zu einem großen V aus, damit Kenny dazwischen Platz finden konnte. Kenny rutschte ganz nah ran, legte die eigenen Beine kurzerhand um Kallis Hüften, da sie ja irgendwo hin mussten. Kalli legte die Hände auf Kennys warme Oberschenkel und strich durch die weichen Härchen. Er zupfte ihm an der Unterkante seiner Boxershorts. Blöd, dass sie beide noch nicht Zähne geputzt hatten, so praktisch nah, wie Kenny gerade war.
“Hi,” flüsterte Kalli seinen Freund an.
Kenny lachte. “Hi, na?”
Während Kenny die Geltube aufschraubte und konzentriert ein paar Tupfer auf Kallis Gesicht verteilte, verlor sich Kalli einfach in seinem Gegenüber. Kenny konnte natürlich nichts dafür, dass Kalli sich an ihm einfach nicht sattsehen konnte, aber dann musste er auch damit leben, wenn solche Gelegenheiten gänzlich ausgenutzt wurden. Kallis größter Albtraum war, dass Kenny eines Tages seine Youtube Historie zu Gesicht bekam und herausfinden würde, wie oft Kalli seine Videos guckt. Beim Sport, oder wenn Kenny ihn um eine zweite Meinung bat, okay, aber beim Einschlafen? Zur Beruhigung auf der Arbeit? Nein, dieses Geheimnis würde Kalli mit ins Grab nehmen.
“Was ist?” Fragte Kenny, während er ihm behutsam die Salbe auf den blauen Flecken um seine Nase rum einmassierte. “Woran denkst du gerade?”
“Äh. Arbeit.”
Kenny schniefte. “Na vielen Dank auch.”
“Nein, nein, also auch an dich natürlich!”
“An mich… und deine Arbeit?”
“Ja, klar,” sagte Kalli schnell und zermarterte sich das Hirn, wie er sich da wieder geschickt rausziehen konnte. Siedend heiß fiel ihm eine echte Frage ein: “Ich hab mich gefragt, warum du überhaupt die Nummer vom Herrn Batic, also vom Ivo, hast.”
Kenny grinste schief. “Und die vom Franz.”
Kalli verdrehte die Augen, aber Kenny hielt ihn mit einer Hand an seiner Wange still. Er war zu seiner Schläfe übergegangen, wo er die wunden Punkte einrieb, die unter dem großen Pflaster hervorlugten.
“Ach, die vom Franz natürlich auch. Und duzen tut ihr euch auch alle, ja?”
“Ich arbeite ja nicht mit ihnen.”
“Hm. Trotzdem.”
Kenny betrachtete sein Werk eingehend, fuhr Kalli mit dem Finger übers Gesicht, um sicherzustellen, dass er alle Stellen erwischt hatte. Er verschloss die Tube und legte sie auf den Nachttisch, dann rieb er sich die extra Salbe in die Handflächen ein. Kurz schloss er die Augen.
“Bei diesem Gamer-Fall, als du im Krankenhaus gelandet bist, hat Ivo meine Nummer aus deinem Handy rausgesucht. Und Franz hat mir seine dann auch gegeben, für Notfälle.”
“Okay.” Kalli zuckte mit den Schultern. Kenny knetete weiter an seinen Händen rum, obwohl das Gel mittlerweile sicher gut verteilt war. “Und warum hast du mir das noch nie gesagt?”
Kenny holte tief Luft und blies sie langsam aus dicken Backen wieder aus. “Manchmal, also- versteh das bitte nicht falsch, aber manchmal reagierst du ein bisschen arg, wenn es um die beiden geht.”
Kallis Brauen zuckten. “Arg?”
“Naja,” Kenny zögerte. “Wenn du was cleveres gemacht hast, erzählst dus immer zuerst ihnen. Aber wenn sie was über dich wissen, ist das manchmal okay, und manchmal irgendwie gar nicht, keine Ahnung. Und das ist nicht Ermittlereitelkeit, das hat irgendwie was mit eurem…,” er wedelte eine Hand durch die Luft, “Dreiergespann zu tun.”
Kalli verzog das Gesicht. War das so? Es war ihm wichtig, was die Herren Batic und Leitmayr von ihm dachten, klar, aber er fand eigentlich nicht, dass er da überreagierte. Andererseits konnte Kenny das vielleicht besser bewerten als er, so von außen.
“Also, das ist nicht schlimm!” Fuhr Kenny fort, als Kalli einfach stumm blieb. “Aber ich weiß halt nicht immer, wie das bei dir ankommen wird, also hab ich einfach nichts gesagt. Sorry, das war wahrscheinlich blöd. Aber ich hab ein Recht, mir Sorgen um dich zu machen und deine Kollegen erreichen zu können.”
Kalli zupfte Kennys Hände auseinander, bevor er sie noch komplett weich kneten konnte, und umschloss sie mit den eigenen. “Schon okay, Kenny. Ich mein ja auch gar nicht, dass du sie wieder löschen sollst oder so.”
Kenny nickte zufrieden und lehnte sich nach vorne, um ihm einen hauchzarten Kuss auf das Pflaster zu drücken. Kalli schlang die Arme um ihn, kraulte ihm über den Rücken und fing gerade an, eine Hand wie beiläufig nach unten wandern zu lassen, als neben ihnen Kennys Handy losklingelte.
Genervt ließen sie voneinander ab. Kenny schmollte ihn an, entbrezelte dann aber seine Beine und beugte sich zu seinem Handy, bevor er schnaubte.
“Wenn man vom Teufel spricht. Hier, für dich.” Er hielt ihm das brummende Gerät entgegen, das einen Anruf von ‘Franz Leitmayr’ verkündete. Kalli nahm den Anruf an und hielt es sich ans Ohr.
“Ach, guten Morgen,” ertönte es süffisant, bevor er überhaupt ein Wort herausbrachte. “Sag einmal Kenny, dürfen wir denn heute auch noch mit der Anwesenheit von unserem Herrn Hammermann rechnen?”
“Der Herr Hammermann,” entgegnete Kalli hochnäsig, “ist schwer verletzt und muss noch mindestens-”
“Ist er gar nicht,” rief Kenny aus dem Off und flüchtete aus dem Schlafzimmer, bevor Kalli nach ihm treten konnte. Lachend verschwand er in Richtung Küche.
“Des waren jetzt aber gegensätzliche Zeugenaussagen,” lachte Franz ihm ins Ohr. “Nein, Spaß. Wie geht’s dir?”
“Ach,” gestand Kalli, “passt scho.”
“Na, super. Du, wir haben gestern noch dein Auto und damit auch dein Privathandy vom Hause Berger einsammeln können. Und der Ivo hat schonmal ein neues Diensthandy für dich beantragt, aber du weißt ja, die Mühlen im öffentlichen Dienst-”
“Mahlen nur, wenn man persönlich vorbeikommt und mitdreht, ja ja.”
“Na denn, bis später!”
Franz legte auf, bevor Kalli sich vernünftig verabschieden konnte. Unhöflich. Aber wahrscheinlich waren die beiden samt Ritschy und Team bis über beide Ohren in Berichten vertieft und könnten Kalli ganz gut gebrauchen.
Seufzend kämpfte er sich aus dem Bettzeug hervor. Dem Lärm nach zu urteilen war Kenny schon mit der morgendlichen Smoothie-Produktion beschäftigt und Kalli würde sich beeilen müssen, wenn er noch eine persönliche Bestellung abgeben wollte. Irgendwas mit Erdnussbutter.
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Mit der Kappe tief ins Gesicht gezogen schlich Kalli sich ins Präsidium.
Kenny hatte fast noch untertrieben - als er vor einer Stunde dann doch mal in den Spiegel gesehen hatte, hatte Kalli sich fast vor sich selbst erschrocken. Das helle Pflaster verdeckte zwar die hässliche Wunde an der Schläfe, aber unter seinen Augen und um die Nase rum war alles so blau und lila, dass man denken könnte, er hätte sich doch was gebrochen.
Zu seinem eigenen Pech hatte Kalli natürlich auch noch einen Freund, der nicht ans Autofahren glaubte. Immerhin hatte Kenny sich aber mit dem Fahrrad zu Kalli in die Straßenbahn gesetzt und ihm den gewünschten Smoothie mit Erdnussbutter, Banane, Blaubeeren und Spinat gemacht, also würde Kalli ihn wohl doch behalten müssen.
Tatsächlich schaffte er es unbemerkt bis zum Büro, wo-
“Gute Güte, Kalli, das sieht ja scheußlich aus.”
Sie machen sich halt auch Sorgen um dich, hatte Kenny in der Bahn gesagt, das ist doch was gutes.
Mit einem tiefen Seufzer nahm Kalli die Kappe vom Kopf und stellte sich seinem Schicksal.
