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Eisige Liebe

Summary:

"Lass mich nicht fallen."
Elsa wusste nicht, wann sie das letzte Mal selbstständig von einem Podest gestiegen war. Wann immer sie die Schlittschuhe an ihren Füßen trug, war er neben ihr, bereit, sie herunterzuheben oder aufzufangen. Ein Wärmegefühl durchflutete sie bei dem Gedanken.
"Niemals."
Das Herz in ihrer Brust schlug wie ein kleiner Kolibri. Jack konnte sich an keinen Moment erinnern, in dem ihr Herzschlag ihn nicht beruhigt hätte, wenn die Dunkelheit ihn zu übermannen drohte, wenn das Eis kalt und unnachgiebig unter seinen Kufen lag. Gemeinsam konnten sie alles schaffen. Gemeinsam konnten sie sich ihren Traum vom Olympischen Gold erfüllen. Was jedoch, wenn eine Konstante der Gleichung plötzlich zu einem X wurde, das sich nicht lösen ließ?

[Jack x Elsa, Jelsa, modernAU]

Notes:

Hi zusammen!
Ich hab schon vor Jahren mal eine Jelsa FF mit diesem Titel auf fanfiktion.de veröffentlicht und wollte sie, nachdem ich fertig war, immer neu schreiben, da ich über die Jahre mit dem Schreiben und dem Erwachsenwerden viel dazu gelernt habe. Die Story gibts jetzt schon auf Fanfiktion.de, da aber AO3 die letzten Jahre über meine Haupt-Webseite zum Hochladen geworden ist - wenn auch für englische FFs in anderen Fandoms - wollte ich sie doch auch hier haben. Viel Spaß!

Chapter Text

Kapitel 1

„And that was a gold-medal-worthy performance! Elsa Adrendelle and Jack Frost!”

Schwer atmend fielen die beiden Teenager sich, ungeachtet des Trubels um sie herum, in die Arme. Gegen seine Brust gedrückt tobte ein kleiner Vogel, als wolle er aus seinem Käfig ausbrechen. Elsas hektischer Atem drang durch den dünnen Stoff seines Kostüms und strich heiß über seine erhitzte Brust; Jack konnte nicht sagen, ob er seine verschwitzte Haut kühlte oder ob er einfach viel zu warm war. Er legte die Wange auf ihrem Kopf ab und hielt sie fester, während er versuchte, so schnell so viel Luft wie möglich in seine Lunge zu pumpen. Eines ihrer Haare hatte sich aus dem festen Dutt gelöst und kitzelte ihn in der Nase, während ihr dünner Körper zwischen seinen Armen bebte; Anstrengung, Adrenalin, das Wissen, dass sie alles gegeben hatten, dass sie nicht mehr hätten tun können. Dass sie nun nichts mehr tun konnten, als zu warten und zu hoffen, dass es gereicht hatte. Er schloss die Augen für einen Moment, um alles andere auszublenden und sich nur aufs Atmen zu konzentrieren.

Das war es gewesen. Die Weltmeisterschaft, der letzte Wettbewerb der Saison. Sie hatten es überstanden. Jack fühlte, wie sein gesamter Körper sich entspannen und auf Elsa sacken wollte, doch er zwang seinen Körper, die Spannung zu halten. Nur noch ein paar Momente aufrecht, dann konnte er sich in dieses kleine Sofa am Rand der Tribüne sacken lassen und die Welt vergessen. Jack drückte Elsa noch ein letztes Mal an sich, ehe sie einander losließen. Die Anstrengung in ihren Augen spiegelte seinen Zustand wider, doch nach wie vor zierte das immer präsente Lächeln ihre Lippen.

Sie sahen einander an. Jack bemerkte er jetzt, dass auch er einen kleinen Vogel in der Brust hatte, der hektisch mit den Flügeln schlug. Es war dieser Moment, in dem ihn die Freude dessen, was sie in den letzten Minuten geschaffen hatte, ganz ungeachtet irgendwelcher Punkte oder Medaillen, ihn erreichte.

„Das wars!“, jubelte er los und schlang die Arme um seine Partnerin, hob sie vom Eis und wirbelte sie um sich selbst. Elsas Lachen drang an sein Ohr, ein Geräusch, das in all dem Trubel nur für ihn bestimmt war, auch wenn die Kameras ihr Gesicht für die Ewigkeit einfangen würden.

Das war ihr Moment.  

Erst, als sie über die Lautsprecher ein weiteres Mal ihre Namen hörten, ließen sie einander los, um sich für das Publikum zu verbeugen. Der andauernde Applaus brandete noch einmal auf, als Jack sie zweimal um sich selbst drehte und sie den Menschen zuwinkten. Jack warf der Menge mit einem breiten Grinsen im Gesicht Kusshände zu. Als Elsa ihm die Hand hinstreckte, ergriff er sie.  

Coach North wartete schon hinter der Bande mit ihren Jacken und einem zufriedenen Lächeln im Gesicht, wie man es sonst nur am Ende eines erfolgreichen Trainingstages oder einem Stück Kuchen sah. Jack fuhr knapp hinter Elsa, eine Hand an ihrem Rücken. Erst nach so eine Routine bemerkte er jedes Mal, wie zerfurcht das Eis eigentlich war. Er sah auf, als er die Wärme von Elsas Rücken nicht mehr unter den Finger spürte und sah, wie Coach North sie praktisch vom Eis zog in eine seiner mächtigen Umarmungen, in denen sie beinahe verschwand, so breit waren seine Arme. Er schüttelte seine Füße aus und strich sich über die Stirn. Danach klebte ihm der Schweiß an den Fingern. Doch das hielt ihn nicht ab, Jack ebenfalls direkt vom Eis in eine dieser erdrückenden Umarmungen zu ziehen. „Ah Jack, eine wunderbare Leistung habt ihr gebracht. Da, da, ich bin sehr zufrieden.“

Jack fragte sich in seinem Kampf um Luft ein weiteres Mal, wieso dieser Mann, der mehr Muskel als alles andere war, sich ausgerechnet dazu entschieden hatte, eine Laufbahn als Eiskunstläufer hinzulegen und anschließend zu coachen. Nicht dass er ein schlechter Coach war, nein. Aber Jack hätte ihn allein von der Statur her beim Bodybuilding oder Gewichtheben oder Boxen oder so gesehen.

Unauffällig sog er so viel Luft ein, wie in seine Lungen passte, als Coach North ihn endlich wieder losgelassen hatte, um seinen Sauerstoffvorrat aufzufüllen. Er gab Jack die Schoner für die Kufen seiner Schlittschuhe, dann hielt Honey, ihre zweite Trainerin und Choreographin, ihm seine Jacke hin und half ihm hinein, wie sie es eben bei Elsa getan hatte. Sie zog ihn in eine wesentlich sanftere Umarmung. „Sehr gut gemacht“, sagte sie leise. Für einen Moment hielt sie ihn noch fest und musterte ihn mit einem Gesichtsausdruck, den Jack als Stolz bezeichnen würde. Er spürte wieder den Vogel in seiner Brust, dieses Mal von Wärme umgeben. Gemeinsam ging die kleine Gruppe zu den Sofas, wo sie in wenigen Minuten ihre Wertung erhalten würden. Sie ließen sich zwischen Coach North und Honeymaren nieder. Norths massiger Arm legte sich um Jacks Schultern und drückte sie. Er spürte, wie das Adrenalin abebbte, und drückte Elsas Hand. Sie drückte zurück. Auch ohne dass sie ihn ansah, wusste er, dass sie dasselbe fühlte.   

Ein ruhiger Moment zwischen all dem Trubel.

Die großen Bildschirme, die inmitten der Eishalle von der Decke hingen, zeigten gerade die kurze Zusammenfassung ihrer Kür. Im Livestream würden die Kommentatoren sie jetzt analysieren und ihren Senf dazu abgeben. Er lehnte sich zurück, sicher, dass zumindest für den Augenblick keine Kamera auf sein Gesicht gerichtet war. Er strich mit dem Daumen über ihren Handrücken, und sie sah ihn an.

„Alles gut?“, fragte sie leise.

Er nickte. „Einfach nur fertig.“ Er fuhr sich durch die Haare. Sie klebten vom Gel und dem Schweiß.

Sie lächelte und drückte seine Hand noch einmal; eines der letzten Male. „Ich auch. Komm, lass uns die Wiederholung anschauen.“

Bei einer Landung war Elsa etwas wackelig aufgekommen und er war bei einer der Pirouetten nicht ganz synchron mit ihr und der Musik gewesen, aber ansonsten sah es ganz gut aus, fand Jack. Elsa hatte mehr daran auszusetzen, da sie die Detailorientiertere von ihnen war, und Coach North hatte natürlich allgemein immer etwas zu meckern, da es ja auch sein Job war. Trotzdem nickte er am Ende der Zusammenfassung zufrieden.

Auf dem Bildschirm sah man, ganz am Ende und in Zeitlupe, damit man den Moment auch auskosten konnte, wie er sogar eine Faust in die Luft reckte, als Jack und Elsa in ihrer Endpose zum Stehen kamen. Sein Mund formte etwas, das wie ein kräftiges, lautes „DA!“ aussah. Das warne die Momente, in denen seine russische unter der Oberfläche hervorbrach. 

Elsa, Jack und Honeymaren sahen zeitgleich zu ihm, als das Publikum ob der gezeigten Szene lachte. Doch Coach North sah auffällig angestrengt auf den Bildschirm, der jetzt nur noch das Logo der Eiskunstlaufunion und der Weltmeisterschaft zeigte, ohne die Absicht, sich jemals zu ihnen zu drehen und ihnen diese Genugtuung zu schenken.

Und dann war die Kamera wieder auf sie gerichtet. Jack merkte es daran, wie Elsa keine Sekunde zuvor seine Hand losließ und stattdessen der Kamera mit ihrem Bühnenlächeln zuwinkte. Jack grinste breit und warf ihr eine Kusshand zu, ehe er sich auf den kleinen Bildschirm vor ihm konzentrierte, wo gleich die Punkte angezeigt werden würden. Er vergrub seine Finger rhythmisch im Stoff seiner schwarzen Hose, um seiner Nervosität etwas zu tun zu geben. Sie waren als das letzte Paar heute gelaufen. Sobald die Punkte bekannt wurden, würden sie schon wissen, wie sie platziert hatten.

„The scores please“, erklang die blecherne Stimme der Kommentatorin über ihren Köpfen. Schlagartig wurde es bedeutend stiller in der ausverkauften Eishalle. Jack war sich sicher, hören zu können, wie Elsas Herzschlag schneller wurde; auf alle Fälle konnte er sein eigenes klopfendes Herz hören. Er beugte sich vor, um näher an dem kleinen Bildschirm zu sein. Seine Finger kribbelten.

„Elsa Arendelle and Jack Frost have earned in the Free Skate a score of 129,82 points which is a new personal best.”

Neben sich spürte Jack, wie Elsa erleichtert ausatmete. Sie sah ebenfalls konzentriert auf den Bildschirm, der die Punktzahl anzeigte, jedoch wusste er genau, dass sie gerade schon damit beschäftigt war, ihre Gesamtpunktzahl auszurechnen.

Elsa verzog die Lippen ganz leicht, kurz bevor die Kommentatorin zu sprechen begann.

„Their total score is 188,04 and they are currently in first place.”

“JA!” Ungehalten sprang Jack auf und riss eine Faust in die Luft. Erster Platz! Gold! Er drehte sich um und zog Elsa in eine Umarmung, wobei er sich vor lauter Freude mehrmals um sich selbst drehte, eine Wiederholung der Szene auf dem Eis.

„Erster Platz!“, hörte er sie ungläubig nahe an seinem Ohr flüstern. Ihre Mine war starr; doch er konnte die Freude, die unter der Maske hervorbrechen wollte, genau sehen.

Er stellte sie am Boden ab und drückte sie an sich, verbarg ihr Gesicht an seiner Brust, um ihren Gefühlen einen unbeobachteten Raum zu geben. Es war immer wieder ein Adrenalinrausch und ein überwältigendes Glückgefühl, auch wenn sie schon viele Goldmedaillen zuhause hängen hatten. Coach North schloss sie ebenfalls in seine Arme und schaffte es sogar, sie beide gleichzeitig hochzuheben. Elsa schnappte erschrocken nach Luft, doch das Lachen entwich ihrer Stimme nicht. Jack hielt sie etwas fester in Coach Norths Umarmung, während das Publikum um sie herum tosend applaudierte und jubelte.

Ehe Jack sich versah, standen sie in der Mitte der großen Eisfläche, ganz oben auf dem Podest, beide mit Blumen in den Armen und verbeugten sich, um ihre Goldmedaillen umgehängt zu bekommen. Ihnen wurde gratuliert; die norwegische Flagge hing knapp unterhalb der Decke, die höchste Flagge heute Abend. Jack löste den Arm, den er um ihre Taille gelegt hatte, erst, als die norwegische Nationalhymne verklungen war, um den zahlreichen Kameras stolz die Goldmedaille zu präsentieren. Erst nach unzähligen Kamerablitzen durften sie ihre Ehrenrunden um die Eisbahn drehen.

Schnell stieg Jack vom Podest, um Elsa herunterzuheben. Sie lächelte ihn an und lehnte sich für einen Moment gegen ihn; Jack zog sie an sich, wobei sie die Kameras um sich herum für einen Moment vergessen konnten. Dann fuhren sie los, um die Siegerrunden anzuführen, die Goldmedaillen schwere und verdiente Gewichte um ihre Nacken. Am kurzen Ende der Bahn sah er die massige Gestalt von Coach North, der mit einer norwegischen Flagge wedelte. Jack nahm sie ihm im Vorbeifahren ab, um sie hinter sich und Elsa aufzuspannen. Doch dann kam ihm jedoch eine bessere Idee.

Er grinste Elsa an, die die Stirn etwas runzelte, das Winken jedoch nie vergaß. „Kannst du meine Blumen kurz halten? Hier, ich nehm‘ dir das ab …“

Er ließ Elsa keine Zeit zum Nachdenken, damit sie ihm seine Idee nicht ausreden konnte. Er drückte ihr seine Blumen in die Hand, schlang einen Arm um ihre Oberschenkel und hob sie hoch, sodass sie auf seine Schulter saß. Er hörte Elsa nach Luft schnappen und spürte, wie sie sich verkrampfte. Er glitt über das Eis, ohne sich anzuschieben, bis er spürte, dass Elsa eine sichere Position gefunden hatte; erst dann gab er wieder Gas, hob die Flagge mit seiner freien Hand, sodass sie hinter ihnen im Fahrtwind wehte.

Er konnte ihr Lachen hören. Er blickte kurz nach oben. Sie winkte dem Publikum mit den beiden Blumensträußen in der Hand zu, so gut diese es zuließen. Jack genoss das Gefühl ihrer Ausgelassenheit und lachte und grinste selbst so strahlend, als würde er mit der Medaille um seinen Hals konkurrieren.

Jack drehte noch eine extra Runde. Sein Arm wurde schwer, doch er wollte noch in der kleinen Blase ihres Sieges bleiben.

***

Jack öffnete das kleine orangene Döschen und warf sich – nach einer kurzen, immer wiederkehrenden Diskussion mit sich selbst – eine der kleinen Pillen ein.

Diese blöde Angststörung verfolgte ihn jetzt schon seit einigen Jahren. Er hatte lange genug versucht, es ohne die Tabletten in den Griff zu bekommen, da es bei jedem Wettbewerb wieder eine Diskussion bei den Dopingkontrollen war. Es hatte ihn Zeit gekostet, die kostbar war, die weder er noch Elsa hatten in ihrem Sport, in dem Minuten entscheidend waren. Doch ohne die Tabletten hatte das Training gelitten; eine Tatsache, die Jack sich lange nicht hatte eingestehen wollen.

Erst seine Mutter hatte dem ein Ende bereitet. Eines Tages hatte sie für ihren Sohn entschieden, dass er, wollte er weiter seinen Sport weiter auf diesem Level verfolgen, diese Tabletten verschrieben bekam und nehmen würde. Klein und zierlich, wie sie war, legte sie sich jede Saison wieder mit den zuständigen alten, weißen Männern ganz oben an, wenn sie mal wieder der Meinung waren, es könnte sich ja doch um einen Dopingversuch handeln. Für all die Atteste und Bescheinigungen, die sie bisher dafür hatten einreichen müssen, war sicherlich schon ein ganzer Baum gestorben.

Jack stellte die kleine Dose wieder in das oberste Regal des Spiegelschranks über dem Waschbecken, hinter die Tube Haargel und der Ersatz-Zahnpasta. Aus den Augen, aus dem Sinn. Nicht einmal seine kleine Schwester wusste davon.

Besagtes Mädchen kam ihm jetzt auf dem Flur entgegengesprintet und wäre fast mit ihm zusammengestoßen.

„Aus dem Weg!“, schrie sie. „Der letzte in der Küche ist ein Verlierer!“

Gähnend schlurfte Jack ihr hinterher. Der kanadische Jetlag steckte ihm noch in den Knochen, obwohl es schon Mittwoch war. Normalerweise mussten sie nach einem Wettkampf spätestens am Dienstag wieder die Schulbank drücken, was diese Saison auch ihr einziger vollständiger Tag im Unterricht gewesen war. Da die Wettkämpfe für die Saison jetzt vorbei waren, würde sich jedoch auch das wieder ändern. Weltmeister und Athleten hin oder her, auch für ihn und Elsa galt die Schulpflicht, wenn auch mit vielen Ausnahmen.

Jana futterte ihr Schokomüsli mit so viel Hingabe, dass man meinen könnte, es wäre mit Gold überzogen. Er grinste sie über sein eigenes Frühstück hinweg an, und sie grinste zurück.

„Wasch guckscht du scho?“, fragte sie mit vollem Mund, wobei etwas Milch über ihr Kinn tropfte.

„Madame, mit vollem Mund spricht man nicht!“, erklang da schon die tadelnde Stimme ihrer Mutter, die gerade mit ihrem Kaffee und ihrem eigenen Frühstück aus der Küche kam.

Jana verdrehte unauffällig die Augen.

„Lass mich doch schauen“, grinste er. Er sah Jana für einen Moment an, ehe das Grinsen zu einem sanften Lächeln wurde. „Ich hab dich vermisst.“

Jana schluckte herunter, bevor sie ihm ein übermäßig breites Grinsen schenkte. „Ich dich auch! Machen wir heute Nachmittag was zusammen? Oder morgen? Oder heute UND morgen??“ Ihre großen braunen Augen leuchteten so sehr, dass es Jack körperlich wehtat, den Kopf schütteln zu müssen.

„Tut mir leid. Heute bin ich bis abends in der Schule und morgen Nachmittag in der Eishalle. Es stehen zwei Interviews an.“ Letzteres sagte er eher in Richtung seiner Mutter, die ihren Kaffee trank und die Zeitung las. „Kannst du mich morgen danach abholen?“

„Natürlich. Ich bringe auch gerne Elsa heim, sag das bitte ihren Eltern.“ Sie strich ihm durch die Haare und legte ihm eine Hand an die Wange. „Vielleicht können wir morgen dann einen Filmabend gemeinsam machen? Jana, was hältst du davon?“

Seine Schwester sah nicht wirklich überzeugt aus. „Spielen wir dann zumindest am Freitag was zusammen?“

Jack nickte. „Klar. Freitag nach der Schule. Ich kauf dir auf dem Heimweg sogar ein Eis.“

Sie sprang auf. „Echt jetzt?!“ Ihre Augen leuchteten wieder.

Er lachte. „Klar. Ich würde niemals lügen, wenn es um Eis geht.“

Das Klingeln von Jacks wenige Minuten später Handy war das Signal für die Geschwister, sich ihre Schultaschen zu schnappen, sich von ihrer Mutter zu verabschieden und die vielen Stockwerke des Wohnblocks nach unten zu gehen. Das Auto von Elsas Vater stand in der Einfahrt. Er winkte den beiden durch die Scheibe zu, Elsa neben ihm auf dem Beifahrersitz, Elsas Schwester Anna auf dem Rücksitz. Es wurde sich abgewechselt, wer die Kinder wann zur Schule oder zur Eishalle brachten, wenn es so früh am Morgen war. Diese Woche hatte Elsas Vater angeboten, sie zu fahren.

Diese Saison waren ihre Schultage Dienstag und Donnerstag gewesen. Da die Wettbewerbe jetzt jedoch vorerst offiziell vorbei waren, galten für sie beide auch wieder strengere Regeln, was den Schulbesuch anging. Angepasste Stundenpläne würde es erst zu Beginn des nächsten Schuljahrs wieder geben. Dienstags waren sie den ganzen Tag mit ihren Klassenkameraden im Unterricht gewesen und hatten anschließend noch Privatstunden in den Fächern, die ihnen Schwierigkeiten bereiteten, gehabt. Donnerstags hatten sie nur bis mittags am Unterricht teilgenommen und waren danach zum Training gefahren. Abgesehen davon hatten sie sonst die gesammelten Aufgaben aller Fächer für die folgende Woche erhalten, welche sie selbstständig erledigt und dienstags vor Unterrichtsbeginn hatten abgeben müssen. Zugleich hatten sie die Aufgaben der vorherigen Woche korrigiert zurückbekommen. Einen der darauffolgenden Abende hatten sie dann damit verbracht, ihre Korrekturen gemeinsam durchzugehen und sich aufzuschreiben, was sie sich in den Einzelstunden mit den Lehrern noch einmal ansehen sollten.

Letztes Jahr waren sie noch öfters in der Schule gewesen. Jack vermutete stark, dass sich die Zeit, die sie im Unterricht verbringen würden, in den kommenden Jahren trotz bevorstehendem Abschluss noch einmal verringern würden. Vor allem, da in weniger als zwei Jahren die Olympischen Winterspiele anstanden, und sie ab der nächsten Saison auch bei den Senioren antreten würden.  

Jetzt jedoch galt auch für Elsa und Jack jedoch wieder der Alltag eines ganz normalen Jugendlichen, weshalb ihre Mathelehrerin ihnen an diesem Morgen auch erstmal die benoteten Mathetests von vor der WM vorlegte. An seiner Note wurde ihm mal wieder eines peinlich genau bewusst: Mathe war einfach nicht sein Fach.

„Gute Ergebnisse sind auch für Sie möglich, Jack“, kommentierte die Lehrerin da auch schon spitz, eine klare Anspielung darauf, dass Elsa sehr viel besser als er abgeschnitten hatte. Da musste er gar nicht erst auf ihr Blatt schauen. Sie war aber auch nun mal ein Mathegenie.

„Meine Stärken liegen wo anders“, gab er abwesend zurück, während er den Test wegpackte. Einige seiner Klassenkameraden hatten das Gespräch mittlerweile mitbekommen und drehten sich jetzt interessiert zu ihnen um.

„Ach?“, sagte die Lehrerin spitz und rümpfte die Nase. Jack war sich ziemlich sicher, dass sie sie beide nicht leiden konnte, weil sie ihrer Meinung nach zu viel Unterricht verpassten und eine gute Bildung ja viel wichtiger als Sport war. Das hatte sie ihm zumindest mal in einer Einzelstunde mit ihnen klargemacht. Jack war sich ziemlich sicher, dass sie Elsa nur zumindest halbwegs mochte, weil diese wesentlich bessere Noten in Mathe schrieb. Es war nur Mathe, wo er nicht glänzte. Seine Stärken lagen tatsächlich in anderen Fächern, zum Beispiel Sprachen oder Chemie.

Im Grunde stimmte er seiner Mathelehrerin ja zu, eine schulische Bildung war wichtig; aber ihre Art passte ihm leider so gar nicht.

Also lehnte er sich in seinem Stuhl zurück und erwiderte so arrogant, wie er nur konnte: „Naja, haben Sie schon mal eine Goldmedaille auf einer Weltmeisterschaft geholt? Ich finde, da liegt meine Stärke.“ 

Seine Klassenkameraden lachten mehr oder weniger verhalten los und er sah aus dem Augenwinkel, dass Elsa ebenfalls an sich halten musste, um nicht zu lachen. Sie verbarg es erstaunlich gut, doch er kannte sie einfach zu lange. Er grinste breit.

Die Mathelehrerin verzog das Gesicht, als hätte sie in eine sehr saure Zitrone gebissen. „In vier Wochen steht der nächste Test an“, sagte sie lediglich, ehe sie sich wieder Richtung Lehrerpult drehte. „Strengen Sie sich mehr an, sonst sehe ich schwarz für Ihre Mathenote.“

„Kein Problem, nachdem ich ab jetzt ja sowieso in diesem Klassenzimmer festsitze“, murmelte er noch. Als die Lehrerin außer Hörweite war, lehnte er sich zu Elsa, die bereits auf die Matheaufgaben vor sich konzentriert war. „Bitte sag mit, dass wir bald für eine Show trainieren müssen und hier raus können.“

Sie sah kaum von dem Mathebuch auf. „Trainingszeiten für Shows sind frühestens am Nachmittag; meistens aber abends und am Wochenende.“

Jack ließ den Kopf zurückfallen und seufzte etwas zu laut, sodass die Lehrerin vermutlich deknen würde, dass er schon mit der ersten Teilaufgabe der ersten Übung überfordert war. Nicht, dass er diese Info zu den Trainingszeiten nicht schon zuvor gehabt hatte, aber er hatte dennoch gehofft, vielleicht einmal Glück zu haben. Aber die Götter (oder wohl eher Coach North und Honeymaren) waren ihm nicht gnädig.

Irgendwie brachte er jedoch auch diese Mathestunde und die Folgestunden hinter sich. Als sie mittags in die Cafeteria gingen, war er schon vollkommen geschafft. Er verstand überhaupt nicht, wieso ein halber Schultag ihn so viel mehr schlauchte als ein Trainingstag.

Wie sonst saßen er und Elsa auch hier zusammen. Manchmal fragte er sich, ob sie zu viel Zeit gemeinsam verbrachten, doch er war sehr froh darum. An den Tagen, an denen seine Anxiety durch das Dach wollte, war Elsas Präsenz eines der wenigen Dinge, die es schafften, ihn am Boden zu halten. Und auch sonst fand er, dass er das große Los im Lotto gezogen hatte, den Großteil seiner Zeit mit seiner besten Freundin verbringen zu können.

„Coach North meinte, wir machen wieder bei der Tour vom letzten Jahr mit. Dieses Jahr führen sie Märchen auf, wir sollten also das Nussknacker-Programm wieder auspacken“, meinte Elsa über ihrem Gemüseauflauf. Sie schob ein Stück Brokkoli eine Weile hin und her, bevor sie zu essen begann.

„Nuschknacker?“, fragte Jack mit vollem Mund. Er hatte weniger gute Erinnerungen an das Programm. Er schluckte runter. Seine Finger begannen zu kribbeln. „Das ist doch schon ein paar Jahre alt. Das willst du nochmal laufen?“

„Wir müssen es natürlich überarbeiten“, korrigierte sie sich selbst. Sie zog das blaue Notizbuch, das sie sonst nur in der Eishalle dabei hatte, aus ihrer Tasche und schlug eine leere Seite auf.   

Jetzt war es Jack, der mit seinem Essen spielte. Der Appetit war ihm vergangen. Das Kribbeln in seinen Fingerspitzen breitete sich aus. „Elsa, wir sind grad erst von der WM nach Hause gekommen. Sollten wir nicht erstmal eine Pause machen?“

Fast wie von selbst begann sie, auf ihrer Unterlippe zu kaufen. Unsicherheit spiegelte sich in ihren großen blauen Augen. „Ich dachte nur …“

„Nein, nein.“ Jack umfasste sanft mit einer Hand ihr Handgelenk, sodass sie ihn ansah. Durch das Kribbeln fühlte sich ihre Haut unter seiner an, als wäre sie uneben. Dabei wusste er, dass das nicht stimmte. „Es ist eine gute Idee. Nur … vielleicht nicht jetzt und nicht hier? Das … ist nicht unbedingt mein Lieblingsprogramm gewesen.“

Ihre Augen weiteten sich. „Oh! Oh Gott, das … das tut mir so leid, entschuldige! Sorry, sorry, sorry!“ Sie stolperte fast über ihre eigene Zunge, so schnell versuchte sie, die Worte über die Lippen zu bringen. Sie schlug das Notizbuch ruckartig mit einem dumpfen aber gut hörbaren Geräusch zu, sodass Jack es gut über das laute Stimmengewirr der Cafeteria hören konnte.

Er drückte ihr Handgelenk noch einmal, doch sie sah ihn nicht an. „Alles gut. Lass uns einfach … gibt’s noch was anderes zu planen?“

Elsa nahm einen tiefen Atemzug, dann nickte sie. „Wir können schon mal für die nächste Saison überlegen. Das ist die Saison vor Olympia und zudem unser erstes Mal, dass wir bei den Senioren antreten. Coach North stellt aktuell auch eine kleine Show zusammen; da müssen wir uns auch etwas dafür ausdenken.“

Jack nickte, wobei er ihr Handgelenk wieder losließ. „Ich würde gerne mal was Neues ausprobieren. Was Schnelleres, Aufregenderes? Ich mag unsere Programme, aber jetzt hätten wir nochmal die Chance, bevor die nächste Saison losgeht.“

Ihre Augen wanderten. Jack wusste, dass sie neuen Dingen nur ungern eine Chance gab. Bisher waren sie mit Programmen wie Titanic, dem Nussknacker oder Romeo und Julia immer sehr ähnlich gefahren. Das Publikum mochte das, was sie zeigten, und sie fühlten sich wohl damit. Trotzdem würde er gerne noch einmal etwas anderes ausprobieren, bevor sie in die Schublade der Liebesgeschichten und langsamen Lieder gesteckt wurden und das Publikum immer genau das erwartete. Er sah, wie unwohl sie sich mit dem Vorschlag fühlte.

„Wir müssen auch ni-“

„Doch.“ Sie nickte einmal, dann einen Herzschlag später ein zweites Mal. „Das ist doch eine gute Idee.“

Jack runzelte die Stirn. Die Antwort war ihm zu schnell gekommen. „Das sagst du jetzt aber nicht nur, weil du dich wegen eben schlecht fühlst?“

Ihre wandernden Augen schossen zu ihm. Ein Tier in der Falle.

„Vielleicht können wir ja einen Kompromiss finden?“, schlug er vor. „Welche Lieder gefallen dir gerade gut?“

Sie spielten einander eine Weile Lieder zu, den Lärm der Cafeteria um sich herum vollkommen ignorierend, welche Elsa fleißig mitschrieb, als ein Schatten auf ihren Tisch fiel. Sie sah etwas schneller auf und legte automatisch eine Hand auf die eben beschriebene Seite.

„Hi Elsa“, sagte der zum Schatten zugehörige Körper. Hans aus ihrer Stufe stand neben ihr und strahlte sie an. „Herzlichen Glückwunsch zu dein – ähm, eurem Sieg“, sagte er mit einem schnellen Seitenblick zu Jack, ehe er wieder Elsa ansah. „Ihr saht sehr gut aus.“

„Oh, du hast zugesehen?“, fragte sie überrascht. Vor einigen Jahren, als sie gerade damit begonnen hatten, sich einen internationalen Namen zu machen, waren ihre Klassenkameraden noch total aus dem Häuschen gewesen, wenn sie eine Medaille gewonnen hatten oder international unterwegs gewesen waren. Mittlerweile war es jedoch schon fast zum Alltag geworden, dass Jack und Elsa nur selten im Unterricht anwesend und mehr oder weniger berühmt waren. Ihnen wurde morgens gratuliert, dann wurde wieder zum Schulalltag übergegangen.

„Ja, natürlich. Ich bin Eiskunstlauf-Fan. Leider mit zwei linken Füßen, deswegen schaue ich es mir nur an“, antwortete er und fuhr sich durch die rötlichen Haare.

Elsa konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Das wusste ich gar nicht!“

Jack zog das Notizbuch zu sich heran, während die beiden sich unterhielten. Er war kein Experte, was Frauen und Flirten anging, aber das vor sich bekam sogar er mit. Er persönlich hielt Hans für oberflächlich und etwas suspekt, so wie er sich aus jedem Nachsitzen und Strafarbeiten herausreden konnte, aber vielleicht war er ja eigentlich ganz nett. Jack selbst lebte schließlich auch mit der Maske des Klassenclowns und des immer gut gelaunten, nie nervösen Typen, der die Lehrer auf die Palme brachte. Und Elsa hatte das Pokerface sowieso gemeistert.

„Dann möchte ich euch gar nicht weiter stören.“ Hans verabschiedete sich. Elsa und Jack sahen ihm beide hinterher, wie er die Cafeteria verließ. Kurz vor dem Ausgang drehte er sich noch einmal um und lächelte Elsa zu. Jack sah zu ihr. Sie wurde doch tatsächlich rot im Gesicht.

Grinsend lehnte er sich zurück und wartete, bis sie ihn ansah. „Wirklich? Ein Ginger?“, neckte er sie dann und wackelte mit den Augenbrauen.

„Sei still!“ Gespielt verärgert zog sie das Notizbuch wieder zu sich. „Außerdem hat meine Schwester auch rote Haare. Sei also vorsichtig, was du sagst.“

Jack lachte auf. Er war ja schon still.