Work Text:
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Es ist Leo, der Adam vier Wochen nach dem Tod seines Vaters zur Klinik fährt, damit der lästige Gips endlich ab kommt. Leo würde ihn nicht vermissen. Nicht nur, weil er ein klotzig-weißer Reminder ist, dass Roland Schürk in diesem Jahrtausend sicher keinen Best-Dad-Award mehr gewinnen würde, aber vor allem deshalb, weil ein an den Schreibtisch gefesselter Adam einem nach gewisser Zeit einfach verdammt auf die Nerven fällt. Leo weiß natürlich, dass das nicht unbedingt Adams Schuld ist, nicht nach allem was vorgefallen ist, hat es zu Beginn sogar seltsam charmant gefunden irgendwie, weil ein über den Gips und sein aufgezwungenes Timeout fluchender Adam immer noch hundertmal besser ist, als einer, der unschuldig und traumatisiert im Knast festsitzt. Aber nach einiger Zeit, okay, nach dem ersten Tag, nachdem Adam seine Krankschreibung ignoriert und wieder im Präsidium aufgetaucht ist, um sie alle dort heimzusuchen wie ein missmutig gelangweilter Hausgeist, da saß Leos rosa-rote Brille schon gehörig schief, rutschte einen Tag später noch ein ganzes Stück weiter von der Nase, bevor sie sich schließlich gänzlich ins Nirvana verabschiedete. Egal, was Adam ihm auch bedeutet, ändert nichts daran, dass er einem verdammt noch mal auf den Geist gehen kann. Punkt ist, er ist froh, dass das verdammte Ding endlich abkommt und Adam auch wieder offiziell den Dienst antreten darf. Da sind sie sich halt nicht unähnlich, er und Adam. Zu viel Raum zum Nachdenken und sie sind beide hoffnungslos mit sich überfordert.
„Hey, meinst du wir können einen kleinen Umweg machen?“, fragt Adam dann unvermittelt auf dem Nachhauseweg, spreizt und knetet dabei die frisch befreiten Finger, ein zufriedenes Glitzern in den Augen, und das allein ist Grund genug für Leo ihn hinzufahren wo auch immer es ihn jetzt auf einmal so plötzlich hin treibt, kein Umweg zu umständlich, keine Strecke zu weit.
„Wo soll es hingehen?“
Die Adresse in Alt-Saarbrücken, die Adam ihm daraufhin nennt, ist Leo gänzlich unbekannt und stellt sich als eine alte Stadtvilla heraus, schmal und hoch und eingepfercht zwischen seinen Nachbarn. Die orange-roten Klinker der Außenfassade sehen noch einigermaßen frisch aus, aber der weiße Stuck über der Eingangstür und den Fenstern hat schon bessere Zeiten gesehen. Das dunkle Holz der zwei kleinen Giebelfenster hoch oben im Dach sieht selbst von hier unten verrottet aus.
Und dann kramt Adam sein Schlüsselbund umständlich aus seiner Jeansjacke und marschiert ohne zögern die Eingangstreppe hinauf, die hier direkt in den Bürgersteig übergeht, schließt die schwere Eichentür auf und winkt ihn ungeduldig heran, bevor er durch sie hinweg verschwindet und Leo alleine auf dem Bürgersteig stehen lässt.
Leo starrt verdattert.
Einen Moment später steckt Adam den Kopf wieder durch die Tür, rollt mit den Augen bei seinem Anblick und winkt ihn erneut heran.
„Nun mach schon, Leo!“
Leo blinzelt und macht.
„Adam-“, beginnt Leo im Foyer und verstummt dann wieder, weil ihm offenbar irgendwo zwischen Bürgersteig und Haustür die Worte verloren gegangen sind.
Er schaut sich um. Foyer ist eigentlich viel zu viel gesagt, so eng wie es hier im Eingangsbereich vor sich geht. Links die Holzreppe in den ersten Stock, vor ihnen ein breiter Flur ins innere des Hauses, welcher in einem großen Wohnbereich zu münden scheint, rechts davon abgehend zwei schief in den Angeln hängende Altbautüren, mehr grau als nussbraun, der Lack abgeplatzt und schäbig. Die Tapete schält sich überall von den Wänden, der sicher mal herrschaftliche Dielenboden spröde und staubig wie eine Mondlandschaft. Von der Decke hoch über ihnen baumelt still und einsam eine einzige nackte Glühbirne, die aussieht, als stamme sie noch aus Kaisers Zeiten.
„Adam“, beginnt Leo erneut und starrt dabei auf die Stelle ein Stück vor ihnen, wo eine Diele fehlt und den Blick frei gibt auf etwas, was die Baumeister Anfang des 20. Jahrhunderts offenbar unter Dämmung verstanden, „was genau machen wir hier in dieser Bruchbude?“
„Was schon, uns umsehen“, entgegnet Adam absolut nichtssagend und schiebt sich schließlich an ihm vorbei, weicht geschickt dem Loch im Boden aus und schlendert die knarrenden Dielen entlang in Richtung Wohnzimmer.
Leo folgt ihm einen Moment später, verdattert, denkt geradeso noch rechtzeitig daran nicht in das Loch zu treten und findet sich kurz darauf wieder in einem großzügigen Wohnbereich, lichtdurchflutet dank der hohen Fenster, Stuck ohne Ende an der Decke, ein gottverdammter Kamin in einer Ecke und in der Mitte etwas, was er nur als einen schiefen Berg aus Gerümpel bezeichnen kann, notdürftig abgedeckt durch eine eingestaubte Plane.
„Bitte, bitte, Adam, sag' mir, dass du diese Bruchbude nicht gekauft hast“, fleht Leo.
„Geerbt“, gibt Adam zurück und belässt es dabei, inspiziert lieber interessiert das Gerümpel vor ihnen. Ich brauch' so viel mehr Worte von dir, denkt Leo schon fast hysterisch und als hätte Adam es gehört, dreht er sich zu Leo um, rollt schon wieder mit den Augen und stemmt die Hände in die Hüften, ganz so, als sei Leo hier derjenige, der sich irrsinnig benimmt.
„Stellt sich heraus, dass der Alte den Großteil seiner geklauten Kohle lieber in Immobilien gesteckt hat, als es irgendwo im Wald zu vergraben“, erklärt Adam schließlich und wandert rüber zu der zweiflügligen Terrassentür, öffnet sie unter lautem Quietschen, dass es in den Ohren zieht, und lehnt sich mit verschränkten Armen in den Türrahmen, den Blick hinaus in den vor Unkraut überwucherten Garten. Nach einem kurzen Zögern gesellt sich Leo zu ihm, schaut sich um und fixiert dann Adam neben ihm mit einem hilflosen Blick.
„Wohnst du hier?“, platzt es aus ihm heraus, total unsinniger Weise, denn wenn einer es besser wissen müsste, dann ist das Leo. Leo, der Adam nun schon seit seiner Haftentlassung auf dem Schlafsofa in seinem winzigen Arbeitszimmer beherbergt. Er ist bestimmt oft genug nicht ganz auf der Höhe, wenn es um Adam geht, aber das hätte er nun doch noch mitbekommen, immerhin war er es gewesen, der Adam regelrecht dazu gedrängt hat, nicht wieder in den Bunker einzuziehen, in dieses kalte, trübe Loch von einem Zuhause. Wenn Adam also zwischendrin wieder klammheimlich ausgezogen wäre, dann hätte Leo es doch sicher mitbekommen oder?
Adams hochgezogene Augenbraue bei seiner Frage sagt alles. Puh, okay.
Aber apropos Bunker.
Leo schaut sich noch einmal prüfend um. Das alte Gemäuer, der Stuck, das schwungvoll verspielte Design der Brüstung der Veranda.
„Sieht nicht aus wie eine Immobilie, die deinem Vater zusagt“, stellt er schließlich etwas ratlos fest und denkt an nackte Betonwände voller Ecken und Kanten, penibel darauf bedacht jede Verspieltheit aus dem Design zu tilgen.
Adam schnaubt amüsiert und der Blick, den er Leo zuwirft, ist auf seine ganz eigene Weise warm, so wie nur Adam es kann.
„Keine Ahnung, warum er ausgerechnet dieses Haus gekauft hat“, sagt Adam achselzuckend, „Vielleicht gerade deshalb.“
„Hm“, macht Leo nachdenklich und betrachtet ihre Fußspuren, die sie in der dicken Staubschicht auf den Dielen hinterlassen haben, „Was hast du jetzt vor mit dem Haus?“
Adam runzelt die Stirn, zögert und zuckt dann wieder mit den Achseln, bevor er sich vom Türrahmen löst.
„Nichts weiter“, fügt er noch ausweichend hinzu.
Bevor Leo darauf etwas erwidern kann, packt Adam ihn schon sanft beim Oberarm und zieht ihn ebenfalls aus der Tür, führt ihn dann mit einer Hand im unteren Rücken durch die restlichen Räume im Erdgeschoss, eine große Küche mit Vorratskammer und Platz für eine Essecke, ein Gästebad, und dann die alte Holztreppe hinauf in die restlichen Stockwerke, knarrend und knirschend bei jedem Schritt hinauf, bis unter das Dach, wo sie gemeinsam an einem der vor Schmutz und Spinnweben trübe gewordenen Giebelfenster stehen bleiben und hinaus schauen über die umliegenden Dächer.
„Gar nicht schlecht“, bemerkt Leo und Adam neben ihm lächelt.
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Das nächste Mal, dass Leo sich in dem Haus wiederfindet, ist zwei Wochen später und ist mehr oder weniger unfreiwillig. Sie haben ihr erstes freies Wochenende seit Ewigkeiten, kein aktueller Fall, der ihnen den Schlaf raubt und auch keine Rufbereitschaft, die ihnen zwei ganze freie Tage vermiesen könnte. Leo, peinlicher Weise, stirbt geradezu vor Langeweile. Caro und ihr Freund sind verreist, romantisches Pärchenwochenende am Bodensee, Esther im Stadion mit Pia im Schlepptau und Adam ist auch seit den frühen Morgenstunden ausgeflogen mit der sehr vagen Erklärung, dass Leo ihn erst später am Abend zurückerwarten braucht, da er noch was zu erledigen habe in dem Haus. Leo wird wieder einmal bewusst, dass sein Kreis privater Kontakte echt ausbaufähig ist.
Am späten Nachmittag gibt er schließlich auf sich lustlos durch Netflix zu zappen, schnappt sich seine Autoschlüssel und macht sich auf dem Weg nach Alt-Saarbrücken, rastlos so allein in seiner Wohnung, die ihm ohne Adam darin mittlerweile seltsam leer und kalt erscheint. Und, das muss er zugeben, etwas neugierig ist er auch was Adam da eigentlich schon den ganzen Tag treibt in seiner geerbten Bruchbude.
Renovieren, ist die Antwort.
Als Leo läutet, oder besser sich mit einem waschechten Türklopfer aus Messing bemerkbar macht, keine Klingel weit und breit in Sicht, öffnet ihm ein verschwitzter aber dafür breit grinsender Adam die Tür.
„Oh, Leo“, sagt Adam, ganz so, als ob hier irgendwer sonst unangemeldet auftauchen würde auf der Suche nach ihm, „hast du etwa schon Sehnsucht nach mir?“
„Ha, ha“, antwortet Leo, ertappt, und drückt ihm schwungvoll die Tüte mit dem Take Away vom französischen Bistro in die Arme, bevor er sich an Adam vorbei quetscht in das Foyer, das keines ist. Das Foyer, das vor zwei Wochen noch aussah, als habe jemand dort lieber die Planken irgendeines schiffbrüchigen Kahns aus dem 17. Jahrhundert verlegt, anstatt in einen ordentlichen Fußboden zu investieren. Jetzt aber liegt da ein Traum von Parkettboden, massives Eichenholz, die Farbe satt und frisch und jede Maserung einzigartig. Selbst das Loch ist weg.
„Renovierst du hier etwa?“, fragt Leo ungläubig.
„Nur ein bisschen“, gibt Adam zurück und wischt sich mit seiner freien Hand über die schweißnasse Stirn, „Vertreibt die Zeit.“
„Sieht mir aber nach mehr aus, als nur ein bisschen Zeitvertreib“, gibt Leo skeptisch zurück und folgt dann Adam ins Wohnzimmer, der frisch verlegte Boden kaum hörbar unter ihren Füßen, „Woher hast du überhaupt das Geld für echtes Eichenholz?“
„Schon vergessen?“, sagt Adam und rollt mit den Augen bei Leos fragendem Blick, „Ich hab' geerbt.“
„Ach ja, stimmt, hab' ich ganz vergessen“, schnaubt Leo sarkastisch, „bei den Schürks gehört Diebesgut zur Erbmasse.“
„Vorsicht, Leo“, grinst Adam, „Eifersucht ist eine Sünde.“
Leo schnaubt erneut, knufft ihn in den Oberarm und sieht sich dann um.
Das ganze Gerümpel, das bis vor kurzem hier noch den Raum bevölkerte, hat Adam zwischenzeitlich von seiner Plane befreit und auf der überdachten Veranda zwischen geparkt. Mitten im Raum steht jetzt eine dieser monströsen Schleifmaschinen, die man sich im Baumarkt ausleihen kann, um alte Dielen wieder auf Vordermann zu bringen. Wie es aussieht, hat Adam bisher gut ein Drittel des alten Fischgrätenparketts damit bearbeitet, denn rund um das schöne Erkerfenster, das Leo schon gleich bei ihrem ersten Besuch hier aufgefallen ist, ist das Holz bereits deutlich heller und nicht mehr verfärbt. Ein bisschen Lack und Politur oben drauf und das ganze würde sich durchaus sehen lassen.
„Wusste gar nicht, dass du ein Händchen für's Heimwerken hast“, sagt Leo und setzt sich dann einen Moment später neben Adam, der es sich zwischenzeitlich schon im Schneidersitz auf der noch unbehandelten Seite der Dielen bequem gemacht hat und neugierig in der Tüte mit dem Take Away kramt.
„Hab' ich auch nicht“, entgegnet Adam und reicht ihm ein Stück der vegetarischen Quiche, bevor er genüsslich von seinem eigenen Stück abbeißt und dann mit vollem Mund weiterredet, „die Dielen im Flur hat die Woche ein Handwerker verlegt.“
„Trotzdem“, sagt Leo und deutet auf die Schleifmaschine, „das sieht aus, als wenn man dafür studiert haben muss.“
Adam lacht und winkt ab.
„Dank Youtube kriegt das jeder Trottel heutzutage auch allein hin.“
„Na wenn du meinst...“
Adam antwortet nicht und schiebt sich lieber den letzten Rest der Quiche hinter die Backen. Leo starrt runter auf sein noch unangetastetes Stück und runzelt die Stirn.
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Sie reden die nächsten Wochen nicht wirklich viel über das Haus, auch wenn es Leo so vorkommt, als wenn Adam so gut wie jede freie Minute dort zubringt, so viel, dass man glatt auf die Idee kommen könnte, dass Leo mittlerweile wieder alleine wohnt. Okay, vielleicht ist das etwas übertrieben, aber trotzdem. Leo wusste bis vor kurzem gar nicht, dass man auch auf unbewegte Objekte eifersüchtig sein kann.
Ihr Verdächtiger in ihrem aktuellsten Fall ist rechtzeitig zum Abendessen eingeknickt, sodass das Team ausnahmsweise mal pünktlich Feierabend machen konnte. Leo sitzt also tatsächlich mal planmäßig am Esstisch, Caro ihm gegenüber, aber ohne Adam, der lieber seinem inneren Tim Taylor frönt, und stochert etwas lustlos in der Lasagne auf seinem Teller herum. Caro gibt gerade den neuesten Tratsch aus dem Kindergarten zum besten, als plötzlich sein Handy klingelt und seine Schwester mitten im Satz unterbricht.
Caro rollt mit den Augen und bedeutet ihm endlich dran zu gehen, vermutlich wie er schon zu sehr darauf getrimmt jederzeit und überall von einem Anruf des Präsidiums unterbrochen zu werden.
Als er dran geht, ist es aber Adam am anderen Ende, anstatt einem Kollege von der Bereitschaft, und er klingt ganz und gar nicht so, als wenn es eine Leiche gibt. Mehr so wie jedes Mal, wenn er wieder den Einkaufszettel vergessen hat und Leo ihm dann die ganze Liste am Telefon herunter beten muss, während Adam die Gänge im Kaufland hoch und runter tigert auf der Suche nach ihrer Lieblingssorte Knuspermüsli.
„Wir haben nicht zufällig noch irgendwo so einen Phasenprüfer rumliegen oder?“, eröffnet Adam das Gespräch, sein Tonfall ganz so wie immer, sodass Leo wie von selbst erst mal mental den Inhalt ihres Vorratsschranks durchgeht, bevor bei ihm durchsickert, dass Adam gerade nicht nach dem Zustand ihrer Müslisammlung fragt.
„Was bitte ist ein Phasenprüfer?“, platzt es daher aus ihm heraus, woraufhin Caro ihm einen fragenden Blick über den Tisch hinweg zuwirft.
„Na halt so einer von diesen Schraubenziehern, mit denen man die Spannung messen kann“, erwidert Adam, so als wäre es doch ganz alltäglich Leo wegen so was anzurufen, was ganz sicher nicht der Fall ist, Adam!
„Also?“, hakt Adam ungeduldig nach, weil Leo offenbar zu lange gebraucht hat mit dem Antworten.
„Äh“, macht Leo daher nur wage und verstummt dann gleich wieder. Caro ihm gegenüber zieht die linke Augenbraue hoch.
Adam seufzt, viel zu theatralisch nach Leos Geschmack, und beantwortet sich seine Frage dann doch gleich lieber selbst.
„Ich schätze, das heißt Nein.“
„Bingo.“
„Na macht ja nichts“, entgegnet Adam und bei seinem Tonfall verspürt Leo absurder Weise diesen seltsamen Drang sich entschuldigen zu wollen, „dann fahr' ich mal noch schnell zum Obi. Bis später!“
Für einen langen Moment hört Leo dem Freizeichen in seinem Ohr zu, bis er schließlich endlich auflegt und wieder zu Caro aufschaut, die ihn belustigt mustert.
„Wozu braucht Adam denn einen Phasenprüfer?“
„Für seine heißgeliebte Bruchbude, wofür sonst?“
Caro lacht und schenkt ihm noch mehr Wein nach.
„Eifersucht steht dir nicht so gut, kleiner Bruder.“
Leo kippt sich lieber trotzig den Wein runter, anstatt zu antworten.
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Die Leiche im Deutsch-Französischen Garten hält sie die halbe Nacht lang wach, so lang, das es im Grunde schon wieder früher Morgen ist. Leo kann kaum noch die Augen offen halten, als sie endlich die KollegInnen von der KTU im Dickicht zurücklassen. Pia und Esther verabschieden sich schon auf halber Strecke, da sie ihre Autos auf dem Parkplatz an der Metzer Straße abgestellt haben. Adam und Leo dagegen folgen dem schwach beleuchteten Weg zur Freien Evangelischen Gemeinde, dort, wo Leo am Abend zuvor geistesgegenwärtig seinen Peugeot geparkt hat, da es von dort schneller zum Fundort der Leiche geht als vom offiziellen Parkplatz aus.
Leo gähnt, fröstelt in der kühlen Herbstluft und reibt sich die Augen, als sie endlich die Grünanlage verlassen. Ihm graut ein bisschen vor der Fahrt nach Hause, so müde wie er ist. Als sie das Gemeindehaus umrunden und der Peugeot endlich in Sicht kommt, packt Adam ihn plötzlich am Oberarm und lässt Leo erschreckt zusammenfahren.
„Bis zum Haus ist es nicht weit“, erläutert Adam nur auf Leos fragend-genervten Seitenblick hin und dirigiert ihn dann über die verwaiste Hirtenwies in Richtung Bruchbude, Leos Auto im Rücken und damit ihr einziges Ticket zurück in Leos Wohnung.
„Adam-“, beginnt Leo zu protestieren, aber verstummt gleich wieder, als Adams Hand von seinem Oberarm in seinen Rücken rutscht, ein großer warmer Anker in der Kühle der Nacht.
„Sei nicht albern, Leo, du kannst dich doch kaum noch auf den Beinen halten“, kontert Adam bestimmt und dann fügt sich Leo, einfach so, weil er zu müde ist, um sich jetzt mit Adam hier herumzustreiten und außerdem wäre vermutlich die Wahrscheinlichkeit tatsächlich ziemlich groß, dass sie eher irgendwo im Straßengraben landen als in ihren Betten, wenn er sich jetzt hinter das Steuer setzt.
Die Bruchbude liegt dunkel und verlassen da, nicht mal eine einfache Außenbeleuchtung oder eins dieser belichteten Hausnummern in Betrieb. Dann aber schiebt Adam den schweren Eisenschlüssel in das antike Schloss, öffnet die massive Eichentür und da ist es wieder, das Nicht-Foyer, nur diesmal betätigt Adam den Lichtschalter und es erstrahlt in einem gleißend-gelben Licht, nichts mehr zu sehen von der traurig-nackten Glühbirne. Stattdessen hängt da jetzt etwas von der Decke, was Leo nur als Kronleuchter bezeichnen kann. Zusammen mit dem neu verlegten Eichenholz und den frisch tapezierten Wänden wirkt das hier alles so gar nicht mehr wie eine Bruchbude. Leos Müdigkeit ist schlagartig verflogen.
„Adam-“, beginnt Leo von neuem, hilflos, verstummt, versucht es erneut, gibt gleich wieder auf und dann ist da wieder diese Hand in seinem Rücken und schiebt ihn sanft die knarrende Treppe hoch.
„Was auch immer das war“, sagt Adam mit einem Lächeln in der Stimme, zärtlich und seltsam intim in diesem stillen, fremd-vertrauten Haus, „hat bestimmt noch Zeit für später.“
Leo, zu erschöpft und verwirrt für weitere Widerworte, lässt sich lieber im ersten Stock in das Schlafzimmer bugsieren. Auch hier schält sich die Tapete nicht mehr von den Wänden und die Dielen sehen aus wie frisch gebohnert. Die Matratze, die da in einer Ecke auf dem Boden liegt, ist das einzige Dekor. Leo lässt sich kommentarlos darauf sinken, streift sich die Jeans und die Jacke ab und legt sich schließlich der Länge nach hin. Das Kissen unter seinem Kopf riecht vertraut nach Adams Aftershave und Leo atmet automatisch tiefer ein, lässt sich einlullen von dem Geruch und versucht nicht mehr zu denken.
Es ist Adam, der schließlich den Schlafsack neben der Matratze aufklaubt, zur Decke umfunktioniert und über Leo ausbreitet, bevor er zurück zur Tür tapst, um das Licht zu löschen und sie beide schlagartig ins Halbdunkel zu tauchen. Durch die nackten Fenster und die Tür zu dem kleinen Balkon fällt schwaches Mondlicht und zieht melancholische Schlieren über die alten Dielen, weist Adam den weg zurück zur Matratze und einen Augenblick später liegen sie schon gemeinsam da, Schulter an Schulter, damit der Schlafsack für sie beide ausreicht. Leo dreht sich nach kurzem Zögern auf die Seite, Adam tut es ihm gleich und dann sehen sie sich an, viel zu nah eigentlich, aber in Leos Wahrnehmung seltsam entfernt.
„Pennst du oft hier?“, fragt Leo im Flüsterton, zu ängstlich, dass jedes lautere Wort ein Echo wirft in diesem großen, leeren Zimmer und zu viel Preis gibt von dem, was er fühlt.
Adam sieht ihn an, sein Hoodie unter den Kopf geklemmt, weil Leo sein einziges Kissen geklaut hat, und dann hebt er langsam die Hand und streicht ihm die Haare aus der Stirn, einfach so. Leo traut sich kaum zu atmen. Das hier ist eine große Unbekannte, nichts alltägliches, und Leo fühlt sich zu müde und zu unsicher, um in die eine oder die andere Richtung zu steuern, verbleibt im Vakuum zwischen ihnen, hier, in diesem Haus. Leo weiß nicht, was es bedeutet.
„Seit ich bei dir übernachte, hab' ich jede Nacht auf deinem Schlafsofa verbracht“, entgegnet Adam nach einer Weile, leise und ungewohnt weich, „die Matratze ist nur für Notfälle.“
Adams Fingerspitzen streichen ein letztes Mal sanft über Leos Schläfe, dann sinken sie zurück in die Kissen.
Leo antwortet nicht. Schließt lieber die Augen, schwer und brennend vor Müdigkeit, verletzlich, und dann dreht er sich auf die andere Seite und versucht endlich zu schlafen.
Adam wohnt nicht. Adam übernachtet.
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Leo ist es gewohnt viel zu viel über die Zukunft nachzudenken, vor allem, wenn es um Adam geht. Mit Sechzehn, Adam immer hin und her springend zwischen störrischer Apathie und unbändiger Wut, wie ein Flummi, immer auf der Flugbahn mit dem geringsten Widerstand. Ein wenig später, Adam fort und Leo wie ein Geist seiner selbst, unfähig weiter zu denken als bis Morgen, weil er sich fürchtet vor einem Leben, in dem Adam nicht mehr ist als eine albtraumhafte Erinnerung an einen Spaten und den Geruch von Spiritus. Noch ein bisschen später und Adam wieder in seinem Leben, so viele Jahre und Geheimnisse zwischen ihnen, dass es schwerfällt sich vorzustellen, wie das alles noch zu einem guten Ende finden soll. Adam im Gefängnis und Leo hilflos, die Aussicht auf die nächsten fünfzehn Jahre genug, um ihm den Atmen zu rauben. Adam mit einem Gips auf dem mit Sonnenlicht gefluteten Parkplatz der Lerchesflur, auf seinem Schlafsofa, in seiner Wohnung, ihre Wohnung, wenn es denn nur einmal nach Leo gehen würde, wenigstens einmal.
Leo ist wütend. Über das Haus, über Adam und vor allem über sich selbst, weil er nicht dazu lernt, einfach nie dazu lernt.
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Es ist schon tiefster Winter und Leo macht so gut es geht seinen Frieden. Adam ist kaum noch zu Hause, oder besser, kaum noch in Leos Wohnung, verbringt seine Zeit lieber damit weiter sein Nest zu machen, damit er endlich aus Leos flüchten kann. Es wäre zum heulen, wenn Leo sich nicht strikt verboten hätte daraus eine große Sache zu machen, auch wenn es schwer fällt und in schwachen Momenten verdammt wehtut. Adam hat ihm nie irgendwas versprochen, egal, wie bitter ihm das auch aufstößt, hat nie auch nur einmal von Leos Wohnung gesprochen als etwas anderes als eine Zwischenlösung. Nur die kleinen Sachen, die nimmt Leo ihm dann doch übel. Ihr einstudiertes Spiel mit der Einkaufsliste, ihre sorgsam kuratierte Müslisammlung in Leos Vorratsschrank, das Gefühl von Geborgenheit, das Adam ihm gegeben hat nur durch seine bloße Anwesenheit in Leos intimstem Rückzugsort, die kleinen und leisen Sachen eben, die ihn in trügerischer Sicherheit gewiegt haben. Die, die richtig wehtun zu verlieren. Aber Leo macht seinen Frieden und wenn es das letzte ist, was er tut.
Es ist arschkalt als er läutet, diesmal nicht mit dem protzigen Türklopfer, sondern einer echten und funktionierenden Klingel, die er wenigstens ungelenk mit dem Ellenbogen betätigen kann, da er die Hände voll hat. Nichts passiert für eine halbe Ewigkeit. Die überdimensionierte Yucca-Palme in Leos Armen ist verdammt schwer und schon kurz vor dem Kälteschock, als Adam endlich die Tür aufreißt, stutzt und ihm dann ungefragt das Monstrum abnimmt und auf den Boden stellt. Leo nutzt die Gelegenheit, um schnell die Tür hinter sich zuzuknallen, damit der eisige Wind ja draußen bleibt, bevor er sich wieder Adam zuwendet und beginnt sich aus seinem Winterparka zu schälen.
Adam hat keine Garderobe, nicht mal so eine einfache, die nur aus einem Brett und fünf Haken besteht. Seine eigene Winterjacke liegt achtlos auf den Eichendielen neben der Tür, also wirft Leo seine eigene nach kurzem Zögern oben drauf, entledigt sich noch von seinem Schal und streift dann die Stiefel ab, die Dielen hart und kühl unter seinen Füßen. Für Fußbodenheizung hat die geklaute Kohle wohl nicht mehr gereicht, denkt Leo gehässig.
Als er wieder aufsieht, schaut Adam schon mit gehobener Augenbraue und verschränkten Armen zurück.
„Du weißt schon, dass ich nicht hier wohne oder?“, sagt Adam und deutet mit einer laxen Handbewegung in Richtung der Yucca-Palme, „Kein Grund mir ein Geschenk mitzubringen.“
„Die ist kein Geschenk“, antwortet Leo, eindeutig viel zu grantig für die Situation, woraufhin Adams hochgezogene Augenbraue nur noch mehr seine Stirn hoch wandert und droht im Haaransatz zu verschwinden. Erstaunlicher Weise sagt Adam aber nichts dazu, schaut ihn nur weiter an mit diesem durchdringenden Blick, woraufhin sich Leo nur noch mehr ertappt fühlt als eh schon. Um der gespannten Atmosphäre zu entfliehen, die sich so langsam droht zwischen ihnen breit zu machen, schnappt er sich lieber schnell die Yucca und schiebt sich an Adam vorbei, durch das vermaledeite Nicht-Foyer ins Wohnzimmer, wo er die Pflanze auf den Dielen im Erker abstellt, dort, wo sie selbst im Winter so richtig schön Licht bekommt.
Schnaufend richtet sich Leo auf, stemmt die Hände in die Hüften und nickt zufrieden. Die Pflanze steht da zwar, trotz ihrer beachtlichen Größe, noch etwas verloren, aber das würde er schon noch ändern. Leo findet es vielleicht scheiße, dass Adams endgültiger Auszug mit jedem Tag näher rückt, aber wenigstens hätte er so einen Grund mehr sich regelmäßig hier sehen zu lassen. Adams grüner Daumen gleicht mehr welkem Laub, als immergrünem Blattwerk.
„Wird's dir bei dir zuhause zu eng in deinem Dschungel oder warum die Expansionswut?“, will Adam plötzlich wissen, direkt hinter ihm, sodass Leo vor lauter Schreck unweigerlich zusammenzuckt. Er fährt herum, ohne nachzudenken, und dann sind sie sich so nah wie schon eine ganze Weile nicht mehr, vor einigen Monaten, ihre Nacht auf Adams Matratze in dem sonst ausgestorbenen Schlafzimmer, Leos Herz leer und sein Kopf zu voll, Adams lange schlanke Finger auf seiner Haut. Adams Augen sind wie ein Wintermorgen und für einen langen Moment springen Leos zwischen ihnen hin und her, so nah sind sie sich, aber dann runzelt Adam die Stirn, nur ein bisschen zwar, aber die kleine Falte zwischen seinen Brauen stiehlt sich trotzdem an die Oberfläche und löst Leo endlich aus seiner Starre. Er schluckt und tritt einen halben Schritt zurück und dann noch einen, sodass er beinahe über die verfluchte Yucca stolpert.
„Die kriegt hier mehr Licht“, sagt er daher schnell, was nicht mal gelogen ist, okay? Zeigt unbeholfen hinter sich auf die Pflanze und fügt dann noch überflüssiger Weise hinzu, „Die Yucca-Palme, meine ich“.
Wie der letzte Idiot.
„Ach so, na dann“, bemerkt Adam belustigt, belässt es schon wieder dabei, lässt seinen saudummen Faux Pas wieder durchgehen und Leo weiß schon wieder nicht, was das alles zu bedeuten hat, wie so oft in letzter Zeit.
„Komm', ich zeig' dir das Bad oben, ich bin endlich fertig mit den Fliesen“, schiebt Adam noch nach und Leo fragt sich, wann sie eigentlich die Rollen getauscht haben. Adam derjenige, der ihm eine Hand nach der anderen reicht und Leo der, der zwischen ihnen herumtrampelt wie ein Elefant im Porzellanladen.
Das Badezimmer ist ein Traum. Marokkanische Fliesen auf dem Fußboden, der weiße Fliesenspiegel in Steinoptik rundherum halbhoch gefliest und darüber flaschengrün gestrichene Wände, schwarze Armaturen und ein auf dunkel gebeizter Eiche angebrachtes Aufsatzwaschbecken, eine gottverdammte Badewanne mit Füßen dran. Leo sinkt auf den Klodeckel, sieht sich um und verspürt schon wieder dieses Ziehen in der Brust.
„Fehlt nur noch die Dusche“, sagt Adam und deutet auf die freie Ecke gegenüber dem Waschbecken, „aber das lass' ich dann doch lieber einen Profi machen.“
Als wenn der Rest des Zimmers nur laienhaft zusammengezimmert wäre. Leo erinnert sich noch, wie Adam vor einem guten halben Jahr nicht mal die Dielen im Erdgeschoss allein verlegt bekommen hat und fragt sich im selben Moment, wann genau ihm eigentlich entgangen ist, dass Adam hier viel mehr betreibt als nur ein Nest zu bauen. Geht das denn? Katharsis durchs Heimwerken? Leo betrachtet die bunten Ornamente auf den Fliesen, akkurat platziert und ohne einen Makel, die flaschengrüne Wand, die Liebe zum Detail, die hier überall hervor scheint und denkt, ja, es muss wohl gehen.
Adam sieht so zufrieden aus.
Leo atmet tief ein, lässt los. Schaut dann auf, direkt in Adams Gesicht und lächelt, schwach zwar noch, aber deswegen nicht weniger ehrlich.
„Da fehlt aber noch etwas“, sagt er und deutet auf Adams fragenden Blick hin auf das leere Fensterbrett, „Eine Aloe Vera oder auch zwei.“
Adam lacht und Leo? Der macht seinen Frieden, selbst wenn das heißt, dass er sich nur noch mithilfe seiner Pflanzen in Adams Leben breitmachen darf.
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Der Sommer kündigt sich schon langsam an, als Leo und Caro über den Flohmarkt im Bürgerpark Hafeninsel schlendern. Normalerweise ist das hier eher Caros Metier. Die ganzen Menschen, das Wetter und ein Berg an Ramsch, von dem Leo das Meiste eher zur Mülle fahren würde als in seine Wohnung zu holen. Aber als Caro letztes Wochenende eher beiläufig erwähnt hat, dass diesen Sonntag Flohmarkt ist, da hat Leo sich zu ihrer Überraschung selbst eingeladen zu ihrem Shopping Trip und zum Dank noch ein skeptisches Stirnrunzeln kassiert.
„Suchst du was Bestimmtes?“, fragt Caro irgendwann, weil sie wohl bemerkt haben muss, dass Leo die Auslagen der wenigen Stände besonders eingehend studiert, die nicht nur Klamotten und den Inhalt von Überraschungseiern anbieten.
„Nicht wirklich“, gibt Leo zurück, was auch stimmt, so ein bisschen zumindest, auch wenn es nicht schaden würde, wenn Adam endlich mal eine Garderobe in dem Haus installiert, damit Leo seine Jacke nicht immer auf den Boden werfen muss. Neulich, als es den ganzen Tag wie aus Kübeln gegossen hat, da hat das schon fast wehgetan dabei zuzugucken, wie das klatschnasse Material ihrer Jacken auf dem Dielenboden aufschlug. Leo hatte es keine zehn Sekunden ertragen und sie dann lieber im Kollektiv ins mittlerweile renovierte Gästebad geworfen.
„Eine von diesen Garderoben, die man an der Wand montiert“, gibt er schließlich doch zu, „am besten gusseisern oder mit Holz, aber nichts aus Plastik oder Blech“.
„Wozu brauchst du denn eine Wandgarderobe? Du hast doch schon einen ganzen Schrank im Flur stehen.“
„Ist auch nicht für mich, sondern für Adams Bruchbude“, erwidert Leo und entdeckt im selben Moment einen Stand, der auf Antiquariate spezialisiert zu sein scheint. Er eilt hinüber, Caro verdutzt auf den Fersen.
„Meinst du nicht 'Bruchbude' ist langsam ein bisschen überholt?“, fragt Caro, nippt an dem To-Go-Becher in ihrer Hand und schaut ihm dabei zu, wie er den ausladenden Stand langsam umrundet, „Nach allem was ich so höre, klingt das Haus eher wie eine Traumvilla“.
„Lass' das bloß nicht Adam hören, der hält sich eh schon für den Heimwerkerkönig.“
„Na offenbar ja zu Recht“, kontert Caro und guckt dabei so komisch, wie eigentlich schon die ganze Unterhaltung lang. So als wäre ihr irgendwie ein Licht aufgegangen. Leo kann sich aber nicht weiter darum kümmern, denn im selben Moment sieht er endlich, wonach er gesucht hat.
Zwischen einem alten Kofferradio und einer Kiste voll protzig verzierter Bilderrahmen blitzt eine filigran geformte Wandgarderobe hervor, fünf Haken, lauter Schnörkel, dank dem Material schwer wie der Teufel und oben drauf noch ein Brett für zusätzlichen Stauraum. Perfekt.
„Sieht ganz schön schwer aus, das Ding“, bemerkt Caro kurze Zeit später und nimmt noch einen Schluck von ihrem Kaffee-to-Go, „Willst du die nicht lieber gleich zum Haus bringen?“
„Wäre das okay für dich?“, fragt Leo, weil die Garderobe nicht nur schwer, sondern auch verdammt unhandlich ist, „Wir sind praktisch grade erst angekommen.“
Caro zuckt mit den Schultern.
„Der Flohmarkt ist doch oft genug, Leo, kein Problem.“
„Okay“, antwortet Leo, erleichtert, und schiebt dann noch hinterher, wie zur Wiedergutmachung: „Du könntest doch mitkommen? Zu dem Haus, meine ich.“
„Wirklich?“, fragt Caro überrascht.
„Ja, warum nicht? Dann kann ich dir die Hochbeete zeigen, die Adam neulich zusammengezimmert hat. Keine Ahnung, wozu er die eigentlich braucht.“
„Okay“, sagt Caro und guckt dabei schon wieder so komisch, irgendwie mitleidig und aufgebracht zugleich, „Solange du sicher bist, dass Adam nichts dagegen hat.“
„Ach, Quatsch“, winkt Leo ab.
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Als auch auf ihr zweites Klingeln hin niemand zur Tür kommt, Adam offenbar spontan ausgeflogen zum Baumarkt oder sonst wohin, wirft Caro ihm einen unsicheren Seitenblick zu.
„Vielleicht sollten wir lieber wann anders vorbeikommen?“, gibt sie zu Bedenken.
„Nee, kein Problem“, antwortet Leo, lehnt die Wandgarderobe vorsichtig gegen das Treppengeländer und kramt in seiner Jackentasche, „Ich hab einen Schlüssel“.
„Natürlich hast du den...“, seufzt Caro ergeben.
Leos steckt den kleinen vergoldeten Schlüssel ins Schloss, der schon seit letztem Herbst an seinem Schlüsselbund baumelt, nachdem auch Adam endlich eingesehen hat, dass es mal sinnvoll wäre den Schlüsseldienst zu rufen und das Monstrum von einem Kerkerschloss an der Haustür durch ein moderneres Modell zu ersetzen.
„Ich weiß gar nicht was du willst“, entgegnet Leo, als er die Haustür hinter ihnen schließt und die Wandgarderobe neben der Tür ablegt, dort, wo sie hoffentlich bald an der Wand hängt und seine Funktion erfüllen kann, „Macht doch nur Sinn bei mir den Ersatzschlüssel zu parken, immerhin hat Adam auch einen für meine Wohnung.“
„Ja, weil er da wohnt“, murmelt Caro trocken.
Adam wohnt da nicht, er übernachtet nur, denkt Leo schon wieder mit diesem flauen Gefühl im Magen, aber bevor er seiner Schwester antworten kann, schaut die sich schon mit großen Augen in dem Nicht-Foyer um.
„Wow“, macht Caro anerkennend und berührt ehrwürdig das Holz des Treppengeländers, betrachtet den verdammten Kronleuchter an der Decke, die kaminrote Wand, deren Farbe Leo für Adam aus einer dieser Farbpaletten aus dem Baumarkt ausgesucht hat und die sich so schön absetzt von den frisch lackierten Fußbodenleisten, den nussbraunen Altbautüren, von dem Stuck an der weißen Decke.
Leo führt Caro ins Wohnzimmer, das immer noch leer steht bis auf zwei Campingstühle und dem kleinen Dschungel im Erker, der sich dort über die letzten Wochen und Monate ausgebreitet hat. Neben der Yucca-Palme steht da jetzt auch eine ausladende Monstera auf einem kleinen Schemel, die großen Blätter zum Licht geneigt, Kakteen und Sukkulenten jeder Couleur und ein Ableger von Leos eigenem Bogenhanf auf dem Fensterbrett, von der Decke baumeln an Eisenketten eine Efeutute und ein Korallenkaktus. Zufrieden testet Leo das Substrat der Monstera, Adam hatte offenbar tatsächlich mal daran gedacht zu gießen.
Caro streicht über eines der Blätter der Yucca-Palme, frei von Staub und Kalkflecken, liebevoll gehegt und gepflegt durch Leos eigene Hände und schaut dann auf mit einem Lächeln. Da ist etwas ganz Zartes in ihren Augenwinkeln, in den kleinen Fältchen um ihren Mund, das Leo unerklärlicher Weise die Röte in die Wangen treibt.
Um sich abzulenken, führt er Caro daher lieber durch die Flügeltüren auf die mittlerweile vom Gerümpel befreite Veranda und dann herunter in den Garten, den erst vor zwei Wochen ein Gärtner bereit gemacht hat für den nahenden Sommer. Der Rasen gemäht, kein Unkraut mehr in Sicht, die Bäume und Büsche schon in voller Blüte, die von Adam selbst gebauten Hochbeete in einer Ecke angeordnet und bereit für die Aussaat in wenigen Wochen. Leo kann es schon sehen vor seinem inneren Auge. Das Licht hier hervorragend für die Tomatenstauden, Paprika leuchtend rot und gelb, die Landgurken und Bohnen im Überfluss. Und ganz vorne, im ersten Beet, die mediterranen Kräuter. Rosmarin, Oregano, Salbei und Majoran, vielleicht auch Zitronenmelisse und Minze, der Duft intensiv genug, um einem noch von der Veranda aus in der Nase zu kitzeln. Wildblumen für die Bienen und die Insekten, denen Leo eins dieser Insektenhäuser basteln will.
Im Schlafzimmer im ersten Stock liegt noch immer die Matratze, nur diesmal auf einem richtigen Bettgestell mit Lattenrost, eines der wenigen Möbelstücke, die Adam bisher überhaupt für das Haus gekauft hat. Vermutlich, weil selbst er zwischenzeitlich eingesehen hat, dass man mit über Dreißig besser nicht mehr auf dem Boden pennt und wenn es nur hier und da für eine Nacht ist. Das marokkanische Badezimmer, jetzt mit einer Regenwalddusche neben der Badewanne und eine kleinen Aloe Vera auf dem Fensterbrett. Die zwei kleineren Zimmer hier auf dem Stockwerk, nichts darin vorzufinden, die Wände noch frisch geweißt und das Parkett poliert, sodass man sich fast darin spiegelt. Hinauf unter das Dach, die Giebelfenster frei von Staub und Spinnweben, das dunkle Holz innen und außen von einem Fachmann ausgetauscht.
Die Tour beenden sie im Erdgeschoss, in der Küche, dem einzigen Raum des ganzen Hauses, der noch fast genauso aussieht wie damals, als Leo zum ersten Mal hier war. Die alten Fliesen sind nicht mehr so eingestaubt, aber dafür immer noch rissig und verblasst. Die Wände nackt und bis auf den von Adam neu angeschafften Kühlschrank, bevölkern immer noch die alten Küchenkabinette das Zimmer, schäbig und von der Zeit gezeichnet.
Caro runzelt die Stirn bei dem Anblick und schaut dann fragend zu ihm auf.
Leo zuckt nur hilflos die Schultern, denn ist ja nicht so, als wenn er sich über die letzten Monate nicht selbst oft genug gefragt hat, warum Adam bisher ausgerechnet die Küche so gut wie überhaupt nicht angefasst hat, außer vielleicht, um sie ein bisschen von dem Staub und Dreck des letzten Jahrhunderts zu befreien.
„Findest du das nicht auch komisch“, sagt Caro nun nachdenklich, „Das ganze Haus ist quasi bezugsbereit, selbst der Garten ist auf Vordermann gebracht, aber die Küche sieht immer noch aus wie, nun ja, passend zu einer Bruchbude.“
„Adam kocht nicht“, erwidert Leo. Erstens, weil er sich auch nicht so recht einen Reim darauf machen kann, warum ausgerechnet einer der wichtigsten Räume jeder Bleibe bisher so wenig Liebe erfahren hat, während Adam die letzte Woche damit verbracht hat Hochbeete für den Garten zu bauen und die Stuckverzierungen der Außenfassade restaurieren zu lassen. Zweitens, weil es stimmt. In dem guten Dreivierteljahr, das Adam nun schon bei ihm übernachtet, hat Leo Adam maximal den Wasserkocher bedienen sehen. Von ihnen beiden ist es eindeutig Leo, der eine fundierte Meinung zu gusseisernen Pfannen und die richtige Temperatur zum Braten eines Steaks hat.
Caro wirft ihm daraufhin einen dieser Blicke zu, so einen, den sie immer drauf hat, wenn sie der Meinung ist, dass Leo sich mal wieder selbst in die Tasche lügt.
„Leo“, beginnt Caro aufgebracht und Leo geht schon mal lieber mental in Deckung, weil egal was auch jetzt gleich aus ihrem Mund kommt, er ist sich sicher, dass er es nicht hören will, „Das ganze Haus ist liebevoll renoviert, das Haus, für das du einen Schlüssel hast und die Farben hier überall an den Wänden hast eindeutig du ausgesucht, glaub' mal nicht, dass ich deinen Geschmack nicht sofort erkenne.“
Caro holt hörbar Luft und bevor Leo irgendwas darauf erwidern kann, abstreiten kann, fährt Caro ihm schon über den Mund.
„Deine Pflanzen bevölkern das halbe Wohnzimmer, Leo. Ein Wohnzimmer, das sonst leer steht und nur darauf wartet, dass jemand vorbeikommt und es genauso liebevoll einrichtet wie es renoviert worden ist.“
Und dann:
„Er hat dir Hochbeete gebaut.“
Leo schluckt und schaut lieber schnell weg, denn Caros Blick ist fast noch schlimmer als das, was ihre Worte in ihm auslösen. Die Hoffnung und der Zweifel, seine alten Freunde, ewig im Zwiespalt.
„Hey“, sagt Caro sanft und legt ihm eine Hand auf den Unterarm, damit Leo endlich wieder zu ihr aufsieht, „Meinst du nicht, das hier bedeutet etwas?“
Gott, wie gerne würde er glauben, dass es so ist.
„Frag' ihn“, bittet Caro schließlich, weil Leo sich zu nichts anderem als einem stummen Schulterzucken hinreißen lassen kann, „Frag' ihn, was es bedeutet. Ich weiß, ihr beide seit grottenschlecht darin über euch und eure Gefühle zu reden, aber Leo, bitte, tu' mir und dir den Gefallen und zwing' Adam dazu einmal in seinem Leben seine Worte zu benutzen.“
Leo weiß nicht, was er darauf erwidern soll. Caro scheint es auch zu merken, denn sie zieht in lieber in ihre Arme, umarmt ihn ganz fest und schenkt ihm dann noch ein aufmunterndes Lächeln.
„Denk wenigstens drüber nach.“
Leo nickt.
Kurz darauf verabschiedet sich Caro und lässt ihn allein zurück in dem Haus, groß und leer, aber nicht einsam, weil Adam und auch Leo hier in jeder Faser zu stecken scheinen. In der Maserung der Dielen, den warmen Farben an den Wänden, den Pflanzen auf dem Fensterbrett. Den zwei Campingstühlen im Wohnzimmer, einer davon auch ohne Worte von Anfang an für Leo reserviert. Er schaut sich um, erlaubt sich zum ersten Mal es als das wahrzunehmen, was es ist. Ein Zuhause, oder wenigstens ein Ort, der dazu werden kann, wenn er nur den Mut aufbringt danach zu greifen.
Leo atmet tief durch und dann nimmt er die Bohrmaschine, die in einer Ecke des Wohnzimmers lagert. Marschiert damit in das Nicht-Foyer und geht an die Arbeit.
~
Leo sitzt in seinem Campingstuhl, als er hören kann, wie jemand den Schlüssel im Schloss dreht und kurz danach die Tür hinter sich zufallen lässt. Für einen Moment ist nicht viel zu hören, zumindest nichts was darauf hindeutet, dass Adams Jacke wieder mal auf den Eichendielen gelandet ist. Dann leise Schritte und kurz darauf lässt sich Adam auch schon neben ihm in den anderen Campingstuhl gleiten.
„Schöne Garderobe“, sagt Adam in die Stille hinein, „So wie dich das genervt hat mit den Jacken auf dem Boden, dachte ich eigentlich schon vor Monaten, du würdest was dagegen tun.“
„Hast du dich deshalb nicht selbst drum gekümmert?“, fragt Leo und sieht zum ersten Mal zu ihm rüber, stellt fest, dass Adam schon längst zurückschaut, „Sieht die Küche deshalb immer noch aus wie aus einem Prospekt von Ernst May?“
Adam sieht ihn nur an für einen langen Moment, prüfend, scheint schließlich zu finden wonach er gesucht hat, denn einen Moment später breitet sich ein Lächeln auf seinen Lippen aus, so eins von denen, die Adam der Welt so selten schenkt. So richtig mit Grübchen und den kleinen Krähenfüßen in den Augenwinkeln. Dieses Lächeln, das Leo immer gleich wieder vermisst, sobald es versiegt.
Und dann steht Adam auf, hält ihm die Hand hin.
„Komm', ich möchte, dass du mir was zeigst.“
Leo greift nach seiner Hand, lässt sich ohne Widerstand auf die Füße ziehen und dann führt Adam ihn an der Hand in den Flur, an dessen Ende jetzt eine Garderobe hängt mit ihren Jacken am Haken, führt ihn in die Küche, lässt ihn erst los, als sie mitten im Raum stehen, die Wärme seiner Haut pulsierend wie ein Echo in Leos Herz.
„Was siehst du?“, fragt Adam und Leo sieht ihn an, sieht sich um. Sieht nicht die schäbigen Schränke oder den uralten Gasherd, sieht nicht die blanken Wände und die brüchigen Fliesen. Vielmehr ist da jetzt eine Küche im Landhausstil mit einer Kücheninsel, die Fronten irgendein undefinierbarer Farbton zwischen Dunkelblau und Dunkelgrün, Arbeitsplatten aus gebeizter Eiche und ein verspielter Mix aus Oberschränken und Wandregalen, voll gestellt mit bunt zusammengewürfelten Blumentöpfen voll Küchenkräutern, all jene, die sie nicht in den Hochbeeten ziehen können. Ein moderner Gasherd, bestens dafür gemacht all jene Gerichte zuzubereiten, die Leo schon immer mal ausprobieren wollte, aber die mit dem billigen Elektroherd in seiner Wohnung eh nie gelingen würden. Eine gemütliche Essecke mit einer dieser Sitzbänke im Fenster, von der Leo schon immer geträumt hat. Ihre Müslisammlung in der Vorratskammer, nicht mehr so zusammengequetscht verstaut, sondern mit genug Platz sich auszubreiten, zu wachsen, vielleicht mithilfe einiger dieser Rezepte aus dem Internet für selbstgemachtes Granola.
Leo sieht all das, sieht Adam und ihn hier sitzen am Frühstückstisch im Sonnenschein, beim Abendessen in Kerzenschein, zusammen mit Caro und ihrem Freund, mit Esther und Pia, mit Leos Eltern und vielleicht, irgendwann, sogar mit Heide.
Als er aufschaut, treffen sich ihre Blicke und Adams Mund verzieht sich zu einem Grinsen.
„Jetzt kapierst du's“, sagt Adam, warm, „Wie soll ich deine Küche renovieren ohne dein Input? Du weißt, ich bin ein miserabler Koch.“
„Cupramen zubereiten ist kein kochen“, sagt Leo wie aus Reflex, lächelt und dann: „Meine Küche, huh?“
„Wenn du willst“, entgegnet Adam und zieht dann einen kleinen Stapel zusammengefalteter Papiere aus einer Schubladen neben sich und reicht sie ihm rüber. Leo nimmt sie entgegen, wirft Adam einen prüfenden Blick zu, aber der verzieht keine Miene, sieht ihn nur an mit seinem durchdringenden Blick. Leo atmet tief ein, entfaltet das Papier und beginnt zu Lesen:
Eintragsbewilligung: Hiermit beantrage ich, Herr Adam Schürk, notariell beglaubigt, die Eintragung von Herrn Leo Hölzer als Miteigentümer in das Grundbuch für das Grundstück mit der Flurstücknummer...
Mit klopfendem Herzen sieht Leo auf, die Augen feucht.
„Ich war beim Notar, einen Tag, nachdem ich den Gips losgeworden bin“, sagt Adam und meint den Tag, als Leo zum ersten Mal hier war, das Haus um sie herum kaum mehr als eine Bruchbude, vor bald einem ganzen Jahr, „Ich hab' dich hier gesehen in dieser abgerockten Bude und plötzlich hatte ich alles im Kopf, alles, was sich hier draus machen lässt. Nur die Küche, die konnte ich mir nicht vorstellen, weil das eben dein Reich ist.“
„Warum hast du nie vorher was gesagt?“, fragt Leo mit zittriger Stimme.
„Am Anfang wollte ich hier erst mal wenigstens ein bisschen Ordnung schaffen, du sahst so verdammt schockiert aus, als du das Loch in den Dielen gesehen hast. Wie hätte ich dich da fragen sollen mit mir hierher zu ziehen?“
Leo lacht, schluchzt, alles gleichzeitig.
„Und als ich erst mal fertig war mit den Böden, da musste noch diese scheiß hässliche Tapete von den Wänden. Na und dann hab' ich gemerkt, dass die Hälfte der Steckdosen im Haus nicht funktioniert, weil die ganze scheiß Elektrik hier drin im Arsch war. Und als ich damit fertig war, da musste noch ein neues Bad her, wie sonst hätte ich dich je bitten können hier noch einmal eine Nacht zu verbringen? Erinnerst du dich, nach der Leiche im Deutsch-Französischen Garten?“
„Das Wasser kam braun aus der Leitung“, lacht Leo, wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln und schnieft ein bisschen dabei.
„Ja, das war echt ziemlich widerlich“, grinst Adam zustimmend.
„Und dann?“, hakt Leo nach, seine Stimme weich, aber nicht mehr ganz so zittrig, „Was war danach der Grund?“
Adam zuckt mit den Achseln, schluckt und weicht seinem Blick aus, nur eine Sekunde lang, bevor sich etwas festigt in seinen Augen.
„Ich schätze, ich hab' darauf gewartet, dass du es selbst verstehst“, gibt er schließlich zu und greift dann nach Leos freier Hand, zieht ihn ein Stück näher zu sich heran, verschränkt ihre Finger ineinander, „Egal, wie lange es dauert.“
So typisch Adam, immer mundfaul in den falschen Momenten bis er droht Leo damit in den Wahnsinn zu treiben und Leo unfähig zu erkennen, wann er die Worte einfordern muss. Daran würden sie arbeiten müssen, aber jetzt und hier, in diesem Moment, da haben sie erst mal genug gesagt.
Leo drückt die Hand in seiner, zieht, stößt auf keinerlei Widerstand, näher und näher, bis sich ihre Nasenspitzen berühren, sich ihr Atem vermischt und dann küssen sie sich, langsam und tief, in Leos Küche in ihrem Haus.
~
Es ist Sommer und in Leos Küche riecht es nach der Toskana. Die Panzanella duftet nach Knoblauch und Basilikum, die Cocktailtomaten aus seinem Hochbeet prall und leuchtend rot darin. Die Cantuccini im Ofen, Mandeln und karamellisierter Zucker in der Luft. Nur die Florentiner Steaks, die müssen noch draußen auf den Grill, bevor es so richtig losgehen kann.
Leo nippt an seinem Wein, ein trockener Chianti Classico, und sieht sich zufrieden um. Grün-blaue Fronten, Kücheninsel, Fensterbank, Gartenkräuter, alles da.
„Hey, was träumst du hier so rum?“, kommt es plötzlich von der Tür und als er aufsieht, steht da Caro mit einem Lächeln auf den Lippen, „Wir warten draußen alle auf dich. Keiner traut Adam zu, die Steaks auf den Grill zu schmeißen, am Ende werden die dann nur zu Briketts.“
Leo schnaubt amüsiert und drückt seiner Schwester die große Schüssel mit der Panzanella in die Arme, greift sich die mit Stroh umwickelte Flasche mit Chianti und checkt ein letztes Mal die Cantuccini, brauchen noch, und dann durch den Flur ins Wohnzimmer, Leos Sofa das Centerpiece in einem Potpourri von Möbeln und rundherum ein Dschungel, raus auf die Veranda mit den kunterbunten Blumenampeln an der Decke, und in den Garten, dort, wo Adam ihm einen Holzkohlegrill gemauert hat. Pia und Esther, die tratschend auf ihren Liegestühlen chillen, Wein in der Hand und die Abendsonne im Gesicht, Caros Freund Jonas neben Adam, der gerade das Holz nachlegt.
Später dann, die Sonne schon lange untergegangen und die um das Geländer der Veranda gewickelten Lichterketten hell am Leuchten, sitzen sie zu zweit da, der Duft von Kräutern und Blumen in der Luft, ihr Haus im Rücken. Adam, der sich rüber lehnt, seine warme Hand in Leos Nacken schiebt und ihm drei Worte ins Ohr flüstert, die Leo gleich darauf erwidert, nicht zum ersten und ganz sicher auch nicht zum letzten Mal.
