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Im Zweifel für den Zweifel.

Summary:

Volker weiß, dass er starrt. Zu lange und zu dumm, um ein kurzer Blick unter Kollegen in der Umkleide zu sein, wo man ohnehin riskiert Schwuchtel genannt zu werden, wenn man den Blick nicht rechtzeitig senkt. Er ist nur nochmal zurück, weil er sein Duschgel vergessen hat und manchmal denkt er, dass er das Duschgel auch einfach Duschgel hätte sein lassen sollen.

Volker erfährt ein Geheimnis über Pöschel und beide müssen lernen damit umzugehen.

Notes:

Credit für trans Pöschel geht an Reichenbachstag!

Ich habe das mit größter Empathie und Sensibilität geschrieben, but feel free to call out any bullshit.

Work Text:

Im Zweifel für den Zweifel
Das Zaudern und den Zorn
Im Zweifel fürs Zerreißen
Der eigenen Uniform
Im Zweifel für den Zweifel
Und die Unfassbarkeit
Für die innere Zerknirschung,
Wenn man die Zähne zeigt
Im Zweifel fürs Zusammenklappen
Vor gesamtem Saal
Mein Leben wird Zerrüttung
Meine Existenz Skandal

Tocotronic - Im Zweifel für den Zweifel

 

Volker weiß, dass er starrt. Zu lange und zu dumm, um ein kurzer Blick unter Kollegen in der Umkleide zu sein, wo man ohnehin riskiert Schwuchtel genannt zu werden, wenn man den Blick nicht rechtzeitig senkt. Er ist nur nochmal zurück, weil er sein Duschgel vergessen hat und manchmal denkt er, dass er das Duschgel einfach Duschgel hätte sein lassen sollen.

Er ist schon im Begriff wieder zu gehen, die Plastikflasche in der Hand, als Pöschel aus der Dusche kommt, zusammen mit einem Schwall feuchter Luft. Er ist dabei sich das Handtuch um die Hüften zurechtzuziehen, als Volker sich zu ihm umdreht und sein Blick auf halbem Weg zu Pöschels Gesicht an dessen Brust hängen bleibt. Die beiden großen Narben quer über seinen Brustkorb sind durch das spärliche Brusthaar gut sichtbar, heben sich auf der hellen Haut rosa ab.

Volker braucht zu lange, um zu verstehen was sie bedeuten.

Die Erkenntnis allerdings lässt seinen Körper heiß und kalt und wieder heiß werden. Hitze steigt ihm ins Gesicht und der Magen sink ihm in die Kniekehlen. Volker reißt seinen Blick hoch zu Pöschels Gesicht, sieht ihm in die schreckensweiten Augen. Pöschel steht da, zur Salzsäule erstarrt und starrt genauso zurück. Offensichtlich hat er sich in der Umkleide allein gewähnt. Deswegen hat er also noch ewig mit Katrin gequatscht, bis er sich sicher sein konnte, dass er und die anderen Kollegen schon wieder aus der Dusche raus sind.

Bisher hatten sie nicht viel miteinander zu tun und Volker kennt nur die Gerüchte, das was man sich eben so erzählt. Die große Klappe, die Frauengeschichten, das SEK. Aber jetzt sind sie ein Team und-

Weiter kommt er nicht in seinen Gedanken, weil Pöschel sich aus seiner Starre löst und mit wutverzerrtem Gesicht auf ihn zu kommt.

„Hey, alles cool, ja?“ Volker hebt die Hände und macht einen Schritt rückwärts. „Meine Tante ist lesbisch.“ Er weiß, wie dämlich das klingt, aber es rutscht ihm raus, bevor er groß nachdenken kann.

„Wenn du irgendwas sagst, reiß ich dir die Zunge raus. Hast du mich verstanden?“ Pöschel stößt ihn gegen die Schultern, so heftig, dass er einen Schritt zurückstolpert und in die Metallspinde rasselt. Die Duschgelflasche rutscht ihm aus der Hand und fällt klappernd auf die Fliesen. Volker schnappt nach Luft und reibt sich den Oberarm, dort wo er gegen eine offene Tür gestoßen ist und will ansetzen irgendwas Entschärfendes zu sagen, aber Pöschel kommt ihm zuvor.

„Spar’s dir Volker. Und halt dich aus meinem Leben raus.“

 

 

Irgendwie vergisst er sie Sache tatsächlich fast. Hauptsächlich, weil Pöschel einfach Pöschel ist und ihm an den meisten Tagen aus völlig anderen Gründen gründlich auf die Nerven geht. Außerdem war die Situation so kurz, dass sie Volker manchmal nur wie eine verschwommene Erinnerung vorkommt und da Pöschel auch nie wieder ein Wort darüber verliert, hakt er die ganze Sache irgendwann einfach ab. Als dann noch Sascha in ihr Team kommt und für mehr Unruhe sorgt, als ihm lieb ist und die Sache mit Vivian sein Leben zusätzlich ganz schön auf den Kopf stellt, ist Pöschel ohnehin der Letzte, an den er mehr Gedanken als unbedingt notwendig verschwendet.

Bis er eines Tages als Letzter auf den Sportplatz gejoggt kommt, wo er und Pöschel sich mit ein paar Kolleginnen und Kollegen zum Fußball spielen verabredet haben und schon von weitem sieht, dass irgendwas nicht stimmt.

Pöschel und Burkhard von der Wirtschaftskriminalität stehen sich gegenüber, die Körper und Gesichter angespannt und Volker ist sich sicher, dass einer von beiden gleich ausholen wird.

„Ey! Was’n hier los?“, ruft er über den Platz und beeilt sich zu den beiden zu kommen. Die anderen Kolleginnen und Kollegen drehen noch Runden um den Sportplatz und haben anscheinend nicht mitbekommen, was sich dort zusammenbraut.

„Unser Pöschi hier will nicht bei den Frauen mitspielen! Sonst können wir keine gleich großen Teams bilden“, erklärt Burkhard mit einem Grinsen. „Will wohl heute mal bei den Gewinnern mitspielen.“

Volker sieht zu Pöschel, der Burkhard mit der gleichen Wut im Gesicht ansieht, wie ihn damals in der Umkleide und Volker ist sich sicher, dass noch ganz andere Worte gefallen sind, bevor er dazugekommen ist.

„Müssen wir da jetzt so’n Geschlechter-Ding draus machen, Burkhard?“ Volker reibt sich über das Gesicht. Sie haben doch alle genug Stunden in irgendwelchen Gleichstellungs-Fortbildungen verbracht, der Groschen dürfte mittlerweile auch bei Typen wie Burkhard gefallen sein.

„Wieso mischt du dich da eigentlich ein Thiesler? Haste etwa Gefühle für die kleine Antonia, dass du ihr so beispringen musst? Hab‘ ja schon immer gedacht, dass du `n warmer Bruder bist.“

Das ist der Moment, in dem Volker entscheidet, dass er Pöschel vielleicht nicht leiden kann, aber er auch kein komplettes Arschloch ist. Er sieht wie Pöschel in Sekundenschnelle kreidebleich wird und sich etwas auf seinem Gesicht verändert. Wie sich mit einem Mal Angst unter die Wut legt. Und Volker weiß, was Angst mit den Menschen macht. Fight or flight. Und Pöschel entscheidet sich für Angriff. Volker spürt wie er sich neben ihm anspannt und die Fäuste ballt, bereit sich auf Burkhard zu stürzen, wenn der auch nur mit der Wimper zuckt. Langsam und mit Bedacht streckt Volker seinen Arm nach Pöschel aus, schiebt ihn mit der flachen Hand auf der Brust zwei Schritte nach hinten, ohne dabei Burkhard aus den Augen zu lassen.

„Halt einfach deine Fresse, ja?“, spuckt Volker ihm vor die Füße und wendet sich zu Pöschel, nimmt endlich seine Hand von dessen Brust und fordert ihn mit einem Kopfnicken auf ihm zu folgen. Als sie außer Hörweite der anderen sind, bleibt er stehen, legt er Pöschel eine Hand auf die Schulter. „Alles okay?“

Offensichtlich ist nicht alles okay, denn er spürt wie Pöschel unter seiner Hand vor Anspannung bebt.

„Ich kann das auch selbst klären, Volker.“ Pöschel schüttelt seine Hand ab, spuckt auf den Rasen und trabt zu den anderen zurück, die zu ihnen herüber sehen.

Volker seufzt und setzt sich ebenfalls in Bewegung.

„Okay. Petra. Matthias. Ihr wählt die Teams. Ich pfeife das Spiel, dann sind die Mannschaften gleich stark.“

Vielleicht sieht er später weg und pfeift nicht ab, als Pöschel Burkhard in die Beine grätscht.

 

 

„Warum eigentlich Anton?“, fragt Volker in die schon stundenlang andauernde Stille hinein, während sie die Geschäftsstelle ihres Hauptverdächtigen beschatten. Volker weiß immer noch nicht, woran er bei Pöschel ist, obwohl er versucht zu signalisieren, dass sein… Geheimnis, seine Identität – was auch immer – bei ihm nicht auf Ablehnung stößt. Natürlich hat er darüber nachgedacht, ob es irgendwas zwischen ihnen ändert und vielleicht hat er Pöschel manchmal beobachtet, ob ihm irgendwas auffällt und sich innerlich geärgert, wie bescheuert er sich verhält. Trotzdem kommt es ihm manchmal in den Sinn, so wie jetzt, wenn sie wirklich mal alleine miteinander sind und er vielleicht die Chance auf eine Antwort hat.

„Willst du das wirklich wissen?“, fragt Pöschel zurück und starrt weiter auf das Gebäude, als würde sich dort kurzfristig etwas verändern, wenn er den Blick abwendet.

„Würde ich sonst fragen? Mann Pöschel, ey. Sei mal nicht immer so scheiß misstrauisch.“ Volker verschränkt die Arme vor der Brust und dreht sich, soweit es auf dem Beifahrersitz geht, zu ihm.

Pöschel schweigt. Stoisch. Minutenlang. Sein Kiefer zuckt.

Volker ist schon kurz davor aufzugeben und es einfach gut sein zu lassen. Pöschel ist ein sturer Bock und vielleicht gehen ihn manche Sachen auch einfach nichts an. Aber dann seufzt Pöschel und lässt die angespannten Schultern fallen.

„Ist der Name, den mir meine Eltern eh gegeben hätten.“ Er pausiert und Volker glaubt fast, dass das die ganze Antwort ist, die er auf seine Frage bekommen wird, da wendet sich Pöschel zu ihm, das Gesicht unlesbar im dunklen Wageninneren.

„Ich wollt’s denen wohl einfacher machen. Hat nicht so geklappt.“ Pöschel lacht hohl und Volker ist sich sicher, dass das das Persönlichste ist, das er je von ihm gehört hat. „Na ja und dann ist es dabei geblieben.“ Er zuckt mit den Schultern und wendet sich wieder dem Gebäude zu und Volker versteht, dass das Gespräch an dieser Stelle beendet ist.

 

 

Sie sind mitten in der Besprechung ihres aktuellen Falls, als plötzlich aus Pöschels Handy eine Terminerinnerung erklingt und er wortlos aufsteht und den Raum verlässt, um seine Jacke zu holen.

Einen Moment sagt niemand etwas, bevor Bukow der Erste ist, der reagiert.

„Ey Pöschel, wir sind hier noch nicht fertig, das is‘ dir aufgefallen?“

„Der Kollege ist entschuldigt, Arzttermin“, wirft Hennig ein ohne von seinen Unterlagen aufzublicken und als gäbe es nicht sowas wie eine Schweigepflicht.

„Arzttermin, Arzttermin“, äfft ihn Bukow nach. „Das soll er mal lieber nach Feierabend machen.“

„Sascha“, seufzt Volker, weil er wirklich keine Lust auf Stress zwischen Sascha und Pöschel hat. Außerdem weiß er, was für einen Arzttermin Pöschel hat und er ist sich nicht sicher, was und wie viel Henning weiß und ob dem nicht noch mehr herausrutscht.

Nach ihrem ersten Gespräch im Auto ist es ein bisschen entspannter zwischen ihnen geworden und Pöschel sieht ihn nicht mehr ständig an, als würden ihm gleich Blitze aus den Augen schießen. Und obwohl Volker sich immer noch auf dünnem Eis befindet, wenn es um diese Themen geht, hat er seine Neugier trotzdem nicht immer im Griff. Manchmal, wenn Pöschel einen guten Tag hat und milde gestimmt ist, antwortet er ihm sogar, anstatt ihm zu sagen, dass er doch einfach googeln soll. Ein bisschen was hat er ihm über die Hormontherapie und die Arztbesuche erzählt, nur das nötigste, natürlich, den Rest konnte Volker ja googeln. Er hat sich Videos von glücklichen jungen Männern angesehen, die Testogel oder leere Ampullen in die Kamera halten, die ihre Stimmen und ihren Bartwuchs mit ihrem Vergangenheits-Ich vergleichen, dabei breit in die Kamera grinsen und ihre Identität und Selbstfindung zelebrieren. Volker fragt sich mehr als einmal, ob Pöschel auch diese Euphorie kennt, irgendwo hinter dieser Mauer aus Breitbeinigkeit und großer Klappe.

„Pöschel kümmert sich wenigstens um seine Gesundheit“, sagt Volker und klopft Sascha auf den Bauch, entlockt Katrin damit ein Grinsen und lenkt Sascha genug ab, dass Pöschel den Besprechungsraum durchqueren kann, ohne dass Sascha ihn aufhält.

Volker kommt sich ein bisschen schlecht vor, als er abends durch alte Fotos blättert um herauszufinden ob er einen Unterschied sieht. Ja, vielleicht ist Pöschels Bart jetzt voller und prägnanter, aber früher war der Bart halt blond und ja, vielleicht ist sein Kinn jetzt markanter, aber vielleicht sind sie jetzt auch schon seit 12 Jahren Kollegen und zusammen älter geworden und Pöschel einfach immer nur er selbst.

 

 

Es ist Mitte Juni und der Supermarkt ist voll von regenbogenbedruckten Verpackungen, so sehr, dass Volker es eher für den Rainbow Capitalism Month hält als für den Pride Month. Er hat sich belesen in letzter Zeit, wenn ihn das Berichteschreiben zu sehr gelangweilt hat und die ganzen Debatten um gendern und Selbstbestimmung dringen selbst zu ihm durch, auch wenn er sich zurückhält etwas dazu zu sagen.

Und eigentlich findet er es ziemlich albern die gleiche Süßigkeit für vier Wochen in eine bunt-gestreifte Verpackung zu stecken, aber vielleicht ist das auch nichts was er spezifisch verstehen muss.

Er weiß nur, dass Pöschel heute ausgesprochen schlechte Laune hat, weil ihm Hennig den Urlaub, den er für nächste Woche eingereicht hat nicht bewilligt hat und Pöschel vor Wut schäumend an ihm vorbei gerauscht ist, als er gerade das Präsidium betreten hat. Vielleicht weiß er auch, warum Pöschels Laune deswegen dermaßen schlecht ist, weil er möglicherweise vor einigen Wochen auf Pöschels Handy eine Buchungsbestätigung für ein Hotel in Berlin hat aufblinken sehen und möglicherweise hat er das Datum gegoogelt und erst gar nichts und dann so einiges verstanden, weswegen Pöschel jetzt so einen Aufstand macht.

Also greift er nach einer regenbogenbunten Tüte Weingummi und wirft sie später Pöschel in den Schoß, der ihn schon wieder ansieht, als würde er gleich in die Luft gehen.

„Guck doch erstmal, was das ist, bevor du dich beschwerst.“

Pöschel dreht die Tüte in den Händen, blickt dann wieder zu ihm und wenn Volker sich anstrengt, kann er fast so etwas wie ein Grinsen auf Pöschels Gesicht erkennen, bevor er die Tüte in die oberste Schreibtischschublade (die, die man abschließen kann, fällt Volker auf) stopft.

 

 

Pöschel ist die gesamte Autofahrt über genervt, meckert herum, warum ausgerechnet sie sich um einen verschwundenen Jugendlichen kümmern müssen, der doch bestimmt eh in ein paar Tagen wieder auftauchen wird, weil Sommerferien sind und er und seine Freunde sich einfach ein paar gute Tage machen. Kein Grund zur Aufregung. So sind Teenager eben.

Also übernimmt Volker das Reden, als sie mit Frau Wittke am Küchentisch in der Doppelhaushälfte der Familie sitzen. Soweit findet Volker nichts auffälliges – ruhige Wohngegend, Fahrräder und Skateboards vor der Tür, ein Hund, der träge den Kopf gehoben hat, als sie durch die Tür gekommen sind, alles normal. Aber er weiß, was sich hinter Fassaden wie diesen verstecken kann, also bleibt er aufmerksam, auch wenn er sich schlecht vorkommt, Frau Wittke – Manuela, wie sie ihnen anbietet – zu verdächtigen etwas mit dem Verschwinden ihres Sohns zu tun zu haben, so ehrlich betroffen wie sie aussieht.

Volker stellt die üblichen Fragen. Alter, Schule, Hobbies, Freunde, irgendwelche Veränderungen in letzter Zeit. Da wird Frau Wittke hellhörig, ja sie werden umziehen nach den Sommerferien, ihr Mann, Leons Stiefvater ist bei der Marine und wird versetzt, aber eigentlich, eigentlich schluchzt sie in ihr Taschentuch kennt es Leon, dass sie alle paar Jahre umziehen, aber klar, vielleicht ist das mit sechzehn schwieriger als mit fünf oder zehn.

„Aber deswegen läuft er doch nicht weg! Wir können über alles reden, immer. Alle seine Freunde kommen hier her, wenn es zu Hause Probleme gibt. Leon nennt es immer den safe space.“ Frau Wittke lacht und schluchzt gleichzeitig. „Sonst ist das hier ein ständiges Kommen und Gehen, manchmal vergesse ich, dass ich nur das eine Kind habe, wenn hier wieder spontan drei andere zum Abendessen bleiben.“

Pöschel, der bisher nur neben ihnen gesessen hat, springt plötzlich auf, sagt, dass er sich Leons Zimmer ansieht und ist schneller die Treppe rauf, als Frau Wittke zustimmen kann. Volker sieht Pöschel kopfschüttelnd hinterher und wendet sich dann wieder an Frau Wittke.

„Haben Sie ein aktuelles Foto von Leon, das Sie mir schicken könnten? Das würden wir dann an alle Kollegen weitergeben und auch für eine Öffentlichkeitsfahndung nutzen.“

Frau Wittke nickt und entsperrt mit zitternden Fingern ihr Handy, wischt darauf herum und zeigt ihm dann den Bildschirm. „Der in der Mitte.“

Volker seufzt innerlich. Fälle mit Kindern lassen ihn nicht mehr kalt, seitdem er auch irgendwie für Samy und Frederick verantwortlich ist.

Auf dem Bild sind drei Jugendliche zu sehen, die Gesichter noch beinahe kindlich, obwohl sie es bestimmt nicht mehr sein wollen. Leon trägt eine Snapback verkehrt herum, sodass man in der Stirn noch die blonden Haare sieht. Die letzten Pickelmale sind grade so verheilt, das Zahnspangengrinsen breit in die Kamera. Er hat die Arme um die Schultern eines Mädchens und eines Jungen geschlungen.

„Wer sind die beiden?“, fragt er.

„Seine besten Freunde. Brauchen Sie die Adressen?“

Volker nickt und schiebt ihr einen Zettel hinüber, auf den sie die Adressen notiert. Gleich in der Nachbarschaft, wenn er sich nicht täuscht. Das können sie also im Anschluss erledigen. Überhaupt Pöschel, wo blieb der? So groß kann das Zimmer auch nicht sein und hätte er etwas relevantes gefunden, wäre er längst wieder bei ihnen.

Volker verabschiedet sich von Frau Wittke und geht die Treppe ins Obergeschoss hinauf und ihm liegt schon ein Spruch auf den Lippen, ehe er im Türrahmen erstarrt.

Pöschel sitzt auf dem ungemachten Bett, den Oberkörper weit auf die Knie gesunken, das Gesicht in den Händen und Volker fühlt sich wie damals in der Umkleide, so als dürfte er nicht hier sein, als würde er etwas sehen, das er nicht sehen darf. Und dann fällt sein Blick auf die riesige trans Pride Flagge, die über dem Bett an der Dachschräge hängt und das Herz wird ihm schwer. Scheiße.

„Hey“, sagt er schwach, um Pöschel nicht zu erschrecken. Der ruckt trotzdem hoch, reibt sich über das Gesicht und seine Augen werden weit, als er Volker ansieht. Pöschel sieht mit einem Mal ganz jung aus, selbst unter den grauen Haaren und den Falten im Gesicht, jünger als Volker ihn je gesehen hat. Volker war darauf eingestellt wieder Wut und Härte in Pöschels Gesicht zu sehen, aber nichts davon liegt auf seinen Zügen, nur eine unerwartete Verletzlichkeit und Offenheit, die ihn härter trifft, als jeder Zorn es könnte.

Langsam geht er zu Pöschel hinüber, lässt sich auf den Schreibtischstuhl sinken und sieht Pöschel an, der versucht seine Lippen zu einem Grinsen zu verziehen, was nicht klappen will, stattdessen vergräbt er wieder das Gesicht in den Händen.

„Hey“, sagt er nochmal, streckt vorsichtig eine Hand aus und berührt Pöschel am Oberarm, der natürlich prompt unter seinen Fingern weg zuckt, als hätte er sich verbrannt. „Scheiße, was“, stellt er nur fest, weil ihm alles andere, was er sagen könnte bescheuert vorkommt. Pöschel nickt und hebt jetzt doch wieder den Blick und stützt seinen Kopf in die Hände.

„Der ist nich‘ abgehauen. Der wird so geliebt. Da läufst du nicht weg.“ Er zieht geräuschvoll die Nase hoch und nimmt Volker das Taschentuch aus der Hand, das er hervorgeholt hat. „Mein Alter hätte mich erschlagen, wenn er es damals gewusst hätte“, sagt er nach einer Pause und zerknüllt das Taschentuch. „Ich hab’s nicht ausgehalten, als sie erzählt hat, dass sie der safe space sind und dann das.“ Er gestikuliert durch das Zimmer, das jetzt, wo Volker genauer hinsieht, noch so viel mehr über Leon und die Akzeptanz, die er erfährt erzählt. Vor allem an den Bildern an der Wand bleibt sein Blick hängen. Leon mit seinen Freundinnen und Freunden, eine Regenbogenflagge um die Schultern, Leon mit seiner Mutter und seinem Stiefvater. Kleine Zeichnungen und ausgedruckte memes, alle irgendwie queer, soweit er das beurteilen kann. Frau Wittke, die in keiner Sekunde nicht von ihrem Sohn gesprochen hatte, nicht bei seinem Namen gezögert hatte.

„Ne, der ist nicht abgehauen“, bestätigt er Pöschels Aussage und blickt ihm in die Augen, um ihm klar zu machen, dass er versteht, obwohl ihm die Statistiken über Gewalt gegen LGBTQ Jugendliche durch den Kopf rasen. Er will aufstehen, da setzt Pöschel wieder zum Sprechen an, also lässt er sich auf den Schreibtischstuhl zurücksinken. Jetzt ist es wohl wirklich an der Zeit ein guter Zuhörer zu sein.

„Ich bin abgehauen, damals. Erst nach Köln, dann nach Berlin und dann bin ich hier gelandet,“ fängt Pöschel an und strafft die Schultern. Stimmt, irgendwann hatte er mal von seinen Geschwistern, die immer noch am Bodensee leben, erzählt. „Zu Hause hat das keiner verstanden. Die waren nur froh - endlich ein Mädchen nach drei Jungen. Das große Glück war ich.“ Pöschel verzieht das Gesicht und schnaubt verächtlich. „Dass das für mich kein Glück war, wollten die nicht sehen, also bin ich weg sobald es ging. Ich hab’s die ganzen Jahre versucht so zu sein wie die`s wollten, alles weggedrückt und mir eingeredet, dass ich nicht so bin. War ja schlimm genug, als ich `ne Freundin mit nach Hause gebracht hab. Hätte meinen Alten fast ins Grab gebracht, auch wenn er versucht hat mich vorher rein zu prügeln. Ich dachte es wird besser, wenn ich abhaue. Einfach neu anfangen. Neuer Name, neuer Körper.“ Er lacht bitter und Volker versteht, dass es keinesfalls so einfach gewesen sein muss. „War genauso beschissen wie vorher, nur mit neuem Namen.“

Volker seufzt und versucht Worte zu finden, die Pöschel klar machen, dass er mit ihm fühlt, aber sein Gehirn ist zu beschäftigt damit, die ganze Tragweite dessen, was Pöschel ihm grade erzählt zu begreifen, also hebt er nur seine Hand, wartet Pöschels Nicken ab und legt sie ihm aufs Knie.

„Mann Pöschel,“ sagt er nur matt und zieht ihn eine Umarmung, die ziemlich ungelenk ist, denn es ist immer noch Pöschel, den er hier umarmt, aber er drückt seine Schulter, als sie sich ein bisschen betreten voneinander lösen und so etwas wie ein halbes Lächeln auf Pöschels Gesicht liegt. „Und jetzt finden wir Leon.“

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