Work Text:
*
Links findest du eingebettet im Kapitel und Fußnoten am Ende.
Das Unwetter am 26.08.2022 ist in der Geschichte viel heftiger als es in Wirklichkeit (zum Glück) war.
Kann als Teil von „Teenagers in Love“ und z.T. auch von „Keine Angst" gelesen werden, aber es passen nicht alle Details in die Chronologie. Vielleicht ist es ein Paralleluniversum dazu.
Und - kleiner Spoiler für das Ende von "Teenagers in Love"!
✧ Ausnahmezustand ✧
Es ist schon den ganzen Tag stickig heiß. Ich ziehe mein T-Shirt von der Haut. Wäh! Das klebt einfach nur noch. Ich hätte besser mal mein übliches Schwarz angezogen. Bei dem Olivgrünen sieht man die Schweißflecken viel zu gut.
Bela eilt auf mich zu. „Ey, dass sieht echt nich jut aus, Jan.“ Zuerst denke ich, er meint ebenfalls mein T-Shirt und ich zupfe verlegen an ihm herum, aber Bela wedelt mit seinem Handy herum. „Ey, was für eine Scheiße, ey! Inzwischen hat die Unwetterwarnung `ne vier von vier erreicht.“
Der Blick aus dem großen Rolltor verrät, dass es wirklich übel aussieht. Aus den weißen, hochaufgeschossenen Wolkentürmen vom Vormittag haben sich nun graue Wolkenmonster geformt, die wie dunkle Urzeit-Raubvögel über dem riesigen Tempelhofer Feld kreisen. Ich seufze lautlos.
Zu sagen, dass ich Gewitter nicht mag ist stark untertrieben. Ich mag sie gar, gar nicht. Und ganz besonders nicht heute. Wenn wir das absagen müssen, dann ... 60.000 Fans enttäuscht, zwei Vorbands, die ganze Miete umsonst oder vielmehr für richtig viel Kohle plus das ganze geniale Ökokonzept. Mann!!! In mir steigt übler, wütender Trotz auf. Und dabei brauchen wir den lang ersehnten Regen ja total dringend, aber ... Fucking fuck!
Gerade hat es sich noch so nach „Himmelblau“ angefühlt nach der Sommerpause. Die ersten Konzerte liefen perfekt, also, naja, das erste in Erfurt vielleicht nicht so ganz. Doch Bela hat mir danach sogar gratuliert, dass ich trotz der ganzen Verspieler und textlichen Pannen meine gute Laune nicht verloren hab. Manchmal verdirbt mir sowas das Konzert, was echt doof ist, aber die inneren Dämonen sagen halt, dass das ganz schlimm ist, wenn was schief läuft. Lachen und sich darüber amüsieren ist definitiv die bessere Lösung, aber manchmal kann ich einfach nicht aus meiner Haut.
In Erfurt, Bremen und Hamburg war ich auch immer noch vollgepumpt mit der sardischen Sonne und dem glitzernden türkisblauen Meer. Sogar der Dreh für das Olivenöl in Porto Conte mit Bert und Francesco hat total Spaß gemacht – vor allem da ich endlich mal nicht vor die Kamera musste und somit auch nicht von Norbert umgebracht werden konnte. Und unsere crazy Fans sorgen dann auch noch dafür, dass das Öl innerhalb eines Tages ausverkauft ist.
„Shit!“ Bela holt mich zurück in die miese Realität, indem er mir seine Handyscreen vor die Nase hält. Allerdings so nah, dass ich nichts erkennen kann, außer einer Art offiziellem Logo. Ich greife nach seiner Hand und ziehe sie ein Stück weiter weg.
Ein Tweet der Berliner Feuerwehr. „Verdammte Scheiße! Dit war`s denn wohl, wa? Wenn die Feuerwehr `ne amtliche Unwetterwarnung raushaut, dann ...“
„Bleiben Sie wenn möglich zu Hause.“ Bela neben mir schnaubt. „Ja, klar. Erstma können ...“ Angesichts der schlechten Nachricht sieht Bela nun wirklich aus wie fast 60. Ist sonst selten der Fall bei ihm. Hat sich wirklich verdammt gut gehalten, der Alte.
Mir fällt ein, dass wir hier ja früher im Flughafen einen unserer ersten Übungsräume hatten. War während der „Richy Guitar“-Phase, wenn ich mich richtig erinnere. Der junge Bela mit langen wild toupierten Haaren taucht vor meinem inneren Auge auf und ein warmes Gefühl fließt von meinem Herzen in meinen Bauch. Wir waren damals noch so jung und naiv mit unseren Popstarwünschen. Und schlaflose Nächte habe ich definitiv auch besser weggesteckt. Die Sorgen wegen dem Wetter haben mich heute die halbe Nacht wach gehalten.
Aber damals in den frühen 80ern war es dafür komplett unvorstellbar, dass ein Konzert vor dem Flughafen-Hangar stattfindet. Oder Deutschland wieder vereint ist. Oder das unsere Flitzpiepen-Kapelle vor 60.000 Leuten spielt. Dreimal. Na, jetzt ja nur noch zweimal. Verdammte Drecksscheiße. Ich atme langsam ein paar Mal tief durch, denn gerade kehrt die leichte Panik angesichts der ellenlangen Konsequenzen zurück. Zum Glück kümmert sich Axel mit KKT um den ganzen organisatorischen und finanziellen Scheiß. Was für ein Alptraum. Naja, Open-Air-Konzert halt. Eigentlich ja auch besser mit Corona. Die Clubkonzerte waren ja schon ein ziemlicher Bumerang, als auch wir uns angesteckt haben.
Ich sehe mich in dem riesigen Hangar um, der mich trotz seiner großen luftigen Fläche gerade zu erdrücken scheint. Die „cradle to cradle“ Crew tut mir fast am meisten leid. Die hatten sich nach dem Hosen-Konzert letztes Wochenende total auf die Fortsetzung gefreut. Gerade haben sie nur Daten von einem einzigen Konzert. Für sie ein ganz schöner Einschnitt. Immerhin haben sie ganze zweieinhalb Jahre da reingesteckt. Und „Shirley Holmes“. So oft haben die auch noch nicht vor 60.000 Leuten gespielt. Und dann noch meine eigene Enttäuschung. Damn.
Vorsichtig atme ich weiter, bekomme immer noch nicht so richtig gut wieder Luft. Mir schlägt das Desaster echt auf den Körper. Plus das fucking Unwetter. Gerade will ich nur weg hier, von dem Ort, an dem alle - bis auf die unverbesserlichen Donots – herumschleichen, als wäre jemand gestorben. Der Rest diskutiert wild am Telefon, um die zahlreichen Schäden so gering wie möglich zu halten. Der einzige Lichtblick ist, dass wir morgen und übermorgen - hoffentlich - spielen können. Dann wären immerhin die Bühne und das Ökokonzept nicht umsonst aufgestellt worden.
Die Unruhe angesichts des Gewitters und der schlechten Stimmung hier im Backstage lasten auf mir wie die dunklen Wasserbomben am Himmel und meine Beine wollen weg. In Gedanken bin ich schon halb auf dem Weg zum Auto.
„Ähm, Bela!“
„Hmmmm ....“ Er tippt weiter wild auf seinem Handy herum. Leute tendieren wirklich dazu, in diesen Dingern mit ihren tausenden Plattformen zu verschwinden. Nicht nur digital, sondern irgendwie auch analog, als hätten sie ihre Körper zurückgelassen, während sie kopfüber ins Netz springen. Der „True Romance“ Clip hat das echt gut gespiegelt.
„Hey, Bela!!!“
„Wat?“ Erschrocken sieht er zu mir auf.
„Ähm, also, wenn de - also nur wenn de willst - dann kannste mit zu mir kommen.“
„Zu dir ... nach Hause?“ Seine Miene verzieht sich von nervöser Konzentration zu erstaunt. Kommt vielleicht auch ein wenig unerwartet.
„Ähm, ja, aber ... deen Hotel ist natürlich viel näher und du hast ja deine janzen Sachen da und wahrscheinlich willste lieber ...“
„Okay.“
„Wat okay?“
„Na, ick komm mit zu dir.“
„Äh, ... cool.“
„Aber erstmal müssen wa irgendwat vernünftijet an die Fans rausschicken. Dit is ja nich nur vom Wetter her `n Weltuntergang. Willste dit zusammen machen?“
„Womit?“
„Na, Instagram.“
„Öh, nö. Vielen Dank. Dit janze social media Gedöns is nich so meins.“
„Schade. Wäre bestimmt jut angekommen, wenn wir zusammen was rausgeschickt hätten.“ Bela grinst mich so an, dass er schlagartig wieder eher nach Tempelhof-Proberaum-Ära aussieht.
Ich grins zurück und fühle mich für einen Moment besser. „Kannste ja zusammen mit unserer Band-Plaudertasche machen. Wo is Rod eigentlich?“
„Der is bei Axel. Irgendwas klären.“
Bela hebt sein Handy vor das Gesicht und drückt auf den Bildschirm. Schnell gehe ich einen Schritt zur Seite, unsicher ob er mich mit so einer Selfielinse nicht doch versehentlich mit abschießt. So gerne ich photographiere, vor der Kamera bin ich mehr als genug und es hat lange, wirklich lange gedauert bis ich die Kameras auf der Bühne für die LED-Wände so akzeptieren konnte, dass ich mir ihrer nicht das ganze Konzert über bewusst bin. Aber was macht man nicht alles für die Fans.
Bela spricht in sein Telefon. „Es ist eine amtliche Unwetterwarnung. Es ist ziemlich sicher - ich hab es gerade schon gesehen -, dass krasse Blitzentladungen über dem Gelände runtergehen werden. Das ist nicht so gut, wenn das auf eine Menschenmasse heruntergeht.“ Er drückt wieder auf den Screen und lässt das Handy sinken. „Mann, die werden so krass enttäuscht sein.“ Seine Miene verzieht sich vor Mitgefühl und seine Augen sind ganz traurig. Ich drücke seine Schulter und hoffe, es spendet ihm ein wenig Trost.
„Sach ma, meinste wir können schon abhauen?“
„Also, ick weeß nich. Können wir die hier einfach alle so stehen lassen?“ Er sieht sich zweifelnd in der großen Halle um.
„Sind doch schon große Jungs und Mädchen.“ Bitte, Bela. Sag ja! „Wofür sind wer den Rockstars geworden?“, grinse ich mehr verzweifelt als humorig.
„Wie spät is es `n?“ Er schaut auf sein Handy. „Halb drei.“ Er sieht hinauf in den Himmel, der inzwischen inferno-grau ist. „Lass ma noch `n bisschen warten.“
Ich setze mich in eine Ecke des Hangars und versuche etwas Sinnvolles für die FU-Homepage zu verfassen. Ich bin immer noch so unfassbar wütend und traurig und durcheinander, aber vermutlich sollte ich das nicht in den Post packen. Ich grabe die Reste meines Humors aus, der gerade eher mehr in Richtung Galgen tendiert.
Nach einer halben Stunde Gegrübel schicke ich den Post schließlich ab, suche ich Bela in dem Getümmel. Zum Glück ist er mit seiner schwarz-weiß Frisur und seinem Sailor Moon T-Shirt gut zu sehen.
„Wollen wir los?“
Er scheint noch nicht ganz überzeugt. „Besser wir fragen nochmal rum, ob wa uns irgendwo nützlich machen könn, und ansonsten hau`n wa ab zu dir.“
Stellt sich heraus die unnützen Rockstars können nirgendwo helfen. Yeeees!
Wir sind gerade mal drei Minuten im Auto und fahren gerade am Viktoriapark vom Kreuzberg entlang, als die Wolkenwand bricht. Von einem Moment auf den anderen ist Weltuntergang.
„Woah!“ Bela wirkt, als wollte er sich die Hände über den Kopf halten als Schutz gegen die Wassermassen, die auf die Windschutzscheibe prasseln, so dass ich die Straße nicht mehr erkennen kann.
„Nach uns die Sintflut, wa?“ Wir scheinen auf einem Fluss zu fahren und mein kleines Elektroauto wirkt ein wenig überfordert. Neben uns erkenne ich im fallenden Regenvorhang eine Parklücke und steuer hinein. „Besser wir warten ab, bis ick wieder wat sehn kann.“
Über unseren Köpfen hämmert der Regen auf das Autodach, das sich nur ein paar Zentimeter von meinem Kopf entfernt befindet. Manchmal nervt es mich wirklich so groß zu sein. Ich stell den Motor und die Scheibenwischer aus. Das Wasser läuft kaskadenartig an den Fenstern hinunter und zum ersten Mal an diesem Tag habe ich ein Gefühl von Privatheit und niemand will etwas von mir.
Ein grelles Leuchten. Dann rollt ein knallender Donner über uns hinweg, als wollte er allein mit den Schallwellen die Scheiben zum Bersten bringen. Ich zucke so zusammen, dass ich mir den Kopf am Dach stoße. Au. „Faradyscher Käfig“, murmel ich vor mich hin.
„Wat is los?“ Bela beugt sich zu mir hinüber und ein Schwall von After-Shave-Schweißgeruch trifft meine aufgeregten Sinne.
„Och. Nüscht. Ganz schön heftig, wa? Sach ma haste immer noch das gleiche Deo wie in der Niebuhrstraße?“
„Wat?“ Irritiert sieht er mich an. „Nee.“
„Aber du riechst immer noch so wie früher“, sag ich etwas peinlich berührt. Wahrscheinlich ist das einfach sein Eigengeruch, der mir so vertraut ist. Es rührt mich, geht tief unter meine Haut und noch ein bisschen tiefer. Seltsam. Ich habe schon länger nicht mehr so an ihn gedacht. Er lächelt mich an, als könnte er etwas von meinen driftenden Gedanken lesen.
Ein paar Minuten sitzen wir einfach nur ruhig nebeneinander wie in einer Arche Noah und starren in die Wassermassen, die kein Ende nehmen wollen. Dann beginnt Belas Bein zu zappeln. Es ist mir so vertraut, dass es mir zuerst gar nicht auffällt. „Könn wa dit Radio anmachen?“
„Äh, ja, wenn de was verstehen kannst über diesem Höllenlärm.“
Bela grinst. „Muss man halt nur laut genuch aufdrehen.“ Er greift über mein Bein zum Zündschlüssel und dreht ihn ein kleines Stück, so dass das Auto wieder zum Leben erwacht. Er drückt wild an den Knöpfen herum, macht mich damit nervöser, als ich eh schon bin.
Eine Stimme kommt mir bekannt vor. „Ey, warte ma. Ick gloob, dit war Fil.“ Ich halte seine Finger fest und irgendwie ist die Berührung seltsam. Ein bisschen so wie das Gewitter draußen. Keine Ahnung, ob das Bela auch bemerkt hat.
„Oh, cool.“ Anscheinend nicht. Er reibt sich die Hände und lehnt sich gemütlich in seinem Beifahrersitz zurück. „Geil, oder? Der is echt noch weirder als wir.“ Er feiert das Lied total ab, steckt mich damit ein wenig an. So laut wie er gedreht hat, versteht man über dem Regengetrommel und dem inzwischen wieder sporadischeren Donner sogar den Text.
„Ich will meine Freunde zurück ...“, singt Fil aus dem Radio. Bela dreht sich in seinem Sitz und sieht mich ziemlich unverhohlen beim Refrain an. Irgendwas liegt ihm auf der Zunge, aber ich glaube, ich will es lieber nicht wissen.
Danach sagt Silke Super, dass „... die Ärzte leider das Konzert heute Abend auf dem Flughafen Tempelhof absagen müssen. Es ist noch nicht klar, ob es ein Ersatz...“
Bela drückt auf den Aus-Knopf, dreht den Zündschlüssel an meinem Knie zurück und wir sind wieder allein mit dem prasselnden Regen. Ein grelles Leuchten. In Erwartung des Donners spannt sich mein ganzer Körper an, eventuell schließe ich sogar die Augen, aber ich kann es nicht mal sagen, weil es so fucking dunkel draußen ist. Der Donner scheppert auf uns nieder, als wollte er die Karre zerlegen und zu uns hinein kommen. Es kann sein, dass ich ein bisschen zitter.
Warm. Eine Hand auf meinem Oberschenkel. Ganz leicht. Ich mache die Augen wieder auf und sehe Bela direkt vor mir, der mich mitfühlend mustert. „Haste immer noch so Schiss vor Gewitter?“
Natürlich will ich den Kopf schütteln, aber es wird ein spärliches Nicken. Lügen war noch nie mein Ding, dann schon eher eine undurchdringliche Maske aufsetzen, aber gerade geht auch das nicht. Da ist etwas in Belas Augen, dass ... „Erinnerste dich noch an die Nacht im Zelt damals an der Havel?“
Hundegebell, Blitze, Dirk warm neben mir, der sagt, dass er lieber Bela genannt werden will und mich dann zum ersten Mal küsst. Warum fühlt sich das so nah an? Ist über 40 Jahre her. Ich nicke, unsere Blicke fließen ineinander, verflechten sich für mehrere Sekunden.
Wieder ein Blitz, Donner. Belas Finger wandern von meinem Oberschenkel zu meiner Hand. „Kalt.“ Er zieht sie zu sich hinüber, umfasst sie mit beiden Händen und so bleiben wir für einen ruhigen Moment sitzen. Ich kann die Schwielen an seinen Fingern vom Trommeln spüren. Schön und vertraut und dennoch ungewohnt.
Ein paar Minuten später lässt der Platzregen nach und ich steuere uns durch die Stadt Richtung Norden. Vollkommen durchnässte Menschen hasten über die Bürgersteige. Viele sind nicht unterwegs. Überall laufen die Gullis über, Blaulicht und tatütata. In einer Straße müssen wir wenden, weil die Feuerwehr dort gerade einen umgefallenen Baum zersägt. Das Auto darunter hat nur noch Schrottwert.
Wir brauchen eineinhalb Stunden bis Hermsdorf. Als ich endlich in meine Auffahrt einbiege, bin ich nassgeschwitzt von Schwüle, Angst und Stress. Ich parke das Auto im Carport, weil das Spaßmobil und die Dieselschleuder die Garage besetzen, und wir rennen durch den duschenartigen Regen. Der beste Moment dieses nervigen Tages: Haustür aufschließen und rein. Ein Stoßseufzer bricht aus meiner Brust. Zuhause.
Der Regen tropft aus Belas Haaren, aber der interessiert sich gerade nur für meine Inneneinrichtung. „Boah, war ich lang nich mehr bei dir.“
„2013.“ Vielleicht kommt es ein wenig zu sehr aus der Pistole geschossen, aber ich erinnere mich einfach noch so gut an unseren Streit damals hier drin, die anschließende Funkstille, weil ich so sauer war, obwohl es um etwas vollkommen Belangloses ging, wie sehr ich mich für meinen Teil des Ausbruchs geschämt habe in der Nacht, aber zu stolz war, mich zu entschuldigen und auf Bela zu zugehen. Und das, obwohl ich wirklich den Hauptanteil zu diesem bescheuerten Streit beigetragen habe. Wahrscheinlich habe ich erwartet, dass Bela sich als Erster wieder bei mir melden würde – wie sonst auch. Aber hat er nicht. Auch ein Bela hat mal die Schnauze voll.
Eineinhalb Jahre später hat er es dann doch getan. Damals hatte ich uns komplett abgeschrieben. Auch die ärzte.
„Ist alles noch genauso“, sagt Bela leise. Auch er scheint sich zu erinnern. „Na, du warst ja meistens bei mir in Hamburg. Und wenn ick in Berlin war, dann meistens woanders.“ Er lässt sich auf meine Couch fallen. „Nur die ist anders. Mhm, gemütlich. Auf der penn ick bestimmt besser als im Hotel. Sach ma, wo ist eigentlich Bella?“
„Die is bei Jule. Hoffentlich geht`s ihr gut, der Armen.“
„Was ist denn mit Julia?“
„Nee.“ Nun muss ich doch lachen. „Bella. Die hasst Gewitter noch mehr als ich. Mann, wenn dit so weiter jeht, dann müssen wir die andren beiden Termine och noch absagen.“ Die Panik kehrt auf leisen Füßen zurück. „Und am Sonntag wollten Jule und meene Mutter in Tempelhof dabei sein.“
„Oh, wußt ick gar nich. Wär schön Uta mal wieder zu sehen. In Spandau fand sie`s ja och echt jut. Meine wird`s wohl nich noch mal schaffen.“ Frau Felsenheimer ist nochmal gute fünf Jahre älter als meine Mutter. Noch total fit im Kopf, aber die Beine wollen nicht mehr so richtig und der Rücken. Der Altersunterschied zwischen unseren beiden Müttern war in Spandau echt sehr zu merken. Wahrscheinlich war es nicht komplett durchdacht, dass meine Mutter mich schon als 24-jährige Studentin bekommen hat mit diesem Reise-Hallodri. Geheiratet haben sie auch erst, als ich schon unterwegs war. Aber der Herr Ingenieur hat natürlich nicht aufgehört mit seinen Auslandseinsätzen ... Bei mir ist es ja ähnlich. Ich könnte das Reisen auch nicht für ein Kind aufgeben. Ich seufze, hab keinen Bock an Joachim zu denken. Ist ja auch schon ein paar Jahre tot. Heute ist wirklich gar nichts in mir „Sommer, Sonne, Sonnenschein“, dabei waren die letzten die ärzte-Tage so fucking perfekt.
„Hey, ick muss aus den nassen Klamotten raus.“ Ich stehe schon halb auf der Treppe. „Kannste dich in der Zwischenzeit selber beschäftigen?“
„Ick? Immer doch. Wo is deine Pornosammlung?“
Verdutzt fahr ich herum. Eigentlich sollte ich solche Ansagen echt gewohnt sein.
„War `n Scherz. Haste vielleicht für mich och `n paar trockene Klamotten?“
„Äh, ich glaub schon. Komm mit.“ Er folgt mir in den ersten Stock.
„Hmmm. Die Gemächer des Herrn U. Lange nicht mehr hier gewesen.“ Belas Blick brennt wie ein Laser in meinem Rücken und mir wird heiß. Ich wühle wild in meinem Schrank nach etwas, das ihm passen könnte.
„Neues Bett.“ Ich höre, wie er sich hinter meinem Rücken darauf setzt. Seit 19irgendwas ist er nicht mehr hier oben gewesen, da hatte ich das Haus gerade erst von der „13“-Kohle gekauft. Gibt nichts in seiner Größe. Schließlich werfe ich ihm eines von meinen hundert schwarzen T-Shirt zu. Mit seinen krassen Drummer-Reaktionen fängt er es elegant aus der Luft. „Haste och Boxershorts oder so wat? Ick bin so verschwitzt von dieser üblen Hitze.“
„Ähm, ja.“ Ich krame aus einer Schublade ein paar neuere Boxerbriefs heraus, verscheuche den seltsamen Gedanken, dass sich das wirklich sehr intim anfühlt. Früher haben wir öfter mal Klamotten des anderen angezogen, soweit das größentechnisch möglich war, weil mal wieder der Weg in den Waschsalon zu weit oder teuer gewesen ist.
Er dreht sie in der Hand. „Schade, keen Batman-Logo.“ Er zieht den Bund seiner nassen Jeans ein Stück nach unten und zieht grinsend den Rand seiner Boxershorts heraus, der mir gelb-schwarz entgegen blinkt.
„Beim nächsten Mal ...“, grinse ich zurück und merke, dass ich möchte, dass es ein nächstes Mal gibt.
Er schlüpft aus seinem nassen T-Shirt und seiner nassen Jeans und lässt sich nur in seinen Batman-Boxershorts rückwärts auf mein Bett fallen. „Viel Spaß beim Duschen. Ick wart hier.“
„Too old to die young“ lese ich die Schrift auf seinem Brustkorb. „Dit stimmt leider. Oder och nich leider.“
„Was?“
„Na, dit hier.“ Ich zeige auf die Stelle an meinem eigenen Brustkorb, auf der das Tattoo prangt. „Bin schon froh, dass de damals nich jung gestorben bist. War ja manchmal echt `n bisschen knapp.“
„Lang her.“ Ein trauriges Lächeln legt sich über seine Mundwinkel. Es zieht mich an, aber ... Stattdessen suche ich mir frische Klamotten raus und öffne die Tür zum Bad. „Ich mach schnell, dann kannste och unter die Dusche.“
„Lass dir ruhich Zeit. Is gemütlich hier in deinem Bett.“
Mit noch nassen Haaren, die nicht gestylt sehr viel dünner wirken, als mir lieb ist, dafür aber in frischen Klamotten, betrete ich mein Schlafzimmer wieder. Bela räkelt sich immer noch halbnackt in meinem Bett, schmökert in einem Comic, die jetzt ja „Graphic Novels“ genannt werden.
„Na, Herr Seegefelder? Wat interessantes gefunden?“ Er hält mir das Cover entgegen. „Ach ja. Die Nick Cave Biographie.“
Er runzelt die Stirn. „Schon seltsam in der gezeichneten Kindheitsgeschichte von jemandem zu blättern, der früher neben dir an der Bar stand.“
„Vielleicht macht ja mal jemand `nen Comic über dich.“
„Dit fehlte mir noch. Nee, nee, dit ganze Comic-Ding ...“ Er verzieht das Gesicht. „Nach Nicht-so-erfolgreich Enterprises bin ich lieber nur noch Konsument. Und meine früheren Exzesse brauch ich och nich schwarz uf weiß.“
Ich werfe ihm ein Handtuch zu, eine noch verpackte Zahnbürste hinterher. „Viel Spaß in der Dusche.“
Er zwinkert mir zu. „Werd ick haben.“
„Mann, Bela!“
Ich gehe runter in die Küche, schalte den Wasserkocher an, stromer dann unruhig durch das Wohnzimmer, wieder in die Küche, wieder ins Wohnzimmer. Draußen blitzt es nach einer längeren Gewitterpause schon wieder.
Ich hole eine Mandelmilch aus dem Kühlschrank. In dem Moment dröhnt mir ein Donnerschlag durch Mark und Bein. Ich kann nur versteinert zu sehen, wie die Packung aus meinen Fingern zu Boden knallt. Immerhin hält der Tetrapak.
Eine Hand greift danach und ich zucke schon wieder zusammen.
„Ganz schön schreckhaft, mein Lieber!“ Bela hebt die Milch auf und hält sie mir hin. Er sieht sehr verwandelt aus mit seinen nun ebenfalls liegenden Haaren – und ein bisschen süß in dem zu langen T-Shirt, das an ihm wie ein Kleid wirkt. Steht ihm. Ich hoffe, wirklich, dass wir morgen spielen können – oder zumindest am Sonntag. Immerhin wollte Bela da zum ersten Mal seinen schwarz-weißen Rock anziehen. Ich bin neugierig, wie ihm das steht. Ich mag seine extravagante, fast schon kostümartige, Bühnenkleidung, auch wenn ich als „Man in Black“ sehr zufrieden mit meiner eigenen Monotonie bin.
Bela sieht in Richtung Herd. „Was bestellen wäre geil, aber bei dem Wetter kannste ja keenen rausjagen. Weeßte, was cool wäre?“
Ich schüttel den Kopf.
„Fischstäbchen und Kartoffelbrei.“
Diese Idee überrascht mich komplett und muss laut loslachen. „Ja, dit wär echt mal wieder was.“ Ich hab so einen Lachanfall, dass ich kaum Luft bekomme. „Na, also ... die letzten Jahrzehnte konnt ick dit nich mehr so jut essen. Deswegen hab ich och keene hier. Sorry.“
„Schade.“ Bela zieht schmollend die Lippen zu einer Schnute, dann öffnet er einen meiner Schränke und beginnt sehr zielsicher alles für eine Pasta rauszusuchen. Obwohl er lange nicht mehr hier war, scheint er sich noch zu erinnern, wo alles ist, hab ja auch nichts geändert seitdem. „So, na, denn werden wir zwee Suppenkasper wohl ma versuchen müssen, wat Essbares zu zaubern.“
Die Pasta schmeckt null nach Italien, aber dafür nach Bela und mir. Wir setzen uns mit den Tellern einfach unzeremoniell auf die Couch. Bela zeigt auf die Uhr an der Wand. 20:02. „Jetzt würdest du gerade nach „Gute Nacht“ die Akkorde zu „Himmelblau“ anstimmen.“ Er sagt es ganz leise, während draußen Gewitterzelle Nummer fünf ihre lärmenden Runden dreht. Meine Sicht auf die Uhr verschwimmt bei dem Gedanken. Er legt seine Hand kurz auf meine und ich lächle gequält.
„Es war echt gut, dass wir es absagen mussten.“ Gedankenverloren sieht er zur großen Panoramascheibe in meinem Wohnzimmer, an die der Regen wie Maschinengewehrfeuer knallt. Normalerweise kann ich von dort abends in meinen Garten blicken. Manchmal kann ich durch die Bäume sogar ein paar der Wasserbüffel erspähen, die am Tegeler Fließ weiden. Für einen Moment desorientiert mich das immer, weil es mir die Illusion gibt, ich wäre auf Reisen.
Ich stelle den Teller beiseite und gehe vorsichtig zum Fenster. Draußen geht schon wieder die Welt unter. Im Licht eines Blitzes sehe ich, wie die Windböen meine armen Zypressen so biegen, dass sie fast waagrecht stehen. Ich spüre, dass Bela hinter mich getreten ist, drehe mich ein Stück zu ihm.
Er hat einen Whisky aus meinem Gästevorrat in der Hand. Sein Erster und so wenig, wie er momentan trinkt, wird das wohl auch der Einzige des Abends bleiben. „Ick will mir gar nich vorstellen, wat gewesen wäre, wenn wir das Konzert nich abgesagt hätten. Ick hoff, der Sturm lässt noch wat von der Bühne übrig.“
Meine Knie werden schwach bei seinen Worten. „Dit hätte echt mit Toten enden können. So wat will ich niemals verantworten müssen. Is ja schon genuch passiert auf Konzerten. Dit mit den Hosen damals ...“
Bela nickt. „Dit hätte echt beinah zur Auflösung bei denen geführt.“ Er legt eine Hand an meinen Oberarm. „Ick bin echt froh, dass alle so vernünftig entschieden haben. Und selbst, wenn et heute ruhig geblieben wäre – bei dem Klimawandelwetter weeß doch keener, wat im Anmarsch ist – siehe Ahrtal ...“
Ich sehe zu ihm hinunter, wie er gedankenverloren durch die Scheibe ins Dunkel starrt. Meine Finger zucken. Nah. Er steht so verdammt nah vor mir – ohne das es ein Flirt auf der Bühne ist oder eine normals Hallo oder Tschüss-Umarmung. Auch bei den Aufnahmen zu den letzten Platten im Cloud Hill Studio waren da schon so unerwartet nahe Momente gewesen. Ich hatte das damals darauf geschoben, dass es dort einfach tatsächlich gemütlich war unter den Quarantänebedingungen und wir zum ersten Mal außerhalb einer Tour wieder viel Zeit miteinander verbracht haben. Meine Finger kribbeln vor unterdrücktem Verlangen durch seine Haare streichen zu wollen - und schließlich gebe ich ihm nach. Er sieht mich kurz überrascht an, dann schließt er die Augen und ich kann ein zustimmendes Brummen hören.
Draußen kracht es wieder und ich fahre herum zum Fenster. Eine sanfte Berührung an meinem Arm zieht mich wieder zurück. „Soll ick dich ablenken?“ Sein Lächeln hat etwas vom jungen Bela, dem impulsiven Abenteurer und Verführer. Es ist schön den durchscheinen zu sehen, auch wenn es nicht immer einfach war mit ihm. Er fasst nach meiner Hand, so wie im Auto vorhin, aber jetzt ist die Geste noch intimer. Ich stehe so nah vor ihm, dass ich verfolgen kann, wie sich seine Pupillen weiten bis das hellgrün fast verschwunden ist.
„Ick weeß nich.“
Kurz taucht etwas Enttäuschtes, vielleicht sogar Verletztes in seinen Augen auf, dann lächelt er es weg. „Magst du mir vielleicht was vorlesen?“
„Ähm, okay. Aber keen Comic.“ Ich überlege. „Weeßte, welchet Buch mich immer an dich erinnert?“
Er schüttelt den Kopf und mustert mich interessiert. „Du wirst es mir vermutlich gleich verraten.“
„Schlafes Bruder.“
„War das dit Buch, als ich dich in der Heide besucht habe, und so circa fünf, sechs Stunden zu spät dran war?“
„Exakt. Ist sogar auf meiner Top 100 FU-Bücherliste.“
„Okay. Gerne.“ Bela gähnt. „Mal sehen, wie lange ich durchhalte, so ganz ohne Auftrittsadrenalin.“
Wir machen es uns auf der Couch gemütlich. Inzwischen ist es draußen wegen des Durchzugs der Gewitterfronten massiv abgekühlt und ich hole uns eine Wolldecke.
„Wer liebt, schläft nicht“, lese ich die Überschrift des ersten Kapitels. „Das ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Alder, der zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen.“
„Dramatisch“, murmelt Bela, aber er scheint es nicht ironisch zu meinen. Ich wünschte, ich würde mich trauen, im zu sagen, dass er sich gerne wie früher bei mir anlehnen kann, aber er hat schon die Augen geschlossen und sich entspannt neben mir zurückgelehnt. „Denn er war in unsägliche und darum unglückliche Liebe zu seiner Cousine Elsbeth entbrannt und seit jener Zeit nicht länger willens, auch nur einen Augenblick lang zu ruhen, bis daß er das Geheimnis der Unmöglichkeit seines Liebens zugrunde geforscht hätte.“
Nach drei Seiten spüre ich wie sein Körper neben mir immer mehr wegsackt und schließlich höre ich ein leises Schnarchen, dass mir ein Grinsen entlockt, mich aber vor allem rührt. So ruhig im Schlaf sieht er viel jünger als fast sechzig aus. Ich bin kurz vor Gute-Nacht-Kuss, streiche dann aber nur vorsichtig über seinen Arm und bette ihn behutsam in die Waagrechte, was er nicht mal mitzubekommen zu scheint.
In meinem Bett wälze ich mich eine Stunde hin und her. Mein Körper ist in Aufruhr, will nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder schnellt ein Lichtblitz zu mir hinein und das düstere Gegrolle hört auch nicht auf. Echt rekordverdächtig dieses Scheißunwetter. Aber auch der Gedanke, dass Bela ... Ich müsste nur ... Zum fünfzehnten Mal greife ich nach meinem Handy und checke die Wettervorhersage für morgen, die sich nach fünf Minuten natürlich nicht verändert hat. Mann, wie ich das hasse, wenn etwas nicht in meiner Macht liegt, mich aber trotzdem massiv beeinflusst. Und es geht ja nicht nur um mich und das macht es noch schlimmer.
Entnervt stehe ich nach einer Stunde auf, knipse meine Nachttischlampe an und schleiche mich im Dunklen die Treppe hinunter. Ich stoße mit dem Zeh gegen die Küchentür, die normalerweise offen steht. Au. Bela hat sie wohl geschlossen, vielleicht weil das Kühlschrankgebrumme ihn genervt hat.
Ein Geraschel von Decken. „Jan?“
„Hey. Tschuldige.“ Keine Ahnung, warum ich flüster. „Ick wollt dich nich wecken, aber ...“
„... du kannst nich schlafen.“
„Ja. Und ick wollt mir `n Tee machen. Willste och einen?“
„Ja. Dit Gewitter hat mich wieder geweckt. ... Und dann ... hab so `n bisschen nachgedacht ... über früher.“
Seine letzte Bemerkung lässt mich kurz innehalten, dann schalte ich das Licht in der Küche an - Ah, grell! - kneife die Augen zusammen. Bela steht in meinem viel zu großen T-Shirt und nun sehr verstrubbelten Haaren vor mir.
Ich brühe zwei Tassen Tee auf.
„Uuuuh. Der riecht ja interessant.“
„Baldrian, damit man müde wird. Yuki hat ihn immer - 足クサい茶 – Ashikusai-cha genannt. Bedeutet so was wie „Stinkender Fußtee“.“
Bela schnuppert mit gekrauster Stirn am Tee und nickt. „Sehr treffend formuliert.“
Yuki ist außer Bela das Beste, was mir je passiert ist. Ich vermisse sie echt sehr. Wir haben uns über zwei Jahre nicht mehr gesehen. Eigentlich wollte ich nach den Aufnahmen für „Hell“ mit dem Motorrad durch Russland zu ihr nach Japan fahren. Ich habe dafür sogar schon angefangen Russisch zu lernen. Aber dann ... Und als Japan dann endlich wieder seine Grenzen geöffnet hatte für Touris, kam der Krieg und dann sind wir sind auf Tour gegangen. Dazu noch die Olivenöl-Geschichte. Nach der Tour werde ich einfach rüberfliegen, beschließe ich. Egal, was noch alles kommt. Kaputte Atomkraftwerke, Affenpocken ... Egal! Es wäre wirklich schön mal wieder jemand vertrauten ganz nah neben mir zu haben. Keine Ahnung wie Yuki es seit zehn Jahren mit mir aushält. Vielleicht findet sie es ja sogar gut so.
„Weeßte wat helfen könnte?“, dringt Belas Stimme an mein Ohr. Sie klingt gerade sehr tief – noch tiefer als sonst.
„Wenn ick bei dir schlafen würde.“
„Du meinst ... im Bett?“
Er nickt und sieht sehr überzeugt von der Brillanz seiner Idee aus. Dann runzelt er die Stirn. „Oder ... meinste, dit wär okay für deine Freundin?“
„Yuki?“
„Ja.“
„Weil ...?“ Was hat er denn vor, wenn er bei mir im Bett schlafen will?
„Naja, also ... Ick muss och nich, aber ... Manchmal vermiss ick dit schon mit – dir und mir. Deswegen ...“ Er spricht nicht weiter, sieht mich nur wieder mit diesem Blick an, der mich wie in einer Zeitkapsel in die Achtziger transportiert, als wir beide noch jung und knackig und voller Träume waren und keine alten, reichen Rockstars. Ein Hauch der alten Spannung flackert zwischen Couch und Türrahmen, zwischen uns beiden, hin und her. Belas Blick liegt lange auf mir. Auch er scheint sie zu spüren. Wir waren uns heute wirklich seltsam nah, fast so wie früher – ganz früher.
„Yuki ist nicht das Problem. ... So wenig, wie wir uns sehen, geben wir einander viel Freiheit. Anders würde das gar nicht gehen.“ Irgendwie reden wir über etwas, dass wir nicht klar benennen. Meint er das ernst?
„Für sie auch?“
„Klar.“
Bela schmunzelt. „Freut mich.“
„Und Konstanze?“ Falls – also nur falls ... Ich möchte wirklich nicht der Grund sein, dass diese Beziehung, die längste, die er je hatte – und mit Kind, in die Brüche geht.
„Das is okay. Wir haben da och so unsere Abmachungen, auch wenn dit durch Bronson `n bisschen komplexer ist.“
„Dann ...“ Meine Augen versinken in seinen. Ein letzter rationaler Teil in mir wehrt sich noch dagegen, aber mein Körper will ... „Na, komm.“ Ich weiß nicht mal, auf was ich mich hier einlasse, aber ich weiß, dass ich es will.
Oben in meinem Zimmer beleuchtet die kleine Nachttischlampe meinen Lesestapel, der aussieht, als würde er gleich umfallen und mein von Schlaflosigkeit zerwühltes Bett.
Auf einmal macht sich doch ein wenig Unsicherheit in mir breit. „Auf welche Seite möchten der Herr Graf denn?“ Bela lässt sich einfach auf die Seite bei der Tür fallen, auf der er vorher schon gelegen ist.
„Mhm. Is noch warm von dir.“ Er kuschelt sich unter meine Decke. Für ihn scheint das hier nichts Besonderes zu sein. „Echt gemütlich hier.“ Er sieht sehr zufrieden aus.
Ich krieche zu ihm unter die Decke, krieche automatisch in Richtung der Wärme, stoppe dann und lege mich auf meine Seite. Der Regen gurgelt immer noch in der Dachrinne. Es ist wirklich gemütlich, nachdem sich diese verdammte Gewitterorgie sich endlich - zumindest temporär – verpisst hat.
„Soll ick dit Licht ausschalten?“, frage ich Bela neben mir. Es ist ungewohnt und total vertraut.
„Nee, lass ma an.“ Bela beugt sich zu mir hinüber. Die Nähe pulst zwischen ihm und mir hin und her. Ist das lang her, dass wir ... Es erschreckt mich und ich weiche unwillkürlich ein paar Zentimeter zurück.
„Hey, Jan. Entspann dich mal.“
„Bin ick doch.“
„Quatsch. Dit kann ick nich nur sehn und fühln, sondern dit hör ick och in deiner Stimme. Dafür kenn ick dich einfach zu lang – da war ick noch Dirk und du noch nich Farin. ... Oder soll ick wieder ...?“ Er deutet zur Tür.
„Nein“, entfährt es mir etwas laut und er lächelt, wird dann wieder ernst. Er stützt sich über mir auf einen Ellbogen ab, hebt langsam seine andere Hand. Sie liegt warm an meiner Wange. Er sieht fasziniert aus, aber ich bin mir mal wieder unangenehm bewusst, dass ich keine zwanzig oder dreißig oder vierzig mehr bin.
„Hey ... Alles gut.“ Er sagt es ganz leise, als müsste er mich beruhigen. „Wenn de dit nich magst, dann sagste es mir, ja?“ Seine Stimme ist so warm und vertraut und ich will ihn an mich ziehen, aber irgendwelche doofen Hemmungen halten mich wie versteinert zurück.
„Vor was haste denn Angst?“
„Ick hab keene ...“
„Na?“ Er hebt leicht spöttisch eine Augenbraue, aber sein Lächeln ist viel zu warm. „Pass ma uff, ick bin Wahrsager. Du hast Schiss, dass es nich mehr so ist mit uns beeden wie früher. Oder das es zu sehr wieder so is. War ja och nich alles ... einfach.“
Ich nicke ungewollt und er grinst. „Und ...“ Er greift sich dramatisch an die Schläfe. „Und du fühlst dich ... ... ... zu alt.“
Ertappt. Er sieht es. „Och, Jan. Jetz nich wirklich.“ Sein Blick wird auf einmal ganz weich. „Schön siehste aus.“ Er fährt über meine Stirn, verharrt an einer Stelle. „Die Falte hier ist von einer deiner wilden Reisen.“ Er wandert ein Stück tiefer. „Und die hier, weil du immer so viel lachst.“ Er lächelt mich an. „Und die hier ...“ Er streicht über meine Wange. „Die hier ist, als wir dachten, es wäre `ne gute Idee eine eigene Plattenfirma zu gründen.“
Ich seufze.
„Genau. Die haben Rod und ich auch. Und die hier ...“ Er ist nun ganz nah an meinen Lippen mit seinem Zeigefinger. Auf einmal wird er ganz ernst. „Die hier ist, wenn de dir früher Sorgen, um mich gemacht hast.“
Ich schließe die Augen. Seine Wahrsagerei ist tatsächlich sehr wahr.
„Mach die Augen auf, Jan!“ Ein sanfter Befehl und ich kann mich ihm nicht entziehen. Ich spüre seinen Atem auf meinem Gesicht. Belas Augen leuchten hell vom reflektierten Licht. Er sieht so über mich gebeugt aus wie ein schöner Panther. Keine von seinen geliebten Fledermäusen, sondern ein edles, weises Raubtier in Schwarz-Weiß. Ich halte den Atem an.
Seine Finger streichen weiter leicht über meine Wangen und es ist wunderschön und mir dennoch wahnsinnig unangenehm. Am liebsten würde ich mich unter der Bettdecke verstecken. Das letzte Mal, als wir sowas gemacht haben, stand die Mauer noch. Doch Bela streichelt mich ungerührt weiter. Ganz leicht über den Brustkorb, über meinen Hals, meinen Nacken. Ein vibrierender Schauer läuft unter meiner Haut durch mich und er lächelt zufrieden. Seine Finger streichen langsamer, dafür wird die Berührung noch intensiver. Meine Augen fallen wieder zu, ich versinke in der vertrauten Verbindung zwischen uns.
Auf einmal strömen die ersten Zeilen eines Liedes in meine Gedanken. Ich schlage die Augen wieder auf. Er ist so nah, weicht aber ein Stück zurück, als ich mich so abrupt halb aufsetze.
„Soll ick ... soll ick doch ... wieder runter gehn?“
„Nee. ... Bleib.“
Er sieht mich aufmerksam und abwartend an.
„Ick hab dit damals geschrieben als ... du ...“
„Was hast du geschrieben?“ Er blinzelt mich erstaunt an.
„Mach die Augen zu.“
„Dit Lied?“
Dieses Geheimnis habe ich in all den vergangenen Jahrzehnten nicht gelüftet und es sollte besser ... Ich nicke. „... ... Ähm, ja. Ick hab dit geschrieben, als ...“
„Als ...?“
Ich schlucke.
„... Bitte, Jan.“
Ich hole Luft. „In Westerland.“
Seine Augen werden groß.
„Im Strandkorb ... Nachdem du zurück auf die Party bist.“
Bela wirkt tief getroffen und ich möchte es aus seinem Gesicht küssen. „Is ja lange her.“
„Dit is über ... mich?“
Ich hätte es besser doch nicht verraten. Ich beiße mir auf die Lippen – nicke schließlich.
„Aber ... ... ...“ Fassungslos setzt er sich auf, ist auf einmal viel zu weit weg – auch mit seinen Gedanken, wie es scheint. Ich betrachte ihn, kann fast sehen, wie sich in seinem Kopf einiges neu ordnet. „Ey, so ganz komm ich nich damit klar, dass du das für ... über mich – uns geschrieben hast. Ich dachte `93, dit is halt `ne neue, intensive Farin Urlaub-Ballade.“ Er beugt sich wieder über mich, sieht mich forschend an. „Das lässt sogar deinen Brief in `nem neuen Licht ...“ Er schüttelt den Kopf leicht. „Es ist wahr“, sagt er schließlich leise.
„Was?“
„Na, du singst immer ...
Mach die Augen zu und küss mich
Und dann sag, dass du mich liebst
Ich weiß genau, es ist nicht wahr
Dit stimmt einfach nich. Mann! Ich hab dich immer ...“ Seine Miene verzieht sich schmerzhaft. Er setzt sich anders hin, nimmt mein Gesicht zwischen beide Hände und küsst mich fest und trotzdem ganz leicht auf die Wange, verharrt an meinem Gesicht. Seine Hände liegen heiß an meinem Gesicht, sein Atem streift über meinen Hals. Ich spüre wie sein Herz an meinem aufgeregt hämmert.
Auf einmal lässt die Unsicherheit nach und ich bin nur traurig über die Jahre, in denen wir uns so verloren gegangen sind, weiß gleichzeitig, dass es nicht ohne sie gegangen wäre. Oder doch? Die Angst bleibt. „Fuck, Bela", flüster ich. „Ick will keene ollen Wunden wieder aufreißen. Hat ... hat gedauert bis die ...“
Langsam löst er sich ein paar Zentimeter von mir und sieht mich eindringlich an. „Bei mir och.“ Er legt eine Hand wieder an meine Wange und ich schließe meine Augen, weil es sich so so verdammt atemraubend und weltbewegend anfühlt. Nach all den Jahren ... Er wartet, bis ich ihn wieder ansehen kann, sucht in meinem Blick, sucht nach etwas darin. „Jan?“
Langsam, ganz langsam nicke ich. Er legt sich hin, rutscht ganz nah an mich. So warm und lebendig. Bela streicht durch meine Haare und ich drehe langsam meinen Kopf, schließe die letzten Millimeter zwischen uns. Als meine Lippen zögerlich auf seine treffen, löst sich die Anspannung in mir. Auf einmal bin ich wieder zwanzig, wir sind arm wie die Kirchenmäuse und Bela schmeckt noch nach Rauch und hat keinen Bauch, sondern ist viel zu dünn. Und obwohl es zwischen uns oft ganz schön kompliziert war, ist es wie nach Hause kommen nach einer dreißigjährigen Fahrt durch die Wüste. Belas Küsse sind wie damals, ein wenig sanfter vielleicht und ein wenig trauriger, und doch - es fühlt sich so verdammt richtig an.
Ich drücke mich an ihn, um ihn ganz fühlen zu können, seinen vertrauten, veränderten Körper. Ich streiche über seinen Oberarm. Die Muskeln sind so stark und drahtig wie eh und je, über seine Brust, denke an das Tattoo, streiche über die Brandwunden an seinem anderen Arm und bin so dankbar, dass ...
Ich vergrabe mein Gesicht in seinen Haaren, an seinem Hals, ziehe ihn noch fester an mich, auf mich. Ein bisschen riecht er immer noch so wie damals. Es ist nicht der Whisky von vorhin, sondern es ist die Essenz von Bela und der Zeit, die wir zusammen waren - und getrennt voneinander. Er riecht für mich nach Vertrauen und ein wenig Liebeskummer, weil es nicht immer so geblieben ist wie am Anfang mit uns beiden.
„Ich würd dich gern ...“ Ich weiß nicht, was ich will. „Aber ick weiß nich, ob ick ... Es fühlt sich so groß an mit dir.“
Bela sieht auf mich hinunter. „Ick weiß." Wie in einer Doppelbelichtung ist er der schwarz-weiße Fast-Sechzigjährige und der wild toupierte Zwanzigjährige. Er lächelt. „Du sagst stop, wenn es dir zuviel wird.“
Das Vertrauen zwischen uns hat einige Macken und Dellen eingesammelt in den Jahrzehnten, aber gerade würde ich ihm folgen. Und so sage ich dann doch nicht stop, weil es so monumental und doch normal ist, ihn hier bei mir zu haben. Irgendwann stellen wir im Laufe der Nacht fest, dass wir doch keine Zwanzig mehr sind und schlafen ein.
Trotz der kurzen Nacht bin ich um sechs Uhr schon wieder wach. Ich sehe in die Dämmerung. Kein Regen. Kein Gewitter. Immerhin.
„Wehe, du stehst auf!“, knurrt es aus dem Kissen neben mir.
„Und was wenn doch?“
Einen Moment später befinde ich mich in einer Art liebevollem Würgegriff. Bela kuschelt sich an meinen Rücken und nachdem sein Arm über meiner Brust wieder sanfter zu packt und ich wieder Luft bekomme, schaffe ich es tatsächlich nochmal für zwei Stunden weg zu schlummern.
*
*
__________________________________________________________________________________________
LYRICS
die ärzte – grau
Farin Urlaub – Apocalypse wann anders
die ärzte – Himmelblau
die ärzte – Mach die Augen zu
Weitere LINKS
FU Top 100 Bücherliste
FU-Homepage - Olivenöl- Dankesmail
Robert Schneider - Schlafes Bruder (Auszug)
Fanfiktion Teenagers in Love - Kapitel 2 mit der hier zitierten Gewitterszene
*
