Work Text:
Adam steht an Steig Nummer drei.
Dies ist der Prozess des Verschwindens.
Seine Tasche ist gepackt und seine Augen leer geweint, ein Erschöpfungsakt, doch sture Zweifel verneint. Alle Reserven verbraucht und die Kippen ausgeraucht, die letzten Cent eingetauscht gegen Kaffee to go und ein Hörnchen vom Bahnhofskiosk steht er da, mit nichts zwischen sich und dem dämmernden Morgen außer beißender Februar-Luft, eine Stunde Schlaf alles, was ihn auf den Beinen hält und ein Herz so schwer mit Leo, dass sie doch beinahe unter ihm zusammenbrechen. Der dicke alte Pullover aus dessen Schrank, in welchem Adam nun schier versinkt, riecht noch immer nach dem anderen Jungen und nach verbotenen Erinnerungen, ist gleichzeitig seine einzige Rüstung und bringt ihn gefährlich ins Schwanken.
Eine genauso kurz vor dem Kollaps zu stehen scheinende Bank wird frei zu seiner Linken und er lässt sich schwer darauf sinken, fühlt sich plötzlich lächerlich alt und verheerend jung zugleich, fühlt sich wie ein Fremdkörper in der Welt, der abgestoßen wird. Die Haare hängen ihm fettig in der Stirn und seine Finger bluten. Ein Kind schreit. Es will gar nicht mehr aufhören. Adam will mit schreien.
Zu seinen Füßen streiten sich zwei Tauben um etwas, das nur noch sehr entfernt an Essbares erinnert, und er leert die Krümel seiner Bäckertüte für sie aus, zerknüllt sie dann zu einem Ball, den er in seinen Händen hin und her rollen lässt, wie er den nun entzückten Vögeln dabei zusieht, wie sie sich über die Reste seines Frühstücks hermachen. Der Vorgang lockt natürlich zugleich den gesamten Rest der Population heran, und bald hat er nicht mehr zwei zankende Tauben vor sich, sondern zwei Dutzend. Er lächelt, oder jedenfalls so ähnlich, nur müder. Leo sagt immer, ein echtes Adam-Lächeln sei, wie im Lotto zu gewinnen und am selben Tag noch vom Blitz getroffen zu werden.
Hat gesagt. Leo hat immer gesagt.
Adam schließt die Augen.
Selbst der MP3 Player, auf dem er jetzt "Runaway Train" in Dauerschleife hört, wie ein trauriges Klischee, war ein Geschenk von Leo. Nicht mal zum Geburtstag oder irgendwas. Einfach so.
Vielleicht ist er doch noch nicht ganz leer geweint.
Er weiß, das hier ist die richtige Entscheidung, die einzige. Eben weil Leo so gut ist.
Eben weil er ihn so liebt.
Der Gedanke macht ihm keine Angst mehr, jetzt.
Das erste Mal war es gar nicht nachts passiert, trotz ihrer darauf entstandenen unausgesprochenen Regel, dass solche Gesten und Berührungen niemals die dunkle Stille von Leos Bett verlassen würden. Es war ein Morgen gewesen, wie jeder andere, ein paar Wochen nach Adams 16. Geburtstag. Fast genau ein Jahr her.
Er war nachts durch Leos Fenster, das dieser wie jede Nacht für ihn nur halb geschlossen gelassen hatte, so dass er es einfach aufbrechen konnte, zu ihm ins Zimmer geklettert gewesen, und obwohl es schon längst Routine für sie geworden war, und obwohl er sich wirklich wie stets bemüht hatte, Leo nicht zu wecken, hatte er es trotzdem getan. Und obwohl es eigentlich viel zu dunkel gewesen war, um Adams aufgeplatzte Lippen, sein blaues Auge, seine blutende Nase zu sehen, hatte Leo doch sofort gewusst, dass sie da waren, hatte Wasser, Desinfektionsmittel und Salbe schon bereit gelegt, hatte im sanftem Licht der Nachttischlampe in seinem Schoß gesessen, um ihn zu versorgen - und hätte Adam nicht solche Schmerzen gehabt, wären da nicht auch noch die tellergroßen Blutergüsse gewesen, die unter seinem T-Shirt versteckt seine Rippen geziert hatten, wäre da nur Leos Gewicht auf ihm und Leos Hände zart an seiner Wange gewesen, dann wäre diese Situation wahrscheinlich sehr viel gefährlicher gewesen, doch so hatte er das rasende Hämmern in seiner Brust leicht entschuldigen können, und für weitere verräterische Reaktionen war sein Körper dankbarerweise zu erledigt gewesen.
Leo kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass das Schlimmste sich immer unterhalb der Oberfläche verbarg, und hatte ihn daraufhin ausgezogen, bis auf die Boxershorts, und auch das wäre normalerweise fatal gewesen, doch sie waren nüchtern und ruhig gewesen in der eingeübten Prozedur, Leo rasch und lautlos bei seinem Lauf nach Eis, und wie sie dann dort gelegen hatten, eine Weile später, Leo eine erdende Präsenz in seinem Rücken so wie üblich, seine Arme vorsichtig um Adam geschlungen, da waren sie einfach nur noch davon gedriftet, raus aus der Welt, gemeinsam, und Adam hatte nicht zum ersten Mal den Gedanken gehabt, dass Leo sein Zentrum war und wenn Adam ein Kompass wäre, dann würde er immer auf Leo verweisen.
Am nächsten Morgen wachte Adam vor Leo auf, auch das war nicht ungewöhnlich, genauso wenig, wie dass sie sich über Nacht noch mehr ineinander verheddert hatten - oder dass sie beide erregt waren. Daran war ja sowieso nichts Seltsames, das passierte schließlich so gut wie jeden Morgen, selbst wenn man alleine war, und dass es sich sehr viel dringender und eindeutig anders anfühlte, wenn es so geschah, ließ sich meistens leicht genug verdrängen und sie hatten dem Umstand nie auch nur die geringste Aufmerksamkeit geschenkt. Aber irgendetwas war anders, diesmal. Irgendetwas überkam Adam an diesem Morgen, nach dieser Nacht, mit diesem Jungen in seinen Armen und diesem Ziehen von seinem Herzen in den Bauch direkt zwischen seine Beine, und plötzlich schien es überhaupt gar nicht mehr leicht zu verdrängen, eher unmöglich sogar, und das nächste, das er wusste, war Panik. Also sprang er auf und zog sich um und machte sich daran, so schnell und unbemerkt wie möglich davon zu kommen, doch als er sich umdrehte saß da plötzlich Leo wach auf dem Bett, die Beine unter sich im Schneidersitz verschränkt, die Kinn-langen Haare zerzaust wie ein Krähennest, die grünblauen Augen klein und verschlafen - und traurig. "Geh noch nicht", war alles, das er sagte. Es war noch nicht mal richtig eine Bitte, und doch eindeutig genau das.
Und ohnehin hätte er gar nichts sagen müssen eigentlich, weil sein Blick schon reichte für Adam, seine blassen Spätmärz-Sommersprossen im 10-Uhr-Sonnenschein durch die leuchtenden Vorhänge, sein ausgewaschener, kaum noch schwarzer Green Day Hoodie, der jede Woche mehr Löcher in den Ärmeln zu bekommen schien, die tanzenden Kastanientöne, die das warme Licht in seinen Haaren einfing - und sowieso schien alles an dieser Szene förmlich zu schimmern und zu glühen, würde es für immer in Adams Erinnerung; je mehr er sie betrachtete, desto heller würde sie werden - weil Leos pure Existenz in seiner Nähe, ein Funken seiner Aufmerksamkeit immer reichen würde, immer reichen würde, damit Adam bleibt. (So war es jedenfalls bis dahin immer gewesen. Und so sollte es auch wieder sein.) "Ich will ja gar nicht gehen", gab er sich also sofort geschlagen. Und Leo lächelte, sein bezauberndstes, triumphierendes Frühlings-Kind-Lächeln - und streckte die Hand nach ihm aus. Und was hätte er tun sollen? Natürlich ging er hinüber zum Bett und nahm sie in seine, ließ sich unter Gelächter zurück ins Bett ziehen, stimmte widerstandslos mit ein. Ließ sich von Leo durchkitzeln, der es sogar dabei schaffte, darauf zu achten, an keine einzige Prellung oder Schwellung zu kommen, ließ sich im Eifer des Gefechts sanft in die Matratze pressen, seine Hände spielerisch über seinem Kopf zusammengehalten, Leo über ihn gebeugt und strahlend wie ein Honigkuchenpferd - und was hätte er tun sollen? Denn da war etwas in Leos Augen und da war etwas in Adams Brust und da war so viel zwischen ihnen, das ganz plötzlich sich verschob und verrückte und unglaublich groß wurde, viel zu groß für zwei Jungen allein, um es zu halten, und noch viel plötzlicher waren seine Lippen auf Leos und genau so plötzlich auch schon wieder nicht mehr. Die Sekunden danach, in denen sie sich nur anstarrten und atmeten, erschienen wie ein halbes Leben für Adam, doch alles, was danach kam, das waren tausend, tausend Leben gelebt und tausend Tode gestorben. Es war natürlich objektiv betrachtet nichts sonderlich Überwältigendes, sie waren Teenager, es war das erste Mal, in zwei Minuten vorbei. Aber für Adam war es alles. Und dass sie sich danach hielten, mit nichts zwischen ihnen außer sich selbst, mit den Köpfen unter Leos Decke, die das Licht ganz in Rot tränkte; dass sie sich stumm hielten und dann sogar irgendwann vorsichtig anschauten, Muster und Pfade in des anderen Haut zeichneten mit unsicheren Fingern, die strichen über Augenlider, Nasenspitzen, Schlüsselbeine; dass sie dort so lange lagen und leuchteten, bis Leos Eltern nach Hause kamen und sie auseinanderflogen, als hätte eine Bombe eingeschlagen - jedoch wunderlicher Weise ohne, dass etwas zwischen ihnen kaputt ging - das war sogar noch mehr.
Was mit ihnen von dort an anders war, das war immer anders, und das war auch gut, doch sie wussten nicht, wie sie es mit sich tragen konnten, und so ließen sie es in Leos Zimmer. Und das war auch in Ordnung. Nur manchmal tat es weh. Aber Adam tut sowieso meistens alles weh, und Leo seit dem Tag in der Garage irgendwie auch, glaubt Adam. Einen Monat hatten sie gehabt. Einen Monat beinahe purer Sonnenschein. Das war besser als nichts.
Letzte Nacht hatte Adam Leo zum ersten Mal draußen geküsst, mitten auf der Straße. Ein gestohlener Abschiedskuss, der nur für Einen das tatsächlich auch sein konnte, und es war nicht fair, das wusste Adam, aber es war alles, das er hatte. Ein verlogener, verdächtig verzweifelter Mitternachts-Kuss, ein Buch heimlich unter Leos Kissen deponiert und drei Worte, die zu viel wiegen, um sie nun noch vor Leos Füße zu werfen, wo er sie jetzt ganz allein aufsammeln und mit sich herumtragen müsste - und die, noch viel schlimmer, Leo vielleicht sogar dazu gebracht hätten, Adam im Gegenzug seine eigenen zu überreichen, die Adams Herz in etwas so federleichtes verwandelt hätten, dass er es niemals wieder schaffen würde, es einzufangen. Und das wäre einfach nur egoistisch gewesen.
Leo wird sicher sein. Ihm wird es gut gehen, er wird ein normales Leben führen können. Irgendwann auch fort ziehen aus Saarbrücken, studieren oder eine gute Ausbildung machen, oder einfach irgendwas, worin er gut ist, das ihm Freude bringt.
Bessere Freunde finden. Erwachsen werden.
Ohne Adam.
Es war besser so. Es war, was er ihm schuldete. Das Mindeste.
Adam zieht am Filter seiner letzten Zigarette und schnipst das tote Ding auf die Gleise, kippt sich den Kaffeesatz den Rachen hinunter und stopft den inhaltslosen Pappbecher in eine überquellende Mülltonne, als die Bahn einrollt, kreischend und zäh, doch unaufhaltsam, so wie der heutige Tag.
Als er durch die sich widerspenstig für ihn öffnenden Türen tritt, überkommt ihn ein Gefühl wie eine Vorahnung, legt sich komplett über ihn, sinkt ihm in die Knochen und siedelt sich an in seiner Magengrube. Ob wie ein Schatten oder ein Lichtblick, er kann es nicht sagen.
Die Türen schließen sich hinter ihm.
Adam tut es ihnen gleich, und ist verschwunden.
