Chapter Text
Er rannte panisch und stolpernd durch den Wald. Immer wieder stürzend vor Schwäche und Schwindel. Zweige und Dornen zerkratzen ihm Arme und Beine aber er spürte es nicht. Seine Gedanken waren wild und unzusammenhängend. Alles was sie schrien war Flucht.
Angst beherrschte ihn, ließ sein Herz rasen und pumpte das Adrenalin, dass einzige was dafür sorgte, das er überhaupt noch stand, durch seinen Körper. Immer wieder verschwamm sein Blick und dunkle Punkte tanzten vor seinen Augen. Sein Atem ging schwer und seine Lungen schmerzten bei jedem Zug. Tränen rannen über sein Gesicht. Blut über seinen Körper.
Sein Kopf tat so weh... Alles tat weh.
Er wusste nicht wo er war oder wohin er lief. Er wusste nur das er fort musste von dem, was ihn angegriffen hatte und verfolgte. Von den Jägern, die ihn binden und schlagen würden. Die seinen Rücken in Fetzen rissen und Fragen stellten, die er nicht beantworten konnte. Fort von dem brüllenden Monster mit dem vor Hass und Mordlust loderndem Blick.
Ein Wimmern und Schluchzen entkam ihm, als eins seiner Beine nachgab und er um ein Haar gestürzt wäre. Gerade noch so konnte er sich an einem Baum festhalten, um sich wieder hochzuziehen und weiterzustolpern. Immer weiter. So weit wie möglich.
Bis plötzlich der Boden verschwand und er mit einem Schrei die Böschung hinabstürzte. Zitternd und stöhnend blieb er kurz liegen. Versuchte dann mit aller Kraft sich auf den Armen wieder hochzustemmen aber der Moment am Boden hatte ausgereicht, dass sein geschwächter Kreislauf endgültig zusammenbrach.
Bald holt ihn die Ohnmacht und lässt seinen Körper schutzlos im Graben einer Straße zurück.
[align type="center"]***[/align]
Etwa zwei Wochen zuvor verabschiedeten die beiden Prinzen Asgards ihre Eltern. Königin Frigga und Allvater Odin.
Da das Reich sich derzeit in einer beispiellosen Phase des Friedens befand, hatte das Herrscherpaar sich erlaubt, einige Tage für sich zu nehmen. Ihre Söhne mochten noch Teenager sein, waren inzwischen aber alt genug um, zumindest für eine Weile, die Verantwortung über Asgard zu übernehmen und der Senat würde ihnen in jeder Hinsicht zur Seite stehen.
Thor befehligte seit etwa zwei Jahren seinen ersten eigenen Trupp aus Freunden und zu seiner Eltern Missfallen, seinem Bruder. Es wäre sicher eine gute Übung für die beiden Prinzen, um die wahre Bedeutung der Regentschaft zu verstehen. Besonders Thor könnte einen Dämpfer in seinem Glauben, König sein wäre ein Zuckerschlecken, gebrauchen. Und außerdem, ein paar Tage nur für sie zwei, um ihre Liebe wieder aufzufrischen, sollten ja wohl machbar sein.
Natürlich waren die Nachrichten darüber, dass der Allvater mit unbekanntem Ziel aus seinem Reich ausreisen würde, wie ein Lauffeuer umhergegangen. Doch niemand machte sich deswegen allzu großen Sorgen. Was sollte schon passieren? Und selbst wenn, Heimdall konnte das Königspaar jederzeit zurückbringen.
„Thor, Loki solange ich und eure Mutter fort sind, seid ihr dafür zuständig Asgards Sicherheit und Schutz zu gewährleisten und natürlich auch den unserer Verbündeten. Verstanden?“ Abwechselnd sah Odin seine beiden Söhne mit strengem Blick an. Beide antworten fast schon synchron mit einem „Ja Vater.“
Odin nickte königlich, bevor er väterlich lächelte, Thor ermutigend die Schulter drücke und Loki wohlwollend zunickte.
In Momenten wie diesen wurde ihm bewusst, wie groß seine Jungs doch inzwischen geworden waren.
Er konnte sich erinnern als wäre es erst gestern gewesen, da war Thor noch ein pummeliger kleiner Wildfang, der ständig über alles lachte. Jetzt war er ein stattlicher junger Bursche. Durchtrainiert, muskulös und ein absoluter Mädchenschwarm. Ein gewaltiger Krieger und würdiger Erbe für den Thron, wenn es denn eines Tages soweit war ihn abzugeben.
Und Loki. Er dachte mit Wehmut und auch ein wenig mit Schuld zurück. Es glich fast einem Wunder, dass sein Jüngster heute hier neben seinem Bruder stand. So oft wie er als Kind am Rande des Todes wandelte.
Es war ihm früh klar geworden, das Loki niemals zu einem starken Krieger heranwachsen würde und er war in gewisser Weise enttäuscht gewesen. Trotz dessen er damals, als er ihn in den Ruinen fand, so klein und schwach war, hatte er insgeheim gehofft, er könnte zumindest für Asische Verhältnisse entsprechende Proportionen und Muskeln entwickeln. Es hätte vieles einfacher gemacht.
Er hatte Mitleid gehabt, aber er war ein Krieger auf Hunderten von Schlachtfeldern gewesen und hätte er jedes Kind des Krieges, mit dem er Mitleid hatte aufgenommen, würde der Palast aus allen Nähten platzen. In diesem Fall jedoch war es anders. Immerhin war dies nicht irgendein Kind und so war ihm der Gedanke durch den Kopf gegangen, den Jungen auf den Thron Jotunheims zu setzen.
Später erkannte er wie dumm dies war und hoffte, ihn vielleicht zu einem Botschafter zwischen ihren Reichen zu machen. Noch später verwarf er auch diese Idee. Loki würde dort nie willkommen oder auch nur akzeptiert sein, so wie er war. Die Riesen würden ihn vermutlich eher als Missgeburt betrachten und wohl kaum als ernstzunehmenden Gesandten.
Er hoffte gegen Anfang noch, Lokis Zustand würde sich mit der Zeit bessern. Dass er sich anpassen, stärker oder wenigstes kräftiger werden würde. Zumindest als Baby war er nicht so viel anders als normale, asische Kinder. Leider erfüllte sich diese Hoffnung nicht und beschämt musste er sich heute, so viele Jahre später, eingestehen, dass er damals insgeheim hoffte, das Kind würde einfach sterben und das Dilemma mit sich nehmen.
Bis es tatsächlich fast passierte.
Loki war erneut krank. Zu Anfang dachten alle, es wäre nur wieder ein leichter Infekt, doch dann verschlechterte sich sein Zustand dramatisch. Frigga bangte um sein Leben und als Odin ihn so dort in dem viel zu großen Bett liegen sah...
Loki sah so furchtbar zerbrechlich aus. Graue Schatten lagen auf seinen Wangen, die Augen glasig und der Atem schwer und rasselnd. Und Odin empfand reine Angst. Die Art von Angst eines Vaters, sein Kind zu verlieren. Er erinnerte sich in diesem Moment an diese großen, grünen Augen, die mit so viel Ehrfurcht und Verehrung zu ihm aufsahen und daran, wie Loki zum ersten mal „Baba“ sagte. Er erkannte in diesem Moment, dass alle seine Pläne für Loki völlig bedeutungslos waren. Er schämte sich dafür, je welche gehabt zu haben und betete zu den Nornen ihm seine schändlichen Gedanken zu vergeben und das Kind zu retten.
Loki erholte sich wieder und ihm viel ein Stein vom Herzen. Er schwor sich, und der Welt im allgemeinen, dass er den Jungen beschützen und alles tun würde, um ihn vor Schaden zu bewahren.
„Pass auf deinen Bruder auf Loki, Mjölnir mag eine mächtige Waffe sein aber er wird trotzdem deine Unterstützung brauchen. Sieh zu, das er sich nicht zu sehr übernimmt oder wieder so ein Debakel wie bei Freyas Ball veranstaltet. Und du Thor, sorg dafür das Lokis seine Nährstofftränken nimmt, du weißt wie gerne er das über seinen Studien vergisst.“ Frigga ihrerseits sorgte sich vielmehr um das Jetzt.
Während Odin seinen Erinnerungen nachhing, erinnerte sie ihre beiden Söhne daran, was sie alles tun, nicht tun und worauf sie zu achten hatten. Beiden sagten einfach an den entsprechenden Stellen Ja oder Nein.
„Oh bitte Mutter, ich bin nicht aus Glas.“ Besonders Loki war davon recht genervt und sein augenverdrehendes Stöhnen ließ Odin amüsiert schnauben, während Thor einfach frei lachte.
Frigga wusste, sie war vermutlich etwas zu übervorsichtig was Loki anging aber sie konnte einfach nicht anders. Zu oft hatte sie an seinem Krankenbett gesessen und seine Hand gehalten. Anders als Thor war Loki körperlich einfach... schwächer und anfälliger.
Obwohl er ein Eisriese war, war er kleiner als sein Bruder geblieben und dürr wie ein Zweig. Es hatte lange gebraucht, bis sie das Problem erkannten. Denn Loki war schon als Kind ein großer Esser gewesen. Sein Appetit schien unermesslich. Nur leider schien sein Körper kaum in der Lage zu sein, das Aufgenommene zu verarbeiten. Er aß und aß und wurde doch nicht satt davon.
Erst als Eir es nach vielen Versuchen schaffte, einen funktionierenden Nährstofftrank zu mischen, konnte das Problem zumindest teilweise gelöst werden. Er setzte trotz allem nie Fett an oder schaffte es Muskelmasse aufzubauen.
Ein anderes Problem ergab sich durch den Bannzauber der auf Loki lag. Er sorgte nicht nur dafür, das er wie ein Ase erschien, sondern verhinderte auch die Fähigkeit seiner Haut, als instinktive Reaktion auf Gefahr, auf tiefe Minusgrade hinabzukühlen. Dadurch kam es leider, das Loki seine Körpertemperatur nicht ausreichend regulieren konnte und unter den Temperaturen in Asgard litt. Doch sie konnten den Bannspruch nicht ändern. Jedes Mal, wenn er unter den Gefrierpunkt kühlte, zerbrach die Illusion. Ganz zu schweigen davon, dass er dann für jeden der ihn berührte eine Gefahr darstellte. Loki war ihr Sorgenkind gewesen und auch heute noch konnte sie sich ihrer Gefühle ihn bemuttern zu wollen nicht erwehren.
Natürlich traf das auch auf Thor zu. Ihren ungestümen, übermütigen Jungen. Hielt sich für den größten Krieger aller Neun Reiche und seit er Mjölnir erhalten hatte, auch noch für unbezwingbar.
„Natürlich Mutter. Ich passe auf Loki auf, so wie immer. Versprochen.“ Loki schnaubte bei Thors Worten amüsiert.
„Vermutlich werds eher ich sein, der auf dich aufpasst. Du bist derjenige, der sich immer wieder blindlings in den Kampf stürzt, ohne groß nachzudenken.“
„Was gibt es da nachzudenken, wenn ein Haufen schwer bewaffneter Trolle in Richtung einer Zwergensiedlung stapft?“
„Nun, sie könnten ja für friedlichen Handel kommen?“ Thor sah ihn seltsam an. Vater ebenso, während Mutter diplomatisch eine abwägende Geste mit der Hand machte.
„Ja, du hast recht Bruder, das ist eine ziemlich dumme Vorstellung. Da ist es wahrscheinlicher, einen Eisriesen zu treffen, der kein hirnloses, sabberndes Tier ist.“
„Loki! Das war mehr als unhöflich.“
„Entschuldige Mutter. Wo wir dabei sind Vater. Tyr sprach davon, dass die Riesen möglicherweise etwas versuchen könnten, während du nicht hier bist.“
„Das wird nicht passieren und ich hoffe sehr Thor, dass ich mich gerade getäuscht habe und dass keine Vorfreude auf einen Kampf in deinem Gesicht war. Die Riesen sind gefährliche und unbarmherzige Gegner und ihr zwei werdet euch gefälligst von ihnen und ihrem Reich fernhalten. Wir haben ein Abkommen mit ihrem König, welches wir einhalten werden.“ Odin sah Thor scharf an bei diesen Worten. Nur zu gut kannte er dessen dumme Ideen, um seinen Mut und seine Stärke zu beweisen.
„Natürlich Vater. Aber falls eines dieser Biester uns in deiner Abwesenheit anzugreifen versucht, werde ich es an Ort und Stelle niederschlagen. Für Asgard!“
Mit einem Blick, den Odin kannte, einem der aussagte, wir sollten es ihnen sagen, sah Frigga ihn an. Odin schüttelte nur den Kopf.
Die Wahrheit würde seinen beiden Söhnen nur Kummer bereiten. Es war gut so wie es war. Sie brauchten es jetzt noch nicht zu wissen. Genaugenommen, brauchten sie es nie zu wissen.
Niemand außer Eir und Heimdall kannten die Wahrheit und niemand ahnte auch nur das geringste. Das Geheimnis konnte für immer eines bleiben und seine Söhne würden nie davon belastet sein.
Außerdem, so fürchtete er, wenn es ans Licht käme, könnte es ihre Familie zerbrechen. Loki hatte es auch so schon schwer genug, wegen seiner Ernährungsprobleme und den häufigen Erkrankungen und fühlte sich deswegen oft betrübt und beschämt. Er sollte keinen weiteren Grund haben sich anders oder weniger wert zu fühlen als sein Bruder.
Oder das Gefühl haben, ihnen etwas schuldig zu sein dafür, dass sie ihn aufnahmen. Sich ihre Liebe verdienen zu müssen. Kein Kind sollte.
Erschwerend kam hinzu, dass Asgard den Jotunen alles andere als offen oder gar freundlich eingestellt war.
Etwas, wofür er auch sich selbst beschuldigen musste. Sie konnten nicht riskieren, dass Lokis wahre Abstammung öffentlich wurde. Asgards Krone hatte viele Feinde und noch mehr fehlgeleitete, selbsternannte Wächter, die in Loki einen Schandfleck des Königshauses sähen und ihn zu beseitigen versuchen würden.
Nein, Lokis Abstammung würde weiterhin verborgen bleiben. Am besten bis in alle Ewigkeit.
Ihre Eltern waren fort und mit einem Nicken verabschiedeten sich die beiden Prinzen von Heimdall, um zum Palast zurückzureiten.
„Und was machen wir jetzt Bruder?“
„Wir könnten ein Fest veranstalten, zum Auftakt unserer Herrschaft. Sowas soll Glück bringen.“
„Wir sind nur vorübergehend die Wächter von Vaters Thron Thor. Keine Herrscher.“
„Na und? Dann eben ein Fest für Glück als Thronwächter.“
„Du bist so ein Idiot. Ehrlich. Es gibt da übrigens etwas, das ich dir erzählen möchte.“
„Was ist es Bruder?“
„Nicht hier, Thor. Ich möchte noch nicht, dass es öffentlich wird. Es soll ein Geheimnis bleiben. Du musste versprechen es keinem zu sagen. Noch nicht. Auch nicht unseren Freunden.“ Thor murrte ein wenig darüber aber dann nickte er doch. Die Neugier überwog eben. „Es ist eine neue Magische Technik die ich entwickelt habe.“
„Eine neuer Trick ich verstehe.“ Damit ließ Thors Neugierde ein wenig nach. Mit Magie kam er einfach nicht klar.
„Kein Trick Thor. Das ist größer. Es könnte die magischen Künste revolutionieren!“
„Ich hoffe du übertreibst nicht schon wieder Loki.“
„Wann hab ich das schon jemals getan?“
