Work Text:
Menschen, deren Antrieb zerbrochen ist, wären besser tot.
– Margaret Mitchell (abgewandelt)
Er trifft ihn zum ersten Mal richtig auf dem Klo des dreckigsten Clubs im ganzen Großraum Tokyo. Wir schreiben das Jahr 1997, er ist fünfzehn und kotzt gerade ins Waschbecken.
„Sakuya“.
Irgendwas in dem Halblicht lässt ihn eine Sekunde lang hunderte Jahre älter erscheinen. Dann blinzelt Katou und die Illusion verschwindet und am Ende steht da nur Sakuya Kira, sechzehn Jahre alt, voller Trotz und Ausschweifungen, Aknemedikamenten und Schulschwänzen.
Er hat seine Schuluniform nicht ausgezogen, sie ist aber halb aufgeknöpft – zweifellos dank eines der Mädchen in diesem Club. Die Jackenknöpfe reflektieren das Licht der nackten Glühbirnen.
Kalte Hände mit zu langen Fingernägeln fahren über seine Wangen, dann in seinen Nacken. Kira hält seine Haare zurück, hat Stähnen zwischen seinen Fingern. Katou würgt, kotzt ins Waschbecken.
„Kannst du aufstehen?“ Kiras blaue Augen ziehen sich zusammen. Katou nickt.
„In Ordnung.” Kira scheint eine Ewigkeit ruhig zu sein. „Ich bring dich nach Hause.”
„Hab keins.“
„Dann nehm ich dich eben mit zu mir.“
„Was?“
„Ich sagte, ich nehme dich mit zu mir.“ Katou bemerkt den Geruch nach Bier in Kiras Atem und realisiert, dass er betrunken genug ist, einfach weiterzureden. „Ist ja nicht so, als hätte der alte Mann noch nie damit klarkommen müssen, dass ich irgenwelche Leute einlade.“
„Bin nicht irgendwer“, kriegt Katou hervor, bevor er sich erneut übergibt und die Welt schwarz wird.
Am nächsten Morgen wacht er allein in Kiras Bett auf. Er setzt sich auf, der Kopf pochend, und schaut sich seine Umgebung an.
Kiras Zimmer ist so kahl wie eine Gefängniszelle. An der Tür hängt das Bild irgendeines Models, gelockte braune Haare, blaue Augen, aber davon abgesehen befinden sich in dem Raum nur Notwendigkeiten. Ein Wecker. Ein CD-Player. Ein winziger Fernseher mit angeschlossenem Videorekorder.
Es riecht nach Zigaretten. Katou wühlt ein bisschen und findet eine Schachtel Salems unter peinlich genau gefalteten Boxershorts in Kiras Kommode. Das dazugehörige Feuerzeug sowie eine Schachtel Streichhölzer liegen auf dem Fernseher. Katou ergreift die Chance, sich auf Kosten des anderen Teenagers eine anzuzünden und schnippt die Asche auf’s Kopfkissen.
„Was glaubst du, was du da tust?“
Er hat nicht mal gehört, wie die Tür geöffnet wurde. Innerhalb von maximal fünf Sekunden war Kira zurück von da, wo auch immer er in der Wohnung gewesen sein mag, um sich neben ihn auf’s Bett zu setzen.
„Rauchen.“
„Irgendwie frech, sich einfach bei anderer Leute Zigaretten zu bedienen, weißt du.“ Aber Kira klingt kaum, als würde es ihn jucken. Er hat eine Schüssel Haferschleim auf dem Schoß und isst. Irgendwas daran, wie Kira den Löffel hält, ist seltsam, irgendwie schräg, aber Katou kann es nicht genau genug beschreiben, als dass er es erwähnen würde.
„Ich bin hier Gast, oder?“ Katou bläst Kira den Rauch ins Gesicht, nur um ihn anzupissen. Sein Schädel bringt ihn um.
Kira lacht darüber, ein unerwartet raues Krächzen.
„Was bedeutet, dass du es dir nicht allzu gemütlich machen solltest.“ Er stellt die Schüssel auf seine Kommode und bedeutet Katou, aufzustehen. Dann beginnt er, das Bett zu machen.
(ecken wie im krankenhaus)
(war als kind wohl in einem camp oder so)
Eine Weile lang fällt Katou nichts ein, was er sagen könnte, steht nur da und sieht zu, wie Kira das Laken glatt streicht und dabei die gleiche Eigenartigkeit an den Tag legt, bis–
„Salems sind Scheiße, weißt du.“
Kira blinzelt nicht einmal.
„Dann hör auf, meine zu rauchen.“
Katou zieht übertrieben an der Zigarette, auch wenn Kira ihm den Rücken zugedreht hat. So schlimm, wie er tut, schmecken sie gar nicht.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du auf diese Mentholscheiße stehst. Ich bin enttäuscht.“ Katou spielt mit der Zigarette herum und entscheidet sich dagegen, sie frühzeitig auszudrücken. „Ich dachte, du magst… Keine Ahnung. Camels oder Winstons oder so.“
„Ich hab sie nie versucht.”
„Ehrlich?“
„Ehrlich“. Kira setzt sich wieder auf das Bett. „Wie geht’s deinem Kopf?“
„Musst du überhaupt fragen? Du hättest eine halbe Stunde früher kommen sollen, dann hätte ich jetzt vielleicht nicht den Kater aus der Hölle.“
„Leb damit. Du bist immerhin nicht der Einzige.“ Kira zuckt mit den Schultern. „Du bist auf der Junior High, richtig?“
„Auf der gleichen, auf der du auch warst“, feuert Katou zurück. „Du erinnerst dich nicht an mich, oder?“
Aber 'erinnern' ist nicht das richtige Wort. Erinnern bedeutet, im Flur verstohlene Blicke auf Kira zu erhaschen, mit seiner Brille in der Brusttasche wie der totale Nerd, während er mit einem weiteren in einer langen Reihen von Mädchen rum macht. Ihm aus der Ferne zuzusehen, wie er sich im Schulgarten eine anzündet, in der Nähe des Parkplatzes.
Nein, Kira erinnert sich nicht an ihn.
Kira legt den Kopf zur Seite und zuckt mit den Schultern. Der Haferschleim steht immer noch vergessen auf der Kommode.
„Du kamst mir irgendwie bekannt vor, aber zur Hölle, eine Menge Leute kommen einem bekannt vor, wenn man sechs Bier hattest. Und du hast meinen Namen gesagt.“
Katou verdreht die Augen.
„Jeder, der auf unsere Junior High ging, kennt deinen Namen, das bedeutet gar nichts.“
(lügner)
„Ich bin Katou.“
Die nächsten zwei Jahre verbringt er viel Zeit bei Kira. Kira pierct ihm die Ohren, Kira besäuft sich mit ihm, Kira bietet ihm einen Platz zum schlafen und um sich zu bekiffen.
An guten Tagen gibt Kira ihm Nachhilfe, hauptsächlich Geschichte – seltsam, dass jemand, der so klug erscheint und so viel liest, nur in einem einzigen Fach gut ist. Er geht die Namen und Daten mit müder Geduld durch, versucht sie, sie so in Katous Verstand hineinzupressen, dass er zumindest den Test besteht.
Er sollte sich deswegen wie Kiras persönlicher Pflegefall fühlen, tut er aber nicht.
(dafür ist er zu sehr arschloch)
Vielleicht liegt es daran, dass Kira bei gar nichts wirkliche Freude zu empfinden scheint, nicht beim Sex mit den Mädchen aus der Schule, nicht beim Trinken, nicht beim Feiern. Auch nicht dabei, Katou aus schwierigen Situation zu helfen, angefangen beim Drogenmissbrauch bis hin zu seinen Hausaufgaben.
In den seltenen Momenten, in denen er clean und nüchtern ist, fällt ihm auf, dass Kira sich mehr wie ein Schauspieler als wie ein Teenager benimmt. Und zu diesem Zeitpunkt verbringt Katou bereits fünf von sieben Tagen bei Kira.
Als er sich nach allem wieder mit Kira trifft, nach seinem Tod, nachdem er durch den Hades gewandert war, ist er nicht überrascht zu sehen, dass der Schauspieler eine echte Erleichterung ist. Zumindest in Katous Kopf sind sie wieder in der High School. Eigentlich hätten alle Lichter ausgehen sollen, die Vorhänge sollten sich zum letzten Mal schließen, mit einem Stückchen LSD-Papier auf dem Boden und einem Duzend Dosen Bier auf der Kommode und dem Bett. Früher sah die Realität so aus, dass er morgens nach einem Besäufnis geradewegs in Kiras Gesicht gestarrt hat, ihm dann zuzusehen, wie er ohne ein Wort verschwindet, um zu duschen, als ob es das Natürlichste der Welt sei.
Und vielleicht war es das für Kira auch. Kira war danach immer verkatert, genau wie Katou, geschwollene, eigentlich blaue, aber jetzt blutunterlaufene Augen hinter seiner Brille, eine Hand in den Haaren. Die Hälfte der Zeit ging der danach trotzdem zur Schule, wenn auch mit schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck.
Während ihrer improvisierten Drogenfesten hatte er nie irgendwas angefasst außer Alkohol.
Zumindest ist es das, woran sich Katou erinnert.
Sein Gedächtnis ist nicht mehr das Beste. Zuerst schob er das auf den Stress, den Druck – der Tatsahe, dass er unter Beschuss steht und das schon, als er als Setsunas Beschützer geendet hat, vielleicht sogar schon davor. Dann nahm er an, dass es einfach am Entzug lag.
Inzwischen weiß er es besser. Sein Verstand verabschiedet sich.
Er erwischte sich selbst dabei, wie er sich dumme Fragen gerade noch verkneifen konnte: wie er still Setsuna anstarrte und sich fragte, wer zur Hölle das ist, wie er zu Kira hinüber sah und sich ums Verrecken nicht an Kiras Vornamen erinnern konnte.
Katou kann das Aussehen von jedem annehmen, den er will, aber verliert sein eigenes. Das geht schon eine ganze Weile so – plötzlich befindet er sich wo anders, fühlt, wie sich ihm langsam das Fleisch vom Gesicht schält, bevor er sich wieder an etwas Reales klammern kann, etwas Anfassbares, um seinen Verstand zu retten – sein Gesicht.
Ein Gesicht bewahren. Katou weiß, dass es pures Glück ist, dass er nie länger als ein paar Minuten die Identität von jemand anderen annimmt, wenn er die Zurechnungsfähigkeit verliert. Der Tag wird kommen – irgendwie kann er es spüren. Yue Katou, der harte Individualist, verliert sein Erinnerungsvermögen, seinen Verstand und sein Gesicht schneller, als er einen Joint rauchen kann.
Er versucht, es aufzuhalten. Er würde alles aufschreiben, wenn er hier nur Papier auftreiben könnte, seine Erlebnisse aufschreiben und sie zusammengefaltet in die Hosentasche seiner Jeans stecken. Er würde Kira bitten, ihn zu erinnern, wenn das den kümmerlichen Resten seines Stolzes nicht entgültig den letzten Schlag verpassen würde. Wenn Kira ihn nicht so durchdringend ansehen würde und ihn nach dem Grund fragen und ihn zwingen würde, es zu erklären.
Katou hat einen anderen Plan, nicht weniger demütigend, aber vielleicht, wenn er es richtig macht, ist es wenigstens schnell vorbei. Ohne weitere Fragen.
Er weiß aus Erfahrung, dass Kira Schlaf mehr als freundlichen Vorschlag als als Lebensnotwendigkeit betrachtet und wenn wie durch ein Wunder Kira doch zu Bett geht, wird er ihn wecken. Katou sitzt eine Minute lang nur auf dem Bett. Kira sieht ihn erwartungsvoll an.
„Kannst du nicht schlafen?“
„Nö. Ich wollte eine rauchen.“ Katou verzieht das Gesicht, als er das sagt. Kira wirft ihm einen bösen Blick zu, wirft ihm aber die halbleere Schachtel hin.
(natürlich sind es salems)
(er war so versessen auf seine verdammten mentholzigaretten)
(oder nicht?)
Katou nimmt sich trotzdem eine Zigarette aus der Schachtel, stellt sein Feuerzeug auf automatisch, seine Hände zittern, als er sich die Zigarette zum Mund führt.
„Was ist los?“ Kira beugt sich vor, macht die Lampe an. Katou verdreht die Augen, als er sieht, dass Kira komplett angezogen zu Bett gegangen ist.
„Nichts. Nur…“, sagt er schleppend, während er halb darauf wartet, dass Kira spottend die Lücken füllt, wie er es sonst immer tut. „Ich werde hier sterben, Kira. Du wirst sterben.“
„Wir sind schon tot.” Das kleinste Lächeln zuckt auf Kiras kantigem Gesicht und eine Minute lang will Katou Kira für sein bloßes Dasein hassen.
„Aber nicht richtig, oder?“, sagt Katou halb fragend, halb anschuldigend. „Wir sind noch da. Reden noch. Noch lebendig genug, um zu– zu rauchen und zu essen und–”
„Der Tod ist also relativ. Ist auch egal.“
„Es ist nicht egal! Verdammt, Kira, hör mir zu!“ Er streckt die Hände aus und fasst nach Kira Schultern, schüttelt ihn. Er bemerkt zum ersten Mal, wie dünn sie sind, wie die Knochen aus dem Fleich herausstechen. Ein lebendiger Leichnam, das ist alles, was er da schüttelt, das Leben pellt sich von ihm wie eine Tapete von der Wand.
(genau wie ich)
(himmel, er ist genau wie ich)
Katou lässt ihn los. Nach einer Minute ändert sich Kiras Gesichtsausdruck, wird beinahe weich.
„Ich hör zu. Was willst du?“
„Ich– Kira, bitte…”
Er drückt die Zigarette mit den Fingern aus, lässt sie auf den Boden fallen. Er fasst wieder in Kiras Shirt, fummelt an den Knöpfen herum. Öffnet den obersten. Den nächsten. Kira hat sich nicht bewegt. Der nächste. Das Hemd ist schon halb offen und Kira sitzt nur da. Im schwachen Licht kann Katou die obere Hälfte des Blutmals auf seiner Brust erkennen.
Dann schnappt sich Kira Katous Hände. Der Griff ist im besten Falle halbherzig.
„Du willst das nicht.“
„Von wem sonst soll ich es bekommen? Setsuna?“ Katou schnaubt. „Kurai? Hier geht es nicht um dich persönlich, Kira, es geht um–”
(es geht darum, mich selbst zu überzeugen, dass ich noch am leben bin)
(ich bin noch real, ich bin jemand)
(ich bin katou, katou, im zweiten jahr der high school, siebzehn jahre alt, einen meter siebenunsiebzig groß, süchtig nach zigaretten, speed und heroin in dieser reihenfolge – und mein bester freund, er ist sakuya kira, er ist nichts als ein verdammter punk, der sich mit der einen hälfte des abschlussjahrgangs geprügelt und mit der anderen gefickt hat)
(und ich bin nicht wirklich tot es gibt keine engel das passiert gar nicht wirklich)
(und ich vergesse nicht wer ich bin tu ich nicht kann ich nicht)
„Es geht um–“
Kira legt Katous Hände in seinen Schoß und öffneten die anderen Knöpfe selbst.
So hatte er es nicht erwartet. Kira ist kein sanfter Mensch, das wusste er schon seit Jahren (oder nicht?), aber er ist auch kein stürmischer Küsser. Wenn überhaupt küsst er zurückhaltend, während er mit den Fingern durch Katous Haare fährt, küsst ihn meistens auf den Schlüsselknochen statt auf die Lippen. Katou muss nicht einmal nach unten sehen, um zu wissen, dass Kira nicht im Geringsten erregt ist, und er ist es auch nicht.
Beinahe will er Kira sagen, dass sie aufhören können, aber dann fällt ihm auf, dass niemand anderes das für ihn tun würde.
„Tu wenigstens so, als wärst du interessiert. Wir sind nicht mehr auf der High School, niemand sonst steht Schlange, um in dein Bett zu hüpfen.“
Und irgendwie hört er Kiras krächzendes Lachen zum zweiten Mal in seinem Leben. Irgendwie reicht das, dass er Kira nahe an sich heranzieht, genug, dass er danach am Saum von Katous Shirt zieht, es mit einer betrügerischen Taubhaut hoch zieht. Katou zieht es aus, wirft es auf das Bett.
„Vielleicht wusste ich, was du meinst.“
Kira murmelt die Worte gegen Katous Hals, eine Feststellung, nicht mehr, deswegen antwortet Katou nicht, er legt nur den Kopf schräg, so dass er Kira küssen kann, mit seiner Zunge in Kiras Mund, nur, damit er ruhig ist. Ein oder zwei Sekunden lang befindet sich Katou in Kiras seltsam warmen Mund, ein Mund, der nach Mentholzigaretten und Kodein schmeckt. Aber dann zieht Kira sich in der Stille zurück.
„Was genau?“, spukt Katou aus.
„Über’s Sterben. Schau, Mann, die Franzosen“, sagt er, während er mit den Fingern über Katous Rücken fährt, „haben einander immer gefickt, wenn sie den Morgen bei der Guillotine verbracht haben.“
„Was, warst du dabei oder so’n Scheiß?“
(gott, hör auf, kira)
(ich bin nicht hierher gekommen, um mit dir zu reden und du weißt das, du weißt das verdammt gut, also hör auf–)
„Ja. Ich hab das bei den Aufständen gesehen. Hab gesehen, wie Robespierre sie da draußen manchmal angeführt hat. Aber er hat nicht Alexiel angeführt. An dem Tag stand ich mit ihr auf dem Wagen.“
„Kira, das ist mir egal.“
Er fährt fort, als wäre er nie unterbrochen worden.
„Ich konnte ihr nicht helfen. Sie hatten mich aufgeladen wie Vieh, ich hatte schlecht über Robespierres Schlachtungen gesprochen und Alexiel dazu auch noch verteidigt. Ich hatte damals keine Waffe und die Menge war ziemlich groß – sie brachten ihre Kinder mit zu den Hinrichtungen, zumindest am Anfang. Ich stand da und hab zugesehen, wie sie ihr die Binde über die Augen legten, sie über die Plattform beugten. Ihr den hübschen Kopf abschnitten… Dann fiel er in den blutigen, kleinen Korb und das war das Ende dieses französischen Mädchens, dass sie den Engel der Hinrichtung nannten. Ich hab gesehen, wie jemand ihren Kopf aus dem Korb genommen und ihr eine Ohrfreige gegeben hat, bevor ich zur Guillo–“
„Halt die Klappe“, murmelte Katou, während er sich zurückzog. „Das hat hiermit rein gar nichts zu tun.“
„Natürlich hat er das. Tod und Sex tanzen immer Walzer miteinander.“ Kiras Mundwinkel verzogen sich zu einem schiefen Lächeln.
„Was auch immer. Wenn du einen Rückzieher machen willst, hättest du es mir einfach sagen können, anstatt mir irgendwelchen Scheiß über Alexiel zu erzählen. Bastard.“
„Ich mach keinen Rückzieher. Ich will’s dir nur sagen.“ Kira fasste wie als Beweis nach Katous Handgelenken.
(immer noch der gleiche bastard)
„Vergiss es. Vergiss es, weißt du? Scheiß auf dich. Ich will es gar nicht mehr.” Katou zieht sein Handgelenk voller Abscheu zurück. Sein Gesicht brennt und er wünscht sich, Kira hätte den Anstand besessen, das Licht zu löschen, als sie hiermit angefangen hatten. Er nimmt sein Shirt vom Bett.
„Katou– verdammt, Katou, ich hab es nicht so gemeint–“
„Trauer deiner toten Freundin so viel hinterher, wie du willst. Kümmer dich gar nicht um deinen toten besten Freund. Sie ist schon Gott weiß wie lange weg, aber ich bin noch da. Ich bin hier der, der den Verstand verliert, ich bin der, der dich anfleht, Sex mit mir zu haben, nur damit ich mich erinnern kann. Aber du kannst ja nicht mal rummachen, ohne über sie zu reden.“
„Katou.“
Kira schnappt ihn sich bei den Schultern.
„Katou, schau, es tut mir leid–“
„Wie sehr willst du sie, hä?“
„Was?“
Dicke, lockige, braune Haare, große, blaue Augen. Das Letzte, was er gesehen hatte, bevor sie zum ersten Mal starb. Dieses Gesicht – dieser Körper, runde, feste Brüste – sanfte, kurvige Hüften. Katou konzentriert sich auf dieses Bild, brennt es in seinen Verstand ein wie ein Brandmal und fühlt, wie sich seine Züge zu ihren wandeln. Er zieht sich die Jeans eine Sekunde vor dem Zeitpunkt aus, am den sie nicht mehr passen. Und er beobachtet mit hitziger Genugtuung wie alle Farbe aus Kiras Gesicht verschwindet.
Er versucht, den Blick abzuwenden, Katou weiß es, aber er schafft es nicht. Katou hilft ihm nicht dabei, starrt zu ihm hinauf, sitz zunächst wortlos auf dem Bett. Kira ist zu überwältigt, um sich auch nur daran zu erinnern, seine (alexiels) Schulter loszulassen. Warte, nein, jetzt krallt er sich daran fest, die Nägel bohren sich in seine Haut. Katou zwinkt sich, nicht das Gesicht zu verziehen, sich nicht zurückzuziehen.
„Beindruckt?“ Ihre Stimme kann er nicht nachmachen, aber das ist egal. Der ganze Rest von ihr ist hier. „Das ist, was du wolltest, oder? Mach dir keine Sorgen deswegen, Kira, ich bin gerne ruhig, während wir–”
Er trifft ihn zum ersten Mal richtig in einem Schlafzimmer in einem verlassenen Gebäude in einer der besseren Ecken von Anagura. Wir schreiben das Jahr 1999 in einer Welt, in der Zeit keine Bedeutung hat, er ist siebzehn und er will sich übergeben.
